Fragil

20.12.09

Ich habe Glasknochen, da gibt es keinen Zweifel mehr. Mein Arzt konnte mir das zwar nicht bestätigen, aber wer erwartet schon allen Ernstes, dass ein Röntgenbild da weiterhelfen würde. Wo Seelen doch unsichtbar sind. Kleine Kinder wissen das. Der Arzt jedoch nimmt das Bild und beginnt zu sprechen, während er auf mein Innenleben zeigt (wie eindrucksvoll leer es ist) und ein warmes Lächeln dabei seine Halbgottlippen umspielt. Es müssen mächtige Worte gewesen sein, so gewichtig, dass die Schallwellen auf dem gekachelten Fußboden aufprallen, noch bevor sie an meine Ohren dringen konnten. Ich bin taub für Lügen.

Wieso geht alle Welt ungefragt davon aus, dass unsere Seelen keine Knochen haben? Bitte bleibt auf Distanz, ich fürchte eure Umarmungen! Je näher ihr mir kommt, desto wahrscheinlicher, dass ihr mir meine Knochen brecht. Euer Händedruck ist kein Willkommenheißen, es ist eine Bedrohung. So fest, da bleibt kein Platz mehr für das Schütteln. Würdet ihr meine Hand schütteln, so wie ich meinen Bauch, wenn ich sorglos bin, ich würde euch nicht mehr loslassen. Aber so, wo eure Hand die Erweiterung eures eisigen Blickes ist, so können wir uns nicht berühren, so kann ich keinen Deal mit euch eingehen, euch keine helfende Hand reichen, selbst wenn ich es wollte und könnte. Diese Knochen heilen nicht, sie werden nur brüchiger. Eine zeitlang wollte ich mich abhärten, habe meine Faust geballt und mit voller Wucht, unter vollem Einsatz meines Körpergewichts in einsamen Straßen an raue Wände geschlagen. Felswände, mitten in der Dunkelheit der Stadt. Gebracht hat es nichts. Ich habe mir lediglich meine Sollbruchstellen sichtbar geschlagen. Ja, es ist auch meine Schuld, dass ich meine Hand nicht in die eurige legen kann, keine Frage. Wir haben angefangen uns leichte Küsschen auf unsere Wangen zu geben, meine letzte Ausweichmöglichkeit. Wie sehr ich den Kontakt vermisst habe. Wie vitalisierend sich das auf meine Seele auswirkt. Doch zu groß die Gefahr, zu gebrochen ich.

Gestern habe ich mir ein T-Shirt gekauft. Ich will nicht mehr reden, so trage ich meine Botschaft auf der Brust: „Fragil“. Meine Freunde sehen mich und lachen. Wenn sie wüssten.


Kategorie: Kurzgeschichte

Yo, turbo.

Social Bookmarks
  1. lupa

    <3

Name (*)

Mail (*)

Website