Auf einmal sind alle Blogs .. gleich. Ich stolper durch die Web 2.0 Welt und alles, was ich sehe, ist seltsam wirbelnder Schnee auf so ziemlich allen Seiten, Weihnachtsdekoration in allen möglichen Farben und Formen und – das vielleicht Schlimmste – Jahresrückblicke.
Ich mag Weihnachten. Wirklich. Aber dieses weihnachtliche Gematsche auf allen Blogs nervt einfach nur. Ich will mich nicht fragen müssen, ob ich den Artikel wohl zu Ende lesen kann oder Schneeflocken mir die Buchstaben verwirbeln werden und ich will auch nicht die ganze Zeit gezwungen sein, auf irgendwelche blinkenden, fiependen oder zuckersüß bemalten Weihnachtskugeln, -bäume etc. zu gucken.
Als ich gestern so auf meinem Sessel saß – auf dem ich überraschend oft sitze, obwohl das Sofa direkt daneben steht – überlegte ich, was mich an Jahresrückblicken eigentlich am meisten stört und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Ich kann Jahresrückblicke nicht leiden, weil ich nicht gerne zurückblicke und feststelle, dass ich mal wieder nichts auf die Reihe bekommen habe. Nichts nennenswertes. Nichts, von dem ich voller Stolz verkünden könnte: Jawoll, das hab ich geschafft. Also habe ich mir überlegt – mache ich halt einen was-wäre-wenn und hätte-ich-damals Jahresrückblick. Passt mir auch viel besser, immerhin bin ich ja völligst vergesslich und weiß ohnehin nicht mehr genau, was dieses Jahr alles gewesen war.
Im Mai war ich auf einem David Garrett Konzert in der Kölner Philharmonie. Das war genial. Deswegen erinnere ich mich. Wäre ich nicht hingegangen, hätte ich für eine Klausur gelernt. Hätte ich für diese Klausur gelernt, wäre ich nicht kurze Zeit später nicht durchgefallen. Wäre ich nicht durchgefallen, hätte ich jetzt meinen Schein, was wiederum bedeuten würde, dass ich nicht gezwungen wäre, die Vorlesung zu wiederholen. Negative Wirkungskette, ja, so ist das.
Im Juli kam es dann zu weiteren negativen Konsekwenzen, die allerdings aus den Jahren davor entstanden waren: Ich hatte zu wenig für die Uni getan – los gehts mit der Wirkungskette. Hätte ich vom ersten Semester an brav die 10 Vorlesungen abgearbeitet, die der Studienplan vorgesehen hatte, wäre ich auf genügend Scheine gekommen. Hätte ich genügend Scheine gehabt, hätte ich im Juli nicht aufholen müssen, was ich die Semester davor versäumt hatte. Wäre ich nicht gezwungen gewesen, innerhalb weniger Monate 23 Scheine zu machen, hätte ich sie logischerweise schon gehabt. Und hätte ich sie schon gehabt, hätte ich meine BaFög-Unterlagen ohne Probleme einreichen können. Stattdessen musste ich auf einen Schein warten – und das drei Monate lang – sodass ich meine Unterlagen nicht rechtzeitig einreichen konnte. Kurzum: Wir kommen zu dem gleichen Schluss wie vorher auch – hätte ich gearbeitet, hätte ich nun keine BaFög Probleme.
Im Oktober hatte ich Geburtstag und bekam Geburtstagsgeld von allen Seiten. Obwohl ich es sparen wollte, ist es mir natürlich nicht gelungen. Nicht so wirklich. Hätte ich gespart, hätte ich jetzt ein kleines Polster. Hätte ich ein kleines Polster, könnte ich meine Tage viel gelassener beginnen. Würde ich meine Tage gelassener beginnen, wäre meine psychische und physische Konstitution wesentlich besser und ich wäre nicht dauer-erschöpft. Wäre ich nicht dauer-erschöpft, könnte ich mehr für die Uni tun, mehr für mein Leben tun usw.
Im November begannen in Deutschland die Studentenproteste und kurzzeitig glaubte ich tatsächlich daran, dass sich etwas ändern würde. Hätte man die Studiengebühren aufgehoben, hätte ich weniger Schulden. Hätte man den Master NC aufgehoben, hätte ich weniger Sorgen. Hätte man mir meinen Glauben an irgendwas zurück gegeben, wäre ich weniger gleichgültig. Wäre ich weniger gleichgültig, könnte das Leben eigentlich ganz schön sein.
Jetzt im Dezember stelle ich fest, dass ein Leben ohne Geld kaum möglich ist. Außerdem merke ich, dass mein Studium mich auffrisst, ich ständig das Gefühl habe, nicht mehr weiterzukommen und ich meine Seele dafür verkaufen würde, einige Wochen lang einfach mal nichts zu tun. Hätte ich am Wochenende Lotto gespielt, wäre ich nun vielleicht stolze Millionärin. Wäre ich Millionärin, würde ich als erstes meine exorbitanten Schulden abbezahlen. Würde ich meine Schulden abbezahlen, hätte ich bessere Laune und könnte darüber nachdenken, was ich mit meiner Zukunft anfangen will. Könnte ich darüber nachdenken, was ich mit meiner Zukunft anfangen will, würde mir bei dem Gedanken, dass ich schon bald meinen Bachelor fertig habe, nicht ganz so übel werden.
Letztlich bleibt also zu sagen: Über das Jahr hinweg habe ich meinen Mut, meinen Glauben, meine Hoffnung und meine Freizeit verloren. Das großartigste, was ich geleistet habe, war es, 23 Scheine in wenigen Monaten zu schaffen, wofür die Leute mich heute noch schockiert angucken, weil sowas eigentlich gar nicht machbar ist und ich es trotzdem geschafft habe. Ich musste halt nur den Preis dafür zahlen.



Das schöne ist, irgendwann ist die Zeit auch vorbei an der man sich nur von Müsli und Trockenpflaumen ernährt! Dann bist du gebildet, hast einen hochdotierten Job und kannst dein Bafög zurück zahlen! Hoffe ich jedenfalls für dich…
GOOD LUCK!
Zum Glück schneits in meinem Blog nicht und habe auch (noch) keinen Rückblick geschrieben und weiss auch gar nicht, ob das überhaupt kommen wird :)
23 Scheine sind schon sehr heftig! Aber freu dich auf die Zukunft, die evtl ja sehr rosig werden könnte. Und geniess trotzdem die letzte Zeit als Student!
Ein Applaus für Hannah, einen wunderbaren Menschen *stehtauf*
Jahresrückblicke mag ich prinzipiell auch nicht, weil sie oft nur von den Wunden berichten und das so oberflächlich, dass noch mehr Salz hinein gerät. Dein Was-wäre-wenn-Rückblick tut leider nichts anderes. Wir können immer zurück blicken, uns die Fehler suchen und mögliche Szenarien rundherum bilden. Hättest du dies und das aber anders gemacht, sähen die Folgen auch wieder anders aus. Es gibt kein “entweder oder”, es wäre nicht gut, nur weil es jetzt schlecht ist.
Ich wünsche dir wirklich sehr, dass du den Antrieb da wieder findest. Ich kenne es sehr gut, stecken zu bleiben und oft genug lag ich auch im Sumpf der Verzweiflung, der die psychische Verfassung in einer großen Reichweite sehr heftig anzuschlagen weiß. Wichtig ist aber, dass es von oben nach unten und auch wieder nach oben (und wieder nach unten) gehen kann.
Deswegen empfehle ich dir, vielleicht noch ein bisschen weiter zurück zu blicken. Was war vor zwei Jahren richtig schwierig für dich? Was vor fünf Jahren oder auch zehn? Hast du das gemeistert? Lachst du vielleicht heute darüber? Der Moment wird vorbei gehen und so schwierig wie er jetzt ist, läutet er den nächsten ein und der könnte wunderschön werden. Ich hoffe sehr, dass du bald wieder einen solchen erlebst.
Ich mag Schwarzmalerei ja auch nich so :P ^^ guck dir doch auch mal die guten seiten an,…z.b. die 23 scheine, dann das du chris hast der dir beisteht und zu dir hält…is das denn alles nix?Und selbst wenn momentan wirklich mal ne harte Zeit ist,ohne hate zeiten wüssten wir die guten Zeiten nich zu erkennen ;) najaaa wird schon alles wieder werden,irgendwann lachste über die harte zeit :D
Ich finde Konjunktive ziemlich scheiße.
Guck vor die Füße und geh’ Schritt für Schritt. Wenn Du hochschaust, siehst Du nur Deinen ganz persönlichen Riesenberg Probleme. Schaust Du vor Deine Füße, dann siehst Du das aktuellste Problem und vielleicht noch das übernächste. Das reicht doch. Lös’ die und dann schaust Du weiter.
Guck… und schon kannst Du einen kleinen Schritt vorangehen… sofern Du Deine Emails gerade abgerufen hast. ^^
@Basti: Ich glaube, Trockenpflaumen habe ich schon seit Jahren nicht mehr gegessen :D
@Thang: Ich wäre auch geschockt, Schnee bei dir zu sehen :D
@Hakan: Danke : )
@pell: Ach, manchmal hat man einfach schlechte Tage. Natürlich seh ich nicht immer alles so negativ :D Aber gestern war einfach ein Jammertag.
@Arne: Leute, die ständig optimistisch sind, hielt ich schon immer für ein Wunder :D
@Vater: Ich liebe Konjunktive :D