Die Ausnahme

21. Dezember 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 1
Die Ausnahme

Gesehen habe ich es gestern um 04:00 in der Früh. Danach habe ich mich ins Bett gelegt und zum ersten Mal wirklich gespürt, was es heißt, zu verzweifeln. Das Ohnmachtsgefühl. Nicht zu wissen, was richtig ist, aber ganz genau zu wissen, was falsch ist, falsch sein muss, sonst ist der Glaube an das, was uns zu Menschen macht. ein Aberglaube, Irrweg, ein großer Fehler. Dann würden wir es vielleicht wirklich verdienen, dass der nächstbeste Meteorit Kurs auf die Erde nimmt, mal eben einschlägt und dann ist auch mal Ruhe im Karton. Dann schlief ich noch ein Stück verzweifelter ein, weil ich wusste, dass es nicht passieren würde. Nicht heute zumindest.

Ich dachte, ich schreibe nicht drüber. Das machen die anderen bestimmt. Außerdem hat das Vice Magazine schon darüber berichtet, das spricht sich rum, das verbreitet sich. Wen könnte ich schon erreichen, der nicht das Vice Magazine liest? Sollen die anderen machen, ich nicht, ich schreibe sowieso ununterbrochen über Politisches. Außerdem ist “La Haine” einer der wenigen Filme, die ich mehr als 10mal gesehen habe und das spricht Bände. Gut, also nicht ich. Nicht jetzt. Nicht darüber. Das machen zum Glück ja auch genug andere. Kriege ich mit und wie gut, dass sie es machen.

21 Stunden sind seither vergangen. Die Bilder lassen mich nicht los. Im Gegenteil: So luzide waren sie noch nie, so laut und so lang hat ein Schrei noch nie in mir nachgehallt. Also schreibe ich jetzt doch drüber. Weil ich muss, weil ich ja vielleicht doch einen Menschen erreiche, der das Video noch nicht kannte und das ist es, falsch, das muss einfach ein ausreichender Grund sein.

Es heißt doch immer, man solle nicht die das Private mit dem Beruflichen vermischen. Ich sage: Bullshit. Wer in der Arbeit seine Zeit damit verbringt, die Karriere To-Do Liste abzuhaken, wird als privater Mensch kein zielloser Lebemann sein. Funktioniert nicht. Klar, Menschen ändern sich, Menschen haben mehrere Standpunkte, sind zugleich Arbeitnehmer, Sohn, Vater, Hobby-Fußballer und Samstag-Morgen-Ausschläfer. Aber trotzdem: Der Charakter hält alles zusammen, er ist der Rahmen, innerhalb dessen sich die Mosaiksteinchen organisieren.

Hier hätten wir dann die Definition eines 100% (Beleidigung dürft ihr euch ausdenken)

Wer als Polizist sich eine auf dem Boden sitzende Frau aussucht und ununterbrochen auf sie einprügelt, obwohl sie schon längst kapituliert hat, wegrennt, keine Rede mehr von etwaiger “Gewalt” sein kann, dessen Charakter kann man sich nur zu gut ausmalen. Und zum ersten Mal denkt man, man hat den Grund gefunden, woran unser Zusammenleben scheitert. Es ist nicht die Polizei an sich (und ja, bestimmt ist er nur eine Ausnahme), es ist nicht mal das System, in dem wir leben, das Konkurrenz als Selbstzweck setzt, es sind Menschen wie obiger Polizist, dessen Grundverständnis von Menschlichkeit just in dem Moment flöten geht, als man ihm die potentielle Macht zugesteht, zu strafen. In diesem speziellen Punkt hat Marx also Unrecht, wenn er von “Charaktermasken” spricht. Nicht hier, nicht jetzt und vor allem nicht er. Das ist keine Maske, das ist seine Persönlichkeit, die da den Knüppel schwingt. Man kann nicht soviel essen, wie man kotzen möchte.


  1. ja, ich hatte es noch nicht gesehen. danke dafür.