Jammertweets

17. Dezember 2009 • Kategorie: 2 Cents • Kommentare: 1
Jammertweets

Das Gejammer will nicht aufhören. Der große Unbekannte: Versteckt hinter Codierungen. HTTP. Die Irrelevanz von Besitz angesichts von Dropbox. Der Bürger hinter Plexiglas der Firma Facebook. Die Brachialgewalt einer bücherfeindlichen Brut Heranwachsender. Das Klischee als Prinzip, die Unmöglichkeit, eine Aktion zu tätigen, die nicht kitschig ist (Kohelet, Vers 9). Aber vielleicht sollte man gerade jetzt rote Rosen verschenken. Der hermeneutische Zirkel. Jetzt als Gewissensbiss.

Im Ernst: Ich lese nur Kotze in den Zwischenzeilen. Keiner dreht mehr Filme, weil alles ja Zitate seien. Tweets verdrängen Bücher. Egal welcher Bereich, einer hat immer Angst. Lesen kann es aber jeder.

Ich frage mich nur, ob jmd. daran gedacht hat, dass mir EIN Tweet komplett ausreichen kann, um mich davon zu überzeugen, mir ein Buch vom Vergrämer (Nachtrag: Das Ä ist Konsequenz, Göthe ftw!) oder von rounders zuzulegen und es dann zu lesen. Diese ganze Nerd-Verteufelung von Facebook, vom Internet, ist die konservative Verhüllung der eigenen Faszination. Ja, wir tauschen Links aus. Einfach weil es witzig ist. Weil sowas gesehen werden muss. Sollte. Nein, muss. Ich dachte, wir wollen Globalisierung? Und ein Tag, den man komplett im Internet verlebt hat, ist nichtsdesto trotz gut. Und wichtig. Nervig manchmal, aber trotzdem gelebt. Kommunikationsforum. Mit neuen Formen der Macht umgehen. Das Telefon ersetzt meinen Körper (reduziert ihn auf den Mund), Skype ersetzt das Telefon, mein Handy ersetzt Skype (ein Wunder, dass man das Handy zuerst erfunden hat), mein Mund ersetzt das Handy und das ist dann ein hermeneutischer Zirkel auf medialer Ebene.

Ein paar meiner besten Gespräche waren unpersönlich (ICQ), vermittelt durch Worte. Reduziert auf bloße Schrift. Kein Gegluckse, kein leicht errötendes Gesicht, kein Schaum vorm Mund. Nur die Intensivität kalter, emotionsloser Schrift. AB UND AN WURDE AUCH GEBRÜLLT! UND MI WAHN; IM EFIER HST MAN SICCH AUCH SCHONMAL VERSCIHREBN. Eins weiß ich. Diese Gespräche veränderten mehr als das allwöchentliche Abhängen auf Parkbänken mit einem Bier in der Hand, kurz vor dem Discobesuch. Mit den immer gleichen Leuten. Das gilt auch für WG-Partys. Da war immer die gleiche Menge an gleichen Leuten dabei, nämlich diejenigen, die man nicht kannte. Hatten immer andere Gesichter, andere Outfits, aber gesprochen habe ich mit keinem. Ok, ehrlich sein, mit einem Bruchteil. Sind auch Freundschaften entstanden. Ich gehe jetzt übrigens auf ein Konzert. Kennen gelernt habe ich den Jonas, ich weiß gar nicht mehr, wie. Wahrscheinlich war’s über das Internet.

Aber das Gejammer will einfach nicht aufhören.


  1. mal wieder wahsinnig guter Post, ich sehe es genau so.