Ich habe den Beitrag gerade irgendwo als Kommentar verfasst, dachte mir aber, da ich hier sowieso dauernd gegen Flashmobs polemisiere, kann ich das gleich als neuen Eintrag stehenlassen.
Ich finde Flashmobs kontraproduktiv. Und zwar genau deswegen, weil sie von Anfang an politisch waren, die Wesensgleichheit zum “Critical Mass”-Protest ist ja nicht rein zufällig.
Das Problem an Flashmobs ist einfach, dass man glaubt durch 1-2 Aktionen irgendetwas zu verändern, der kleine Mann von der Straße habe nun eine Möglichkeit einzugreifen, seinen Protest medienwirksam in Szene zu setzen. Dass die grundsätzliche Ohnmacht aber nicht angetastet wird bzw. als solche gerade ihre Bestätigung erfährt, das interessiert schon niemanden mehr. Die grundsätzliche Ohnmacht, die es eigentlich bedingt, dass man in seinem Tagesplan nur Flashmob-Termine eintragen müsste, die wird nicht angetastet. Es werden “Ausnahmen” angegriffen, z.B. Schlecker. Dass es daneben einen Lidl gibt, der aus gleichen Gründen auf sich aufmerksam macht, das ist vielleicht ein Grund, auch dort einen Flashmob zu veranstalten, auseinandergenommen wird der Laden ja sowieso nicht, also kann man es ruhig dulden, aber spätestens beim dm hört es dann auf, man weiß schließlich um Götz Werners Unternehmenskonzept. Aber daran, dass dieses “Spiel” auf Ungleichheiten aufbaut, ein Nullsummenspiel ist, dass es einen Schlecker braucht, damit Götz Werner als deren gerechte Kehrseite herausgearbeitet werden kann, das wird nicht angeprangert. Wie denn auch? Dann würde sich das Objekt der Kritik verflüchtigen und man stünde in der Weite der Leere. Da ist auch kein Flashmob mehr möglich. Daher ist ein (politischer) Flashmob von vornherein Selbstbetrug und nicht viel mehr als Streicheleinheiten für das eigene Gewissen.
Bei Beiträgen wie diesem bekomme ich immer ein ganz deutliches Gefühl: Da ist jemand der AUFGEGEBEN hat sich zu wehren und braucht die Kritik am Handeln, den Aktionen anderer.
Und natürlich auch Begründungen, daß schon allein das Handeln falsch ist, siehe Bemerkungen über Lidl.
Flashmobs mögen nicht die Lösung sein – aber 100x besser als GARNICHTS zu tun!
Ich gehe einfach mal davon aus, dass Du hier mitliest, daher meine Antwort:
1.) Gar nichts tun, in einem politischen Sinne, wäre in der Tat eine wirkliche Überlegung wert, gerade in Zeiten des blinden Aktionismus.
2.) Ich kritisiere nicht das Anliegen. Gegen Schlecker zu sein, sich aktiv dafür einzusetzen und zu begreifen, dass es nun DOCH einen Unterschied macht, ob man Bio-Eier kaufen geht, dass Fair-Trade Produkte nicht nur ihre Berechtigung, sondern in erster Linie ihre Notwendigkeit haben, das steht außer Frage. Sich dafür einzusetzen, das ist zweifelsohne ein Gebot. Prinzipien können durchaus der geeigneteste Horizont sein.
Mein Kritikpunkt an Flashmobs jedoch, und ich dachte diesen einigermaßen kurz und bündig auf den Punkt gebracht zu haben, ist, dass diese eben nicht viel mehr sind, als Vorgaukelungen von Prinzipien, von Inhalten. Allein schon die Aufmachung von Flashmobs und ihre Inszenierung zeigt, wie personenfixiert das alles stattfindet, wie weit von einer inhaltlichen Auseinandersetzung entfernt. Da treffen sich Leute, vordergründig zufällig, machen ein Brimborium und ziehen von dannen, fast könnte man meinen, eine Kundin beschwert sich über zu teure Kernseife. Was übrig bleibt, das ist ein offener Mund, temporäre Glücksgefühle aufgrund praktizierter Solidarität (die man nicht klein reden sollte) und in erster Linie der Alltag. Gegen den richten sich Flashmobs aber ja gerade nicht. Man kommt kurz vorbei, wie zum Einkaufen, und dann war es das. Die grundsätzliche Aufteilung wird nicht angeprangert, siehe Götz Werner als wundersam gedeihende Blume aus einem Misthaufen heraus.
Wenn Flashmobs mehr Substanz hätten, dann wäre das durchaus als Alternative zu denken, so ist das in meinen Augen in erster Linie Profilneurose.
Ein wenig Polemik zum Schluss: Die Analogie zum "spontanen Ausdruck des Volkswillens", die erscheint mir nicht zufällig ;)