Zeit Online berichtet heute über Facebook. Aber nicht etwa wie die meisten amerikanischen Facebook-Nutzer darüber, dass man in den Einstellungen erst auf “Privatsphäre” dann auf “Suchen” klicken muss, damit man a.) sieht, wie das Profil für die meisten Nutzer aussieht und b.) dass man dort auch verhindern kann, die eigene Profilseite im Ergebniskatalog einer Google-Suche wiederzufinden, sondern über einen jüdischen Jungen. 9 Jahre wurde der Bengel, womöglich. Dann ist er gestorben. Das war 1942.
Nun, auf Facebook gibt es zahlreiche Einrichtungen, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen. Manche wollen erinnern, andere wiederum wollen ihn bestreiten. Mitte des Jahres handelte sich Facebook riesigen Ärger ein, als man den Holocaustleugnern erlaubte, ihre Gruppen auf Facebook zu gründen, da sie nicht gegen die AGB verstoßen würden. Und da der gute Henio in seiner Heimatstadt der Inbegriff für die lokale Auseinandersetzung mit dem Holocaust geworden ist, schließlich steht(so Zeit Online) “am 19. April, dem Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto und Polens Holocaust-Gedenktag, ein Briefkasten dort , wo Henios letztes Foto entstand”, ist es in letzter Instanz auch folgerichtig, dass es auch für diesen Racker ein Facebook-Profil gibt.
Was mich interessiert ist, warum all diese Menschen Henio schreiben? Was hat es für einen Hintergrund, dass ich Briefe an einen mir unbekannten Toten schreibe? Sicher, es geht nur vordergründig um die Person. Henio sieht putzig aus, keine Frage und es ist immer wieder lähmend, sich vorzustellen, dass es Menschen gegeben hat (und machen wir uns nichts vor, es gibt sie auch heute noch), die in einem Kind, und auch einem Baby, nichts anderes gesehen haben als die Wurzel allen Übels. Henio kam also ums Leben, womöglich in einem Konzentrationslager. Das ist ein Grund, warum ihm viele Menschen schreiben. Aber warum noch?
Womöglich sind die Kommentare an seiner Pinnwand öffentlich. So kann jeder sehen, dass man sich auch heute, gerade heute noch mit der Vergangenheit auseinandersetzen muss. Die Kommentare sind eventuell auch ein Zeugnis der Kehrseite, dass man sich von der Geschichte verabschieden will und der Brief an Henio somit ein symbolischer Abschiedsbrief ist. Muss nicht sein, angesichts der dekadenlangen Debatten kann ich mir das aber gut vorstellen. Es sind auf alle Fälle nicht mehr die gleichen Briefe, die Lublins Bürger und Besucher am 19.04 jeden Jahres in einen Briefkasten werfen und den öffentlichen Briefen auf Facebook. Der Briefkasten ist geheim, man weiß vielleicht, welches Institut die Briefe erhalten wird, aber man weiß nie, ob alle Briefe gelesen werden und ob sie von mehreren gelesen werden. Selbst für den Fall, dass die Briefe ausgestellt werden sollten (das müsste man recherchieren, da fehlt mir gerade leider die Zeit für), dann ist es ein geographisch eng umgrenzter Raum. Es ist von den Bürgern Lublins für die Bürger Lublins.
Bei Facebook ist das anders. Dort ist es gleichermaßen eine Solidarisierung mit den jüdischen Opfern, die letzte Ehrerweisung, aber auch, und das muss man klar benennen, eine gewisse Art des selbstinszenierenden Selbstgespräches. Ich meine das in keiner Weise abwertend. Menschen, die auf Nachrichtenportalen Kommentare schreiben oder auf Foren unterwegs sind, wissen was ich meine. So viele lesen das nicht, ein harter Kern an Leuten, die auch Forentreffen veranstalten wollen würden und dazu noch eine unbestimmte Zahl an Mitdiskutanten. Man kennt sich. Der große Rest liest größtenteils sporadisch mit und sobald die Sache sich in die Details aufzulösen beginnt, lässt das Interesse nach. Aber hier ist es mehr als nur ein Beitrag, mehr als bloße Respektbekundung, es ist vielleicht eine Art letzte Gewissheit. Der Mensch muss sich nicht nur innerlich, sondern eben auch äußerlich bewusst machen, dass er nicht so ist, wie das namenlose Übel, das für den Tod von Henio Żytomirski verantwortlich ist. Man kommuniziert also mit sich selber. Ich schreibe den Kommentar, lese ihn kurz darauf und vergewissere mich, dass ich zumindest versuche, einen reflektierten Umgang mit der Vergangenheit zu finden. Soviele Schreie in mir drin, soviel Gedanken, auch Hassgefühle, die ich nicht auslebe. Wenn ich mein im wahrsten Sinne des Wortes ernstgemeintes Mitleid schriftlich fixiere und das Wort dann nicht mehr mir gehört (solange ich es nicht lösche), dann ist es konsequenterweise auch wahr. So bin ich. Hoffentlich.