Das dritte Auge

17. November 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0
Das dritte Auge

Vor kurzem habe ich eine Arbeit über Gilles Deleuze und seine beiden Kinobücher geschrieben. Um’s kurz zu machen, seit diesem Schrifstück schätze ich die Arbeit eines Kameramanns eine gute Ecke mehr.

Hintergrund: Ich habe mich explizit auf Hitchcock’s Psycho bezogen, in dem es folgende Stelle gibt: Marion Crane sitzt gegenüber von Norman Bates und sie diskutieren über Gott und die Welt, nichts Großes, ein vordergründig langweiliger Dialog. Die Kamera filmt das Ganze im klassischen Schuss-Gegenschuss-Verfahren, immer auf gleicher Augenhöhe. Doch als im Verlauf des Gespräches das Thema auf die Mutter von Bates zu sprechen kommt, nimmt die Kamera einen anderen Winkel ein, er wird von unten gefilmt. Es gibt also zwei Sichten auf und von Bates. In meiner Argumentation war das der Vorbote für die dissoziative Identitätsstörung, die sich im weiteren Verlauf des Filmes dann auch bestätigen wird. Die Kamera sieht also mit, ungefähr so wie Godard das in Intro von “Die Verachtung” thematisiert hat.

Heute habe ich mir endlich Doubt angeschaut. Ein unglaublich beeindruckender Film über den viel geschrieben wurde, deswegen will ich hier nicht weiter analysieren, sondern nur wiedergeben, was mir aufgefallen ist: Der Film ist durchzogen von einer “schiefliegenden” Moral, etwas ist “out of order”, mir fällt gerade keine gute deutsche Alternative ein, vielleicht folgendes, das Bild hängt schief und der weitere Verlauf wird genau diese Bruchstelle behandeln. Und immer dann, wenn Zweifel gehegt werden, nimmt die Kamera das auf und zwar, in dem sie die Protagonisten nicht zentriert, sondern so filmt, dass sie verzerrt erscheinen und eben zu jenem Bild werden, das man versucht, gerade zu rücken. Das hat mich wahnsinnig fasziniert und zu der Überzeugung gebracht, dass ich sämtliche Filme, die ich beeindruckend finde, noch einmal anschauen müsste und zwar nur unter diesem Aspekt. Zusammengenommen mit dem restlichen Film und seinen Finessen steht mein Mund immer noch so weit offen, dass ich Angst habe, meine Mom könnte Flugzeuggeräusche imitierend durch meine Tür platzen, um mir eine Gabel voll mit ungenießbarem Zeug in den Mund zu stopfen.

Das war’s.