Ich weiß schon, warum ich so selten über Politik schreibe, obwohl es ununterbrochen meinen Alltag ausmacht. Mir fehlt die Geduld und es war ein langer Weg von meiner linken Selbstbeweihräucherung bis zur Annahme von der Möglichkeit, dass es mehrere Wahrheiten geben kann und bitte auch soll. Zu akzeptieren, dass es mehr gibt, als meine Meinung, das ist zwar gesellschaftlicher Minimalkonsens, dennoch bezweifle ich, dass dies auch in der Öffentlichkeit so ankommt. Ich denke, es wird missverstanden, nämlich nicht als Freiheit, sondern als Abwehrmechanismus. Du hast deine Meinung, ich hab meine und jetzt geh mir nicht auf den Sack mit Argumenten, ich habe mein Recht auf meine Meinung. Das ist nicht unbedingt schlecht, so verhindert man endlose Debatten, wie man sie von der Politik gewöhnt ist. Damit sollte man sich arrangieren. Aber für mich gibt es immer noch ein Thema, bei dem ich fuchsteufelswild werde: das leider leidige Thema der Integration.
Da kriegen die “Ausländer” (und auch die Deutschen mit Migrationshintergrund, eine schlechtere Kaschierung für “Ausländer” ist denen nicht eingefallen, Hauptsache, man kann zeigen, es sind nicht wirklich Deutsche, die da Verbrechen begehen) noch gänzlich unverändert ihre Ohnmacht mitgeteilt. Überall wird jetzt was von den “Ausländern” gefordert: Integration, Homophilie, laizistisches Gedankengut usw. Ja, das ist wichtig, sehr sogar. Doch so richtig und wichtig das auch zweifelsohne ist, mein Punkt ist ein gänzlich anderer und ich werde ihn nicht argumentativ ausführen, sondern erst mal anhand von Fallbeispielen:
Mein Bruder hatte 1990 eine Notenkonstellation, die ihm das Recht für einen Aufnahmetest auf dem Gymnasium eingeräumt hat. In der Grundschule riet der Lehrer meinen Eltern, er solle doch erstmal auf die Hauptschule gehen und dann könne man ja schauen, ob er überqualifiziert ist.
Genauso erging es meiner Schwester, 9 Jahre später.
Als ich auf dem Gymnasium notentechnisch auf Tauchgang gegangen bin und mein Vater in die Sprechstunde meines Klassenleiters ging, bekam er folgenden Satz zu hören: “Deutschland braucht auch KFZ-Mechaniker!”. Das war 2000. Herr Schubert war aber auch schon vorher ein ausgesprochener Unsympath.
Der Hauptschullehrer schlug meinem Cousin 2001 einen Deal vor: Wenn er nicht zum Quali antritt, dann würde er ihm in seiner unglaublichen Gnädigkeit eine bessere Note in Deutsch geben.
Meiner Tante gab man den Rat, nicht weiter auf die Schule zu gehen, sondern eine Lehrer als Zahnarzthelferin anzufangen (das war irgendwann in den 90ern).
Das ist alles auf einen Raum mit einem Radius von ca. 5 km beschränkt. Hätte mein Vater sich nicht den Arsch aufgerissen, damit ich weiter auf dem Gymnasium bleibe, dann wäre ich da auch runter vom Gymnasium, und zwar nicht, weil ich es nicht gekonnt oder gewollt hätte: Wenn man noch ein Jugendlicher ist, dann besteht die Wahrscheinlichkeit, dass Schule schlicht und ergreifend keine Rolle spielt. Und wenn man dann solche “Tipps” bekommt, nimmt man sie an, man kennt seine Rechte nicht, die Eltern erst recht nicht und über diesen nicht vorhandenen Zugang zu eher elitären Angelegenheiten wie Bürger- und Ausländerrechten kommt man auf den absteigenden Ast bzw. man landet am Ende genau da, wo der Vater schon gearbeitet hat: In irgendeiner Werkhalle an irgendeiner Maschine. Dass diese “Ausländer” aus ihrer Not eine Tugend gemacht haben und ihr Leben in der Unterschicht mit breiter Brust antreten, das ist ein zwingender Abwehrmechanismus.
Seit Mitte der 50er hat Deutschland mit Ausländern zu tun und seit 1973 (Anwerbestopp) wissen sie um das Problem, doch in der Zwischenzeit ist so gut wie nichts passiert, außer vielleicht einer eher polemisch verlaufenen Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft und einer Änderung in der Rechtssprechung, so dass hier geborene türkische Kinder automatisch Anrecht auf die deutsche Staatsbürgerschaft haben
Darum ist es eine bodenlose Unverschämtheit, dass Politiker jetzt Integration fordern. So als ob die Beweislast die ganze Zeit über bei den “Ausländern” gelegen habe. Aber hey, man veröffentlicht ein paar Statements, in denen gesagt wird, “Ausländer” bitte nur mit Integration, die Medien stellen sich größtenteils dahinter und plötzlich interessiert sich kein Schwein mehr dafür, was eigentlich passiert ist (siehe Fallbeispiele).
Das Problem ist, dass die “Ausländer” über lange Zeit keine politische Teilhabe hatten und nicht wussten, was ihre Rechte sind. Jetzt hingegen reihen sie sich größtenteils komplett in diesen Diskurs ein und bestätigen die offizielle Sichtwweise in ihrer Denke. Der Dialog, der gefordert wird, ist nicht auf Augenhöhe, er findet immer noch asymmetrisch statt.
Das ist falsch. Ich könnte jedesmal eine Seele kotzen, wenn ich das Wort “Integrationsgipfel” höre. Doch wenn es um einen “ehrlichen Dialog” mit den Machthabern geht, dann haben wir es mit dem US-amerikanischen Pendant der Uncle Toms zu tun: Lauter Onkel Alis.