Vor einiger Zeit hatte ich ein sehr aufschlußreiches Gespräch mit einem Fast-Freund über Diederichsen, Adorno und Techno-Musik, in dem mir gesagt wurde, dass es im Techno eine Bewegung gab, die sich für die Anonymisierung des Künstlers einsetzte. Leider war ich so fasziniert von dem Gedanken, dass ich ganz vergessen habe, weiterhin zuzuhören und naja, das nächste Stück Informationshappen war, dass es nicht ganz so sehr geklappt habe. Kraftwerk, Oliver Huntemann, Stephan Bodzin, Gui Boratto, die Liste der Namen, die mir durch den Kopf schossen, war nahe bei nahe bei unendlich.
Worum es mir geht ist: Ich finde den Gedanken großartig. Natürlich leuchtet jetzt bei der Internetiquette-Gemeinschaft alles feuerrot auf und die Alarmglocken gehen in Hochbetrieb. Es gibt schließlich auch gute Gründe: Das Internet und seine Demokratisierung des Wissens und deren wikipediaeske Entartung braucht unbedingt eine saubere, sprich gründliche, Preisgabe aller relevanten Informationen und da fällt eben auch der Name drunter. Die Enthüllung der Identität einer der wohl berühmt-berüchtigtesten Sex-Bloggerin der letzten 6 Jahre bringt Christine Käppeler in einem Artikel für den Freitag dazu zu schreiben, dass “die Urheberschaft am geschriebenen Wort für die literarische Tradition der westlichen Hemisphäre fundamental ist”. Für viele mag das als richtig erscheinen, ich finde es falsch bzw. langweilig.
1.) Jetzt, wo man weiß, wer die Sex-Bloggerin ist, verliert ihr Werk an Vehemenz, denn man kann der fiktiven Gestalt ein Gesicht zuordnen. Jetzt kommt eine Werkschau, “Warum schreibt Frau Magnanti in dieser Form, was war ihr Ziel, welchen biografischen Elemente hat sie verarbeitet” usw. Wozu diese Kategorisierung, warum nicht einfach ihren Blog Blog sein lassen, mit all den aufkommenden Fragezeichen. Es ist ja gerade kein Zufall, dass genau jetzt ein neues Buch veröffentlicht wird. Aber Hauptsache wir wissen, wer dahinter steckt.
2.) Namen sind Schwergewichte. Das kennt man in jedem Bereich. Shakespeare in der Literatur, Avedon in der Fotografie, Marx in der Ökonomie, Adorno in der Philosophie, Warhol in der Kunst usw. Sich gegen den Mainstream zu stellen, zu sagen, “Ja, ne, scheiße.” wird um ein Vielfaches erschwert, alleine durch die Bedeutung, die man einem Künstler beimisst. (vergleiche hier, unten, wenn es um einen “schlechten Kippenberger” geht). Namen sind, wie ein Sprichwort betont, nicht mehr als Schall und Rauch, willkürliche Zuschreibungen. Und mir ist es im Prinzip egal, wer genau dahinter steht, solange das Werk gut ist. Das gilt für die Musik ebenso wie für einen guten Gedanken. Nur weil es keinen “Darwin” gibt, heißt es nicht, dass die Menschheit nie auf die Idee der Evolutionstheorie gestoßen wäre (schließlich hat das auch Herr Wallace unabhängig vom Charles erkannt).
Warum also an Namen festhalten, wenn sie uns nicht viel mehr bringen als Einkerkerungen ansonsten frei rumirrender Gedanken.
Ich weiß, dass dieser Vorschlag auch Nachteile hat. Man kann nun keine intertextuellen Bezüge mehr herstellen, z.B. würde somit die Wahrscheinlichkeit die Rolle des Fallens in den Filmen von Hitchcock eher in den Hintergrund gerückt werden. Womöglich wäre die moderne Bibliographie nicht in dem Sinne vollständig, wenn wir sie nicht so geordnet hätten*. Ja, beides wäre ein Verlust. Man muss aber auch sehen, was dadurch gewonnen werden kann: Eine Auseinandersetzung mit dem Ding an sich. Und nicht zufällig sind wir genau davon heute sehr weit entfernt. Gerade wenn man z.B. von Marx spricht. Oder mit ein paar Türken über Orhan Pamuk. Kein Werk gelesen, aber dagegen sein. Jeder nennt kurz seine vom Hörensagen aufgegabelten Argumente, danach husch husch ab auf die eigene Seite, damit man seine Meinung hinter irgendwas verstecken kann. Am besten natürlich hinter einem Namen.
*wobei das Spekulation ist, es hätte sich auch anders etablieren können