“Sich auf jemanden/etwas einschießen” hat laut dem Redensarten-Index mehrere Bedeutungsebenen; eine davon ist “jemanden ständig [zu] bedrängen/attackieren”. Gemeinhin nennt man sowas “Mobbing” und findet es verachtenswert.
Ich denke, Campus kann als Paradebeispiel dieses Bonmots gelesen werden. Kaum hat der Verlag das, in den USA hitzig diskutierte und in seiner Wirkungskraft oft mit dem “Kampf der Kulturen”-Pamphlet von Samuel P. Huntington verglichene, Buch “Die Israel-Lobby” der beiden Professoren John J. Mearsheimer und Stephen Walt in Deutschland herausgegeben, so wartet auch schon der nächste Streich. “Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss”.
Und genau so effekthaschereiend geht es weiter, wenn man den Klappentext liest: Da ist die Rede davon, dass Avraham Burg endlich ausspricht, was viele Israelis empfinden. Ach, sag bloß. Dass genau dieser Punkt nicht zufälligerweise auch das Hauptmerkmal einer pluralen Gesellschaft darstellt? Geschenkt! Denn der Trick an dem Satz ist das Wörtchen “endlich”, das die Funktion des Aufatmens übernimmt. Endlich spricht jemand über das, worüber so lange der Schweigemantel ausgebreitet wurde. Es sind nämlich die Juden, die sich sich vom Holocaust lösen müssen, an dem sie all die Jahre geklammert haben. Fast könnte man meinen, der Holocaust sei den Juden ein Bonus. Und mit dieser Brücke sind wir dann auch am ideologischen Ziel angekommen: Endstation Norman G. Finkelstein.
Das vorliegende Buch habe ich nicht gelesen und deswegen findet sich keine Rezension an dieser Stelle. Das Buch über die Israel-Lobby hingegen schon. Abseits davon, dass Mearsheimers und Walts Buch einen einzigen positiven Effekt hatte, namentlich die US-Politik gegenüber Israel zu einem öffentlichen Politikum zu machen (man sehe sich z.B. das Quellenverzeichnis im englischen Wikipedia-Eintrag an), ist es, davon abgesehen, ein Griff ins Klo und wurde durch zahlreiche Autoren in seine Einzelteile zerlegt und in den Boden gestampft. Lizaswelt hält es sogar für antisemitisch und ist damit zwar nicht allein, aber das ist für meinen Geschmack ein wenig zu überzogen. Natürlich kann man Mearsheimer und Walt diesen Vorwurf machen, diese bieten genug Stellen für Widerhaken, aber dieser Vorwurf geht an der Essenz und der Hauptaussage ihres Buches vorbei. Wenn man alle antisemitisch anmutenden Stellen rauseditierte, bliebe das Buch dennoch in seiner jetzigen Form erhalten. Denke ich.
Viel interessanter jedoch ist die Frage, was den Campus-Verlag dazu animiert, in einem solch kurzen Zeitraum zwei Bücher zu veröffentlichen, deren Inhalt von so fragwürdiger Substanz ist? Dass sie Tony Judt als Aushängeschild für das Buch verwenden offenbart immerhin einen einen inhaltlichen Standpunkt, an dem sie wohl nichts auszusetzen haben; es ist relativ unwahrscheinlich, dass man im Verlagshaus nichts von der Debatte um den Artikel von Judt mitbekommen hat. An dieser Stelle ein weiteres Zitat von Tony Judt, um das Bild wieder gerade zu rücken:
The very idea of a “Jewish state”—a state in which Jews and the Jewish religion have exclusive privileges from which non-Jewish citizens are forever excluded—is rooted in another time and place. Israel, in short, is an anachronism. (Quelle)
Nun dann, Campus-Verlag, viel Spaß.
[...] Nachtrag von “igs”: Ich glaube, das war meine Suchanfrage: Ich wollte diesen Artikel [...]