Also in der heutigen taz, die beiläufig gesagt ein wunderschönes Titelbild hat, ist auf Seite 14 ein Artikel von Lilian Grundler, den es auch online zu lesen gibt. In dem Artikel geht es darum, dass es anscheinend ein angesagtes neues Würgespiel gebe, das in Deutschland einen Toten gefordert habe, in den USA und Frankreich mittlerweile aber Trend sei. Ich kann schon förmlich sehen, wie die Politiker in den kommenden Tagen das Internet dafür verantwortlich machen werden, weil es ja viel einfacher geworden sei, an solche Texte und Videos (keine Angst, es ist nur ein VOX-Bericht, den ich auf Youtube gefunden habe) heranzukommen.
Doch weil das Internet nichts anderes ist als ein überdimensionaler Beichtstuhl, nutze ich die Chance,ähnlich wie die Frau aus dem obigen Video, und gestehe: Vor ca. 12 Jahren habe ich das auch gemacht. Nicht nur ich, wir waren so ca. 20 Leute. Keine Ahnung, wie lang wir das gemacht haben, womöglich über ein paar Wochen hinweg. An die Wand stellen, Luft anhalten, Brustkorb eindrücken und los ging das Spiel. Ja, Spiel. Was weiß ich denn schon von meinem Körper? Was interessiert mich, der sich freiwillig in den Schutzraum von S-Bahneinfahrten gelegt hatte, kurz bevor selbige in den Bahnhof einfuhr, was interessiert mich als Kind meine Gesundheit? Das ist alles graue Theorie gewesen. Nichts weiter. Und ja, es war ein Kick. Und ja, wir fanden es irre lustig, bewusstlos zu werden, all die Gesichter vor den immer müder werdenden Augen, das Adrenalin in den Blicken der anderen, der unglaubliche Lärm, das Lachen, die ganze Surrealität, Jubel, es geht voll ab in meinem Leben, um dann von den schallenden Watschen aufgeweckt zu werden und sich auf dem Boden wiederzufinden. Normal, dass die Backen noch Stunden später weinrote Abdrücke von Kinderhänden aufweisen. Ich weiß sogar noch,warum wir aufgehört haben, das zu spielen: Einer ist bewusstlos geworden und hat sich beim Aufprall die Naste blutig geschlagen. Das war ein Schock-Effekt. Das war’s dann. Praxiserfahrung. Dämonisieren bringt nichts. 24/7 Kontrolle ist eine nicht wünschenswerte Dystopie. Was zählt, das ist eine Diskussion, sich einzugestehen,dass es durchaus positive Seiten haben kann, das haben Drogen ja schließlich auch, aber die möglichen Verluste unverhältnismäßig hoch ausfallen. Wer will schon sterben, weil er kurz Spaß haben wollte? Niemand. Aber welches Kind denkt denn daran? Auch niemand.
Ich weiß nicht wirklich worauf ich mit diesem Beitrag hinauswill, aber ich frage mich manchmal, was Eltern von ihren Kindern denken? Dass sie wirklich nur Fußball spielen wollen, nur Gesellschaftsspiele? Keinen Drang zu Grenzerfahrungen verspüren? Ne, oder?
Nur damit das Bild hier an der Stelle mal komplett ist, nachfolgend eine Liste mit weiteren “Spielen”, die auch angesagt waren:
in alte Fabriken einzusteigen, das Schloss im Keller mit einem Bolzenschneider zu entfernen (aber meist war das eh schon weg) und auf komplett vom Einsturz bedrohten Metalltreppen 5 Meter über dem Abgrund aus rostigem Sperrmüll rumzuturnen
sich mit Geldstücken so lange über den Oberarm zu kratzen, bis eine Spur aus Blut zurückgeblieben ist
in Anlehnung daran “türkisches Roulette”, bei dem man eine Münze anschnippt und die gegenüberliegende Seite selbiges versucht und im Falle, dass die Münze sich nicht weiterdreht, sondern umfällt, muss der Verlierer seine nackte Faust auf den Tisch pressen, damit der Gewinner die Münze (es war ein Fünf Dm Stück) mit voller Wucht dagegen schleudern durfte
oben genanntes S-Bahn-Verstecken
in irgendwelchen Tunneln, die zufälligerweise immer von Satanisten als Schlafplatz benutzt wurden, rumzugaunern und nach skandalösen Errungenschaften Ausschau zu halten
Eisbälle auf Autos werfen
10-Cent Stücke auf Gleise zu legen oder sie mit dem Hammer plattzuschlagen, weil der Kippenautomat sie dann u.U. als 2 DM Stück gewichtete (habe ich nie gesehen und halte ich immer noch für ein Gerücht)
Ein Kartenspiel, dessen Regeln folgende waren: bei “Schellen” auf die flach ausgebreitete Hand einen “Hammer” zu verpassen, d.h. mit der Faust draufzuschlagen; bei “Eichel” einen 360°-Zwicker usw. Bestialisch.
Die Liste ließe sich noch auf Ellenlänge fortführen. Ich glaube also nicht, dass das Internet die Schuld dafür trägt, sondern vielmehr die Möglichkeit bietet, mal zu sehen, was so vor sich gehen kann in Kinderköpfen.