Die Stille frisst mich auf. Zentimeterdick liegt der Schnee, Eiskristalle glitzern am Fenster und jedes Mal, wenn ich es öffnen will, knackt es leise. Kommt mir vor, als würde ich das kleine Kristallvolk ermorden, das sich über die Nacht hinweg in die Ritzen gesetzt hat. Der winzige Diamantkönig fällt von seinem Thron, kullert vor die Füße seiner klirrenden Untertanen und löst eine Welle fallender Kristalle aus – nur weil ich so egoistisch bin und das Fenster öffnen muss.

Man merkt, wann die Semesterferien in Siegen beginnen. Ich weiß nicht, ob die Siegener es bemerken, aber ich als “Zugezogene” – sagt man das so? – merke es. Meine Freunde verlassen nach und nach die Stadt, die Häuser werden immer Stille und die Stimmen, die ich unter meinem Fenster vorbei gehen höre, klingen viel öfter nach Siegenern, statt nach dem versnobten Düsseldorfer Dialekt oder den kumpelhaften Klängen einer Berliner Schnauze.
Mein Nachbar schippt Schnee. Natürlich musste seine Frau ihn erst dazu zwingen, musste ihn aus dem Bett jagen – vielleicht mit der Androhung, dass es weder Sex noch Frühstück gibt – und in die Kälte schicken, damit der Weg vor ihrer Haustür freigeräumt ist und sie – rein rechtlich gesehen – nicht verpflichtet sind, wenn irgendjemand (vermutlich ich) vor ihrer Tür ausrutscht und sich beide Arme bricht. Interessant daran ist: Es ist morgens. Trotzdem schippt er Schnee. Sonst macht er das immer erst gegen 12. Auch er scheint zu wissen, dass die Studenten, die ihm normalerweise dabei helfen, die Tüten zu tragen, weg sind. Und weil sie weg sind, muss er keine Rücksicht nehmen, sondern kann sich schon um halb 10 vor die Tür setzen lassen, um dort den Schnee zu schippen, während in der warmen Wohnung Sex und Frühstück wartet. Ich hoffe für ihn, dass er wenigstens eins von beidem bekommt, aber ich habe seine Frau gesehen und bezweifle es.
Die Sonne scheint und ich habe die Hoffnung, dass der Schnee wegtaut. Nicht nur, weil ich dann morgen mit dem Bus zur Uni hochfahren kann – das ist nur ein netter Zusatz – nein, viel mehr, weil mit dem tauenden Schnee vielleicht auch die Stille schmelzen wird.
Die Stille solltest du genießen, Hannahlein. Wenn die Straßen schneebedeckt sind, ist selbst die Großstadt friedlich wie die Steppe.
Mach dir ein paar schöne Tage in der warmen Zimmerluft und berichte uns von weiteren schaurigen Geschichten deines Nachbarn.
Siegener haben Sex zum Frühstück? Das ist ja absolut irre. Gibt es eine Zuzugsperre für Siegen? Wie ist die prozentuelle Frauen/Männer-Verteilung in Siegen, statistisch gesehen? Sagen wir… in der Altersgruppe 44-54 Jahre? Was für ein amoröser Ort. ^^