1. Akt: “Das fremde Mädchen” oder “Wie ich mein mütterliches Erziehungstalent einsetzte”
Ich betrete den Warteraum, der natürlich gerammelt voll ist, wie immer, wenn ich mich dazu entscheide, zum Arzt zu müssen. Ob es ein Hannah-muss-zum-Arzt-Radar gibt, das anzeigt, wann ich losgehe und nervtötende Piepstöne von sich gibt, bis alle Bewohner Siegens ebenfalls zum Arzt pilgern? Wie dem auch sei, es ist noch genau ein Sitzplatz frei, den ich mir natürlich unter den Nagel reiße, ehe noch mehr Patienten ihn entdecken. Meiner, meiner, meiner! Schon nach wenigen Minuten wird mir allerdings klar: Hier will ich gar nicht sitzen. Neben mir sitzt eine aufgetakelte 13jährige, die so tut, als wäre sie 16 – ist sie aber nicht. Sie malträtiert ihren Kaugummi als gäbe es kein morgen, macht dazu wiederkäuende Kuhgeräusche, die entweder andeuten sollen, wie unglaublich cool sie ist oder einfach ein Ausdruck des Genusses von nach-nichts-schmeckendem Kaugummi sind und wackelt mit ihren ringelstrumpfbedeckten Beinchen. Soweit noch erträglich. Ein fremder Mann wuchtet sich aus seinem Stuhl hoch, nachdem er aufgerufen wurde – Kommentar der 13jährigen (so laut, dass nicht nur ich sondern auch der Mann es hören kann): “Was für ne fette Sau”. Düüüt: Gerade hat sie noch mehr Minuspunkte eingesammelt. Nachdem 15 Minuten vergangen sind, wird endlich der nächste Patient aufgerufen: Eine ältere Dame, die vorher jedem willigen Zuhörer erklärte, dass sie ein künstliches Hüftgelenk hat und das Leben schon ziemlich schwer sei. Mühsam versucht sie aufzustehen, ohne es wirklich zu schaffen. Kommentar der 13jährigen: “Boah ist die alt, voll peinlich.” Gedanklicher Kommentar meinerseits: “Ok, du musst erzogen werden.” Lauernd wartete ich darauf, dass ihr gelangweilter Blick mich streifte – was nicht lange dauerte – und verzog just in diesem Moment mein Gesicht. Irritiert guckte sie weg, während ich meinen nächsten Schritt vorbereitete und ein Taschentuch hervor holte, um es mir vors Gesicht zu halten, weiterhin einen angewiderten Ausdruck. Ihre Irritation wuchs. Wie nebenbei fischte ich mein Handy aus der Tasche, um eine SMS zu verschicken: “Man, neben mir sitzt so ein Mädchen und die stinkt so fürchterlich, dass ich aus dem Fenster springen will.” Während das Mädchen so tat, als würde sie die Wand neben mir betrachten, in Wirklichkeit jedoch auf mein Handy starrte, das ich extra so hielt, dass sie alles gut lesen konnte, schickte ich die SMS ab. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich zu einer Mischung aus Verlegenheit und Bestürzung – aber ich hatte noch nicht genug. Nach weiteren 10 Minuten schrieb ich erneut eine SMS: “Ob ich ihr sagen sollte, dass sie stinkt? Das ist wirklich nicht zum Aushalten.” Abrupt stand das Mädchen auf und verließ den Raum. Mission erfolgreich und das gerade rechtzeitig, weil ich jetzt endlich auch mal zum Arzt darf.
2. Akt: “Wie ich den Arzt bezirze” oder “Kompetenz wird hier klein geschrieben”
Ein kurzer Händedruck und ein desinteressiertes Lächeln leiten die Erzählfreudigkeit des Arztes ein: Der Apotheker heißt Günther, er fährt ein Auto mit acht Zylindern, während sein eigenes nur sechs hat. Freundlich lächelnd und nickend saß ich da und nickte und lächelte noch immer, als er mich fragt, wo denn der Schuh drückt – Lächeln hochschrauben, aufhören zu nicken, kurz und kläglich husten: “Ich weiß auch nicht, vielleicht hab ich ja die Schweinegrippe”. Verständnisvolles Nicken des Arztes geht einem weiteren Diskurs über Automodelle voraus, den ich lächelnd und nickend begleite. Um ihm zu signaliseren, dass ich jetzt langsam nicht mehr will, huste ich noch ein paar mal kläglich und ziehe demonstrativ meine Nase hoch – stört ihn nicht, er macht weiter: Koreanischer Kleinwagen, fährt gut, er brauchte dringend ein Auto, weil seins tot repariert wurde. *Hust, hust*. Ah, jetzt will er mich untersuchen. Nunja, so ungefähr. Sein grelles Lämpchen leuchtet willkürlich irgendwo in die Tiefen meines Rachens: “Aha, aha.”, dann hört er mich ab: “Ah.”, um anschließend meine Augenringe noch größer zu machen, indem er meine Lider nach unten zieht: “Schauen Sie mal nach oben.” – Wird gemacht, Doc. Lächelnd und nickend setzt er sich wieder – haben wir die Rollen getauscht, soll ich jetzt was erzählen? Bevor ich überhaupt den Mund öffnen kann, gehts schon wieder los: Das Gesundheitssystem in Deutschland, der magere Verdienst der Ärzteschaft, Medikamente sind teurer geworden. Lächeln und Nicken, gleich hab ich mein Attest – und .. tatsächlich. Er schreibt mir doch tatsächlich ein Attest, das er um gewaltige sieben Tage zurückdatiert – darf der doch gar nicht, aber gut für mich. Verwirrenderweise schreibt er mir auch noch irgendein Rezept – wozu das denn, ich hab doch nur nen Schnupfen!? Egal, ich nehm das Rezept und trotte zur Apotheke, was auch immer es ist, kann man ja mal abholen. Wortlos reiche ich der Apothekerin den Wisch, greif mir die Medikamentenpackung, die sie mir hinhält und gehe zur Bushaltestelle, während ich das Etikett lese – was hab ich hier eigentlich. Wow. Oh mein Gott. Er wird doch nicht etwa … Er hat mir tatsächlich Codein verschrieben!Codein!!
Ich hab doch nur einen Schnupfen!
Hannah ist eine Heldin! So macht man's.
ernsthaft jetzt xD
war das mädel allein?^^ oder hat sie sich selber erzählt das der mann fett und die frau alt ist?
Sie war da mit ihrer Mutter, die fleißig mit lästerte.
Unglaublich gut! Bin stolz auf dich, kleine Hannah! :D