Im Gegensatz zu vielen anderen kann ich mich kaum an meine Kindheit erinnern – genau genommen fangen die meisten Erinnerungen erst zwischen dem 8. und 10. Lebensjahr an, aber, wie dem auch sei, ich erinnere mich an einige wenige Dinge, die länger zurück liegen. Da war dieser Junge, der beinahe wie eine menschliche Version des Pumuckels aussah: Orange-Rote Haare, viel zu viele Sommersprossen, strahlend blaue Augen und ein Lächeln, bei dem man die ein oder andere Zahnlücke aufblitzen sieht – leider viel zu oft in der Begleitung eines mürrisch blickenden, blassen Jungens, dessen schwarze Haare in der Mitte seiner Stirn eine Teufelsspitze bilden, sodass der Blick seiner finsteren Augen noch mehr auffällt. Aber vergessen wir den Teufelsjungen kurz und wenden uns meinem persönlichen Pumuckel zu. Ich war vielleicht drei oder vier, als ich ihn das erste Mal gesehen habe, während er zwischen 16 und 17 war. Er war mein bester Freund, hat immer neben mir gesessen, mit mir und meinen Eltern gegessen und mich vor allem beschützt, was mich geängstigt hat. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum ein älterer Junge mit einem kleinen Mädchen spielen sollte und Schande über diejenigen, die dahinter irgendwas Perverses vermuten: Der Junge gehörte mir – im wahrsten Sinne des Wortes, denn er war mein Fantasiefreund. Allerdings war ich schon damals ein komisches, komplexes, kleines Etwas und somit hatte ich nicht nur einen Fantasiefreund, nein, der Fantasiefreund hatte auch noch einen Kumpel – den Teufelsjungen. Während mein Freund auf den tolligen, leicht einzuprägenden Namen Hambigakrampe hörte (fragt nicht, ich weiß nicht, warum er so hieß!), hieß sein Kumpel Kempait. Der war fies und hat immer versucht, mich zu piesacken, aber natürlich hat Hambigakrampe mich vor ihm beschützt.
Irgendwann war Hambigakrampe auf einmal verschwunden. Kein Wort des Abschieds oder der Erklärung – er war einfach weg und hat mich allein zurück gelassen, was mir aber gar nicht so unrecht war, weil zu der Zeit mein kleiner Bruder geboren wurde und ich von dem Punkt an genügend Ablenkung hatte. Trotzdem ist er mir nie aus dem Kopf gegangen, immerhin war er mein erster Freund UND sah aus wie Pumuckel.
Letztens lief ich durch die Bibliothek und eigentlich hätte ich Bücher für meine Hausarbeit suchen müssen, stattdessen fand ich jedoch eins über unsichtbare Freunde – ich konnte einfach nicht widerstehen und hab es mitgenommen, obwohl ich in letzter Zeit ohnehin nicht dazu komme, irgendwas zu lesen, was nicht mit der Uni zu tun hat. Das Buch les ich aber. Und ich habe sogar schon die ersten Seiten hinter mir.
Normales Kind: 27%
Kind mit Zauberkräften: 17%
Baby: 5%
Ältere Person: 12%
Tier: 19%
Superheld: 3%
Feind: 3%
Gespenst, Engel, Geist: 5%
Unsichtbares Ich: 2%
Andere: 9%
(Neuß, Norbert: Unsichtbare Freunde (= Warum Kinder Phantasiegefährten erfinden). Düsseldorf: Cornelsen Verlag 2009, S. 25)
Ich würde sagen, Hambigakrampe zählt definitiv zu der Kategorie “Ältere Person”, während ich Kempait eher in die Kategorie “Feind” einordnen würde.

Also das ist ja einmal ein richtig spannendes Thema. Ich kann mich auch noch gut erinnern, daß Hamigakrampe beim Mittagessen manchmal schon auf meinem Stuhl saß, wenn ich kam. Und Du hast Zeter und Mordio geschriehen, weil ich mich ja nun auf Hambigakrampe gesetzt hätte. Ich mußte aufstehen und er wechselte den Platz.
Wir haben uns die Hirne zermartert, woher Du diese Namen genommen hast. Du hast damals schon stundenlang riesige Kinderbilderbücher angeschaut, aber die Worte Hambigakrampe oder Kempait kamen nirgends vor.
Hambigakrampe saß mit im Wagen, wenn wir irgendwohin fuhren (und mußte oft angeschnallt werden). Er ging mit zum Einkaufen, in den Kindergarten sowieso und Du hast oft mit ihm gesprochen. Aber nichts an ihm schien für Dich bedrohlich zu sein, also haben wir’s dann irgendwann hingenommen.
Ja, durchgeknallt warst Du immer schon. :)
Ich bin gespannt, was bei Deiner Lektüre herauskommt. Berichte bitte darüber.
Hallo Süsse,
daran kann ich mich noch gut erinnern. Ich weiss noch, dass Du immer schrecklich getobt hast, wenn ich die Haustüre zumachte und Hambigakrampe noch im Haus war. Also, Türe wieder auf, Hambigakrampe rausgezogen, Türe wieder zu. Und Du hast stundenlang mit ihm zusammen geschaukelt – und mein Schwiegersohn Nils hat Euch angeschubst.
Hab Dich lieb,
Mom
Fantasiefreunde sind sehr wichtig für die Entwicklung finde ich. Ich hatte früher auch einen, wo ich mich aber leider nicht mehr direkt erinnern kann.