Es gibt Tage, da hat man das Gefühl, was Großes zu verpassen. Während ich also heute in der früh aufstehen musste, weil ich meiner Arbeit als Freier Transkripteur (das klingt schon extrem cool, gebe ich zu, aber im Endeffekt sitze ich rum und tippe mit, was Leute sagen) nachgehen musste, konnte ich nicht an der Demonstration teilnehmen. Das wurmt mich ein bisschen, vor allem, wenn ich Bilder wie dieses hier sehe. Da überdenkt man seine Prioritäten dann doch noch einmal.
Es ist also soweit: Studierende in sämtlichen deutschen Städten, und wenn ich bedenke, dass auch in London, Wien und ich glaube auch in Italien, gestreikt wird, geht wohl die europäische Studenten und Schülerschaft auf die Straße (hier ein Überblicks-Artikel), um gegen ein Bildungswesen zu demonstrieren, das den Einzelnen unter das Diktat der Verwertbarkeit wirft. Find ich wild und auch extrem wichtig.
Auf alle Fälle habe ich in der taz (Print, nicht online) einen recht kurzen Artikel mit der Überschrift “Bitte kein 68er Revival” gelesen. Im Prinzip ging es darum, dass man aufpassen sollte und sich nur mit Themen beschäftigen sollte, die tatsächlich was mit dem Protest zu tun haben. Und auch gestern in der Plenumsdebatte im Audimaxx der LMU kam es zur Forderung, unspezifische Banner, die eher auf linken Demos zu finden sind, abzuhängen, da sie nichts in dem Raum verloren hätten. In einem zweiten Schritt wurde gefordert, dass man sich wieder ein wenig neu ordnen sollte, etwas mehr weg vom linken Allgemeinplatz, von wo aus alles wie die Fratze des Neoliberalismus erscheint.
Ich für meinen Teil hatte da ja auch einen auf den ersten Blick ähnlich klingenden Text veröffentlicht, doch mittlerweile muss ich sagen, dass man hier differenzieren muss.
1.) Plakate, die offensichtlich nichts mit der Thematik zu tun haben, nicht einmal in einem breiteren Kontext, müssen abgehängt werden, dafür gibt es genügend andere Demonstrationen. Darunter fällt sowohl die politische Situation der Frauen im Iran (HU Berlin) als auch ein “Free Mumia”-Banner (LMU München, das wurde mittlerweile abgehängt). Nicht, dass ich etwas gegen solche Banner hätte (okay, gegen das erste habe ich was, weil es die iranischen Frauen in die Unmündigkeit verbannt); sie haben schlicht und ergreifend nichts mit Bildungspolitik zu tun. Und das bringt mich zu
2.)Wer fordert, dass man sich nur für die Interessen von Studenten einzusetzen habe, hat nicht verstanden, worum es geht. Es wird nicht nur dafür demonstriert, dass man (in München) keine 550€ mehr pro Semester zahlen will, damit man jetzt noch mehr als Sau betrachtet wird, die im D-Zug Tempo durch das Studium getrieben wird. Es geht auch nicht nur darum, dass die Studenten nur für mehr Partizipationsrechte sind. (zu dem Thema hier ein wunderschöner Artikel von Björn Grau)
Es herrscht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Bildungssystem als Ganzem (dreigliedriges Schulsystem) und der aktuellen Situation in der BRD. Wie gewohnt, hier zwei kurze Beispiele:
1.) Dass so wenige Migranten auf den hiesigen Universität studieren, hängt unmittelbar mit ihrer Förderung zusammen (darauf kam ich schon zu sprechen). Eine gute Bildung muss deswegen auch immer Rücksicht darauf nehmen, dass in den Haushalten, in denen beide Elternteile türkische Pässe haben, das Kind weniger deutsch sprechen wird und vor allem nicht über den spezifischen Sprachwortschatz verfügen wird, wie er in Mathematik-Sachaufgaben formuliert ist. Als ich neuerdings bei einer Nachhilfe-Stunde anwesend war, wusste eines der Kinder aus der 4. Klasse nicht, was “foppen” heißt und konnte die Aufgabe deswegen nicht lösen. Damit das gleich jetzt klargestellt wird: Ich bin nicht gegen das Wort “foppen”, im Gegenteil, das ist super, ich will nur darauf aufmerksam machen, dass es solche vordergründig als Lappalie erscheinenden Barrieren sind, die sich summieren und Probleme erschaffen können.
2.) Der Bologna-Prozess wurde 1999, die Agenda 2010 zwischen 2003 und 2005 eingesetzt (wobei die Agenda auf die Lissabon-Strategie aus dem Jahre 2000) zurückgeht. Diese zeitliche Nähe ist kein Zufall, sondern der direkte Beweis dafür, wie eng Wirtschaft und politische Forderungen ohnehin schon verbunden sind. Zu behaupten, dass zwischen diesen beiden Ereignissen kein Zusammenhang bestehe, ist entweder pure ideologische Absicht oder ungenügende Recherche.
Deswegen ist es meiner Meinung nach zwar wichtig, dass es eine Diskussion über diese Inhalte gibt, aber gleichzeitig auch das Wissen darüber, dass wir hier nicht über “zusätzliche Positionen” reden. Den Studentenprotest in einem weiteren Rahmen zu verstehen, das muss Minimalkonsens sein.
Achja, für die Münchner unter euch. Es besteht die Möglichkeit, dass heute Candelilla ein Konzert im Audimax gibt. Ich meine das gehört zu haben, kann das aber gerade jetzt nicht verifizieren. Auf jeden Fall ist das ein guter Grund auch heute ins Plenum zu kommen.