Er lief. Seine Beine berührten nur in kurzen Abständen den Boden, sein Herz pumpte in schnellen Schlägen, das Blut rauschte hart in seinen Ohren. Er fühlte sich an das Meer erinnert, obwohl er nie dort gewesen war. Nicht ablenken lassen, schalt er sich selbst, denn wer in seine Fantasie eintauchte, forderte sich nicht hart genug. Er beschleunigte seinen Rhythmus, die kalte Nachtluft zog an ihm vorbei, glitt über die glitzernden Schweißtropfen, die sich auf seiner Stirn gebildet hatten. Alles, was zählte, war, zu laufen. Seinen Atem in den Griff zu kriegen. Angewidert dachte er an die Schwächen, die sein Körper seit einigen Tagen zeigte. Die Erkältung saß ihm in den Knochen, sein Atem ging nur schwer, er konnte nicht so schnell laufen, wie er es sonst tat, dabei gab es einen festen Plan.
Früh morgens um 6 aufstehen, etwas Konditionstraining und danach frühstücken, vorausgesetzt, er hatte gute Leistungen gezeigt, ansonsten entzog er sich den Genuss eines Frühstücks und zwang sich nur einige Energiegetränke hinunter, die seine Kraftreserven auffüllten. Punkt 9 der erste kurze Lauf durch den Park, um die Strecke zu testen, seinen Körper in Fahrt zu bringen, sich darauf vorzubereiten, dass er ihn schon wenige Stunden später an die Grenze bringen würde, um den Schmerz in einem Triumphzug durch sich hindurch rasen zu lassen, bis er ihn wie mit kleinen Nadeln unter jeden Quadratzentimeter seiner Haut stach. Mittags konnte der eigentliche Lauf beginnen. Seine Runde führte ihn jeden Tag die gleiche Strecke entlang und er kannte sie im Schlaf. Er musste sie im Schlaf kennen, denn nach einigen Kilometern pumpte sein Herz so schnell, der Schmerz in seinen Beinen wurde so groß und die Muskeln verhärteten sich. Seine Beine fanden den Weg von alleine. Während das Brennen in pulsierenden Wellen durch seinen Körper schoss, behielten seine Beine den Überblick und liefen weiter. Doch auch zu Anfang, wenn sein Körper noch nicht zu nah an der Grenze war, achtete er nicht auf seine Umgebung, nur auf seinen Atem und seine Schrittfolge. Es war wichtig, den richtigen Rhythmus zu finden. Einen Rhythmus, der von seinen Beinen vorgegeben wurde, bis sein ganzer Körper sich in ihm bewegte, er das Gleichgewicht fand und im Einklang war.
Das war einer der Momente, die er anstrebte. Das Gefühl, in sein eigenes kleines Universum zu gleiten; einer, der den Rhythmus gefunden hatte, während hunderte um ihn herum noch immer ihren Alltagssorgen unterworfen waren, die er nun getrost vergessen konnte. Das Licht schmeckte in diesen Minuten intensiver, die Klänge rochen süßer und frischer, der Weg unter seinen Füßen hörte sich sicher und alles fühlte sich wie glatte Seide an, die über seinen schweißnassen Körper strich. Er hörte einen kläffenden Hund und obwohl er weder den Hund noch seine Besitzerin je gesehen hatte, wusste er einiges über sie, denn jeden Tag, zur gleichen Zeit, hörte er das Bellen des Hundes. Eine Stimme, die Natalie Simons aufforderte, ihren Hund zum Schweigen zu bringen und Natalie Simons, die scharf antwortete: „Mein Baby darf auch mal bellen.“.
Ohne den Kopf zu heben lief er an der Frau und ihrem Hund vorbei, blendete ihre Stimmen völlig aus, bis nur noch das Geräusch seines Atems ihn ausfüllte. Trotz seines schnellen Laufs atmete er noch ruhig. Ein. Aus. Ein. Aus. Er genoss die Kraft, die sein Körper zeigte, die er ihm abverlangte und das Wissen um die Macht, die er über ihn hatte, verschaffte ihm ein Hochgefühl, sodass die nächsten Schritte sich federnd wie auf Wolken ihren Weg an den Gebäuden vorbei suchten. Wie große Rechtecke aus Stein ragten sie um ihn herum auf. Das Gerichtsgebäude zu seiner Rechten, er konnte die Anwälte hören, ihren schnoddrigen Snobismus riechen, der wie Dung in seine Nase wehte und es für einen Moment schaffte, seinen Atemrhythmus zu stören. Fluchend versuchte er, sich wieder einzupendeln. Sein Körper hatte sich ablenken lassen. Während er seinen Zorn darüber hinunterschluckte und von vorne begann, seinen Rhythmus zu finden, wusste er bereits, was das bedeutete. Sein Körper wurde die doppelte Strecke laufen müssen. Eine Strafe, für den Fehler, den er gerade gemacht hatte, nur weil der Gestank, der belanglose Gestank, in seine Nase gedrungen war. Bei dieser Drohung an sich selbst verhärteten sich die Muskeln seiner Beine noch mehr, doch er würde nicht stehen bleiben. Nicht stehen bleiben, um den kindischen Schwächen seines Körpers nachzugeben, denn er hatte ein Ziel zu erreichen. Er musste seinem Körper vertrauen können. In allen Lebenslagen. Bis das der Tod sie schied.
In sich hinein grinsend dachte er über diese Phrase nach und überlegte, ob man seinen eigenen Körper wohl heiraten könne, ehe er seinen Geist rasch wieder abschottete. Er durfte den Rhythmus nicht noch einmal verlieren, sonst würde er den Umfang der Strecke erneut verdoppeln müssen und er wusste, dass sein Körper ihn daraufhin enttäuschen würde. Dieses wertlose Stück Fleisch, auf das er angewiesen war. Schon früh hatte er diesen Umstand begriffen. Noch bevor die Ärzte seiner Mutter und ihm sagten, dass er nie normal sein würde. Doch er hatte es ihnen gezeigt. Ihnen allen. Seinen Ärzten, die ihm sagten, er würde nie Laufen zu seinem Beruf machen können. Seine Mutter, die ihn betüttelte, als würde sie den Ärzten glauben. Seinem Vater, der nicht länger in ihrer beengenden kleinen Welt hatte leben wollen, die sich nur um den kranken Sohn drehten. Er wusste es noch nicht, aber er würde es wissen. Würde wissen, dass sein Sohn es allen gezeigt hatte. Durch das Abschweifen seiner Gedanken wurde sein Atem keuchend, fast verlor er seinen Rhythmus, doch diesmal würde ihm das nicht wieder passieren. Er würde weiterlaufen. Immer. Bis er mit Fug und Recht behaupten konnte, dass er und sein Körper zusammen lebten. Der Körper, seine Wohnung. Er der Mieter. Denn als Mieter sah er sich, wenn auch zugleich als Vermieter, denn er machte die Regeln. Auch, wenn es Tage gab, an denen er seinen Körper erst davon überzeugen musste. „Meine Regeln.“, die Worte verhallten klanglos in der kalten Luft, nachdem sie wie Nebel aus seinem Mund gestiegen waren. Doch er sah den Nebel nicht, sah seine Worte nicht, die gefroren hinter ihm zurück blieben. Er lief. Nie dachte er daran, wann er sein Ziel erreicht haben würde. Er wusste, dass solche Gedanken ihn bloß schneller laufen ließen. Sein Körper würde schneller an seine Grenzen gelangen und der Weg nach Hause würde um ein großes Maß an Schmerz bereichert werden, den er genießen würde, sein Körper jedoch nicht. Für ihn bedeutete Schmerz, dass er eine Grenze überschritten, es sich selbst, seinem Körper und jedem anderen bewiesen hatte. Schmerz. Schmerz, der sich wie flüssiges Feuer durch seine Muskeln und Gelenke zog, Flammenherde in seinen Knien und Waden bildete. Schmerz, den es zu genießen galt, als wäre es eine besonders leckere Mahlzeit. Der Weg schien schmaler zu werden, schwieriger zu belaufen. Die Luft gelangte nur noch durch ein schmerzhaftes Aufreißen seines Mundes bis hinab in seine Lungen. Er lief. Kalte Winde glitten über seinen Körper. Heißer Schweiß lief ihm die Stirn hinab in seine Augen. Seine Augen. Seine nutzlosen Augen. Das Geräusch der vorbei fahrenden Autos veränderte sich. Hallte unnatürlich in den Häuserschluchten wider. Suchte sich einen Weg zu seinen Ohren, die er vor den Tönen verschloss. Ganz im Rhythmus zog er sich in seinen Körper zurück. Hielt ihn noch eine Sekunde an der Leine und lies sie ruckartig los. Er lief. Während er selbst zurückgezogen in seinem Kopf saß, lief sein Körper. Lief ans Ziel.
„Guten Abend meine Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich zu Stern TV. Heute bei uns zu Gast: Der blinde Läufer Curro Cursura, der uns etwas über seine Lauftechnik erzählen wird.“, tosender Applaus wallte auf, während er sicheren Schrittes das Studio betrat. Sicheren Schrittes. Ein Lächeln zog über sein markantes Gesicht, das er nie gesehen hatte, wusste er doch, dass die sicheren Schritte nur möglich waren, weil er bereits vor Stunden hier angekommen war. In akribischen Schritten hatte er das Studio begangen. Den Rhythmus erkundet. Gewartet, bis die anderen Sendungen abgedreht waren, sodass er weiter machen konnte. Es musste es allen zeigen. Er würde es allen zeigen. Er lief. „Herr Cursura, Sie sind blind und doch laufen Sie jeden Tag eine 20 Kilometer lange Strecke. Wie machen Sie das?“, klang Günther Jauchs Stimme an sein Ohr und zielsicher wandte er dem Moderator seinen Blick aus milchig weißen Augen zu. „Wissen Sie, darüber habe ich nie nachgedacht.“, langsam richtete er seine Augen der Kamera entgegen, das Klacken der Räder, das Schleifen der Kabel, all die kleinen unscheinbaren Geräusche hatten ihm verraten, wo sie war. „Ich wusste immer, dass ich laufen kann.“, erklärte er, hart in die Kamera blickend und dachte bei seinen Worten an seine Mutter, die nun sicher mit Tränen in den Augen vor dem Fernsehapparat sitzen würde. An seinen Vater, der entsetzt sein Gesicht in den Händen verbergen würde, sich erinnernd, wie er Curro, erst sanft, schließlich zornig zu verstehen gab, dass er niemals laufen würde. An seine Ärzte, die ihm sagten, er sei blind und könne keinen 20-Kilometer-Lauf machen, schließlich sähe er den Weg nicht. An all diese Menschen dachte er, während seine trüben Augen auf das Publikum dort draußen gerichtet waren. Er hörte nicht mehr, welche Frage Günther Jauch als nächstes stellte. Hörte nicht mehr die betriebsamen Geräusche des Studios. Er hörte nur noch seinen Herzschlag, der sanft in dem Rhythmus schlug, den er sein Leben lang angestrebt hatte.
Er lief.
[...] ich das selbst nachgucken muss, weil… ist doch völligst irrelevant. Der erste Beitrag ist vom 22. Juni 2009 und zeigt sehr schön, wie WordPress so gar nicht auf die Formatierungen klarkommt, die vorher bei [...]