Eine Hölle namens Kindheit

23. November 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0
Eine Hölle namens Kindheit

Man sagt doch immer, dass die Kindheit die schönste Zeit im Leben sei. Womöglich meint man damit, dass man machen konnte, was man will, keinerlei Verpflichtungen hatte und überhaupt ja alles so ungemein sorglos sei. All das langweilige Runterrattern sämtlicher Walt-Disney Klischees. Aber ja, wenn ich auf den Spielplatz direkt vor meinem Fenster zum Hof schaue, dann könnte ich mir die alten Tage beinahe zurückwünschen, als ich mich mit den Füßen auf den Sitzplatz der Wippe gestellt habe und 4-5 Knirpse die andere Seite ruckartig nach unten rissen und ich so in die Lüfte geschleudert wurde und penibel drauf achten musste, nicht wieder eine Rückenlandung hinzulegen. Wenn ich die Augen schließe, dann macht das wahnsinnig Spaß.

Was mir jedoch auch aufgefallen ist: Die Kindheit ist bestimmt nicht die schönste Zeit in meinem Leben, würde ich sagen. Warum?

1.) Ich musste jeden Tag in die Schule. Und ich meine hiermit nicht das gängige Argument von wegen von 8-13 Uhr irgendwo hin gehen zu müssen, sondern vielmehr, dass ich die Schule nie gemocht habe. Ich habe den Leistungsdruck mich förmlich zu Boden drücken gespürt. Schule war für mich nie ein relaxtes “Hey, wir schauen jetzt mal, wer was gut kann”, sondern immer “Ich kann das besser als du”. Im Pausenhof hatten wir Spiele entwickelt, eines davon hieß “Huckepack”. Ich bin auf den Rücken von einem größeren Schüler gesprungen und habe dann versucht, einen anderen Hänfling vom Rücken seines Beschützers runterzuschubsen. War irre witzig, klar. Aber nur solange man gewonnen hat. Mit Niederlagen umgehen lernt man nämlich nicht in der Grundschule. Zumindest ich nicht. Sehe ich aber auch bei anderen kleinen Scheißern: Sobald die mehr als zweimal hintereinander verlieren, fährt das Interesse aber ruckzuck auf Sparflamme zurück. Das, was heute “gesunde Konkurrenz” genannt wird, ist für mich barbarische Unterjochung unter einen Wettbewerb gewesen, was mich angeht. Die Coolen sind eben immer die Guten gewesen, die Vorbilder. Oder die Außenseiter. Wie z.B. Nelson.

2.) Man musste vor den Erwachsenen immer Angst haben. Und das wird nicht zu knapp ausgenutzt. Ich kann mich daran erinnern, wie uns ein dummer Wichser mit einem Messer (!) bedroht hat, (er hat es, wir waren damals in der 5, einem Freund an die Kehle gehalten), weil wir von einer Brücke aus mit einem sauren Apfelring auf ein Auto geworfen hatten. Dazu kann man jetzt stehen, wie man will, aber mit einem Messer, das geht gar nicht. Oder irgendwelche S-Bahn Schaffner, die sich beschwert haben, weil ich am Bahnhof rumsaß und meine Beine am Bahnsteig runterbaumeln ließ. Als ob ich so dumm wäre, die S-Bahn nicht zu sehen und als ob die dann nicht jähzornig gehupt hätte. So ein Wichser.

3.) Ich erinnere mich an so gut wie gar nichts. Nur an ein paar herausgehobene Momente. 5. Klasse Schulparty, der Discoraum ist vollkommen von der Nebelmaschine dominiert, es läuft “Up To No Good” in ohrenbetäubender Lautstärke und ein Mädchen macht mehrere Flick-Flacks hintereinander quer durch den Raum. Oder an Sarah erinner ich mich noch. Vornehmlich erinner ich mich eigentlich an Mädchen, wenn ich genauer darüber nachdenke. Das war schön an meiner Kindheit. Die Mädchen. Aber ansonsten: Ich erinner mich vornehmlich an Gewalt. Wir wurden auch mal am Sportplatz hier von zwei Motorrad-Fritzen gejagt. Warum weiß ich nicht, ich erinner mich nur noch an ein paar Fußsohlen, Schreie und einen Zaun. An was erinner ich mich noch? Ein Penner, genau. Der hat uns auch mit einem Messer bedroht. Also irgendwie, wo soll denn diese schöne Kindheit gewesen sein? Ich sehe nur Hölle.

Und so die Welt an sich? Mit der konnte ich auch damals schon nichts anfangen.