Ich wollte schlafen. Das ist jetzt 3 Stunden her. Ich bin auch müde, sehr sogar. Aber irgendeine falsche Vorstellung von Nicht-Erwachsen-Sein-Wollen hält mich wach, heute sogar so tief in die Nacht, dass es schon wieder morgen ist. Mittwoch wird also ein Scheißtag. Damit er aber wenigstens einen guten Anfang hat, jetzt nun zum zweiten Teil der U-Bahn/Mensch-Analogie.
3.) Die Mitläufer
Während die S-Bahn einfährt und gemählich langsamer wird, fängt diese Gruppe an, immer hektischer zu werden. Spitz auf Knopf, wenige Sekunden bevor die Bahn stehenbleibt, entscheiden sie sich blitzschnell für eine Tür, gehen im Stechschritt darauf zu und laufen dann allen Ernstes mit der Tür mit. Wenn sie stehenbleiben würden, dann ist die nächste Tür in 90% der Fälle näher, aber das interessiert sie nicht, denn eins haben sie mit den kleinen, dicken Frauen gemeinsam. Sie haben die Umgebung schon längst abgescannt, Sitzplatzressourcen ausgecheckt und kürzeste Wege ausgelotet. Doch was bei den einen als Flucht vor Achselhöhlen zu verstehen ist, wird hier zu einem Konzept. Die Mitläufer haben sich binnen Sekunden in einem neuen System aus Anhaltspunkten zurechtgefunden. Sie stehen als erster vor der Tür, schließlich laufen sie ja mit und werden so zu einem Teil der S-Bahn. So, wenn die Tür aufgeht, wissen sie genau welche Menschen an anderen Türen stehen und überschlagen Pi mal Daumen, ob ihnen das zur Gefahr werden könnte. Genau deswegen schauen die Mitläufer auch nie nach links oder rechts, sondern wissen schon bevor sie einsteigen, wo sie hinwollen. Das ist dann wohl der risikoaverse Homo was auch immer (oeconomicus?). Während sie schon eine Antwort aufsetzen, weißt du noch nichtmal,ob du ihnen überhaupt einen Brief schreiben sollst. Neben solchen Menschen habe ich Angst, die checken auch immer ihren Kontostand und geben einen Beitrag zwischen 34,74 – 83,12€, aber exakt diese Summe, für einen Einkauf aus. Mag ich nicht.
4.) “Individuelle”
Das ist meine Gruppe; folgerichtigerweise kann ich hier am ehesten was dazu schreiben, schließlich durchlebe ich das Gefühl ja bei jeder Einfahrt in den Bahnhof. Aber erst zur Charakterisierung: Leute wie ich, wir stehen an definierten Punkten. Nicht in Bereichen oder Gegenden, sondern wirklich exakt an Punkten. Filmt man mich über einen gewissen Zeitraum, fliegt das umgehend auf. Man könnte einen roten Kreis um den Bereich ziehen, innerhalb dessen ich mich aufhalten werde. Ich weiß genau, in welches Abteil ich einsteigen werde. Eigentlich hätte ich ja lieber die Tür gewusst, aber die U-Bahnen bremsen so unterschiedlich, da lässt sich keine Kontinuität erkennen. Also muss ich mit den Abteilen Vorlieb nehmen. Und wenn ich erstmal in der Bahn bin, setze ich mich nach Lust und Laune hin oder bleibe stehen, es ist schlicht scheißegal, denn mir geht es um was ganz anderes: Ich hasse es zu warten. Ich bin einer der wenigen Menschen, der wirklich aufrichtig versucht, pünktlich zu kommen. Deshalb habe ich den gesamten Umgebungsplan sämtlicher Bahnhöfe 24/7 abrufbereit, ich weiß genau, wo ich am Marienplatz einsteigen muss, wenn ich an der Münchner Freiheit genau bei der hinteren Rolltreppe rauskommen will. Das ist ein bisschen wie bei Collateral mit dem Taxifahrer, der Jada Pinkett Smith auf die Minute genau sagen kann, wie lange die Fahrt dauern wird. Ich weiß haargenau, wann ich wo bin und wie wichtig es für mich ist, dass ich um 20:32 an einem gewissen Ort bin. Damit ich dann dort 5-10 Minuten warten kann. Übrigens fühle ich mich dabei sehr cool, also wenn ich die Zeit unter Kontrolle habe, während sich das arme Pack von Restmenschheit einer übermächtigen Uhr unterordnet. Diese Uhr hält mich übrigens gerade wach.
5.) Der Runner
Hatte ich ja schon erwähnt. Das ist der mit dem Rucksack zwischen den Türen und er ist mein Gewissenbisse-geplagtes Gegenteil. Er kommt weit zu spät und ist sich dessen bewusst und um dafür zu sorgen, dass er noch so rechtzeitig kommt, bevor Leute wie ich nach entnervtem xx-minutenlangen Warten anfangen, ihn zu verfluchen und von dannen zu ziehen, muss er eben rennen. Denn er weiß, dass im Münchner U-Bahnnetz zu Stoßzeiten ca. alle drei Minuten eine U-Bahn fährt, d.h. die Wahrscheinlichkeit, dass er eine im Bahnhof stehende U-Bahn erwischen wird, wenn er vollkommen wahllos zu rennen beginnt, ist bei fast 100%. Darum läuft er auch wie eine besengte Sau. Das hat nämlich den netten Nebeneffekt und er schwitzt den Schweiß, der die kleinen, dicken Frauen zu Vorsichtsmaßnahmen greifen lässt. Leute wie ich denken dann aner “Ok, guck dir den doch mal an, er hat sich echt beeilt, vielleicht ist ja diesmal wirklich was dazwischen gekommen.”
Ja, ja. Jetzt aber nicht mehr.
ok. Definitiv, me = runner hahahaha. und JA: ich fühle mich ertappt!
Soso, sooooso. Sososo!