Lebenslauf, freie Form

27. Dezember 2009 • Kategorie: Alltag • Kommentare: 2
Lebenslauf, freie Form

Geboren 1984. Seitdem zu Besuch. Vom Suchen und Finden der Heimatlosigkeit. Türke, Türke, was hast du getan? Nichts, ein sorgloses „Hi“ meinerseits. „Ich“ bin’s, Hakan. Gottgegeben.
Meine Schultüte war blau-metallic. Das war 1990. Ich hab mich dann neben den Timo gesetzt. Die Ausländer bleiben ja doch eher unter sich. Willkommen in der Schule der Klischees. Aus Trotz (Angst) ging ich vier Jahre später auf’s Jungenklo, entschied mich gegen das Pissoir, schloss die Tür hinter mir und kackte auf den Boden. Wurde leider entdeckt. Ich auch. Aus Strafe hat man mich dabei zusehen lassen, wie das Klo unter Wasser gesetzt wurde. Herr Schwemmer hatte wohl keine Einweghandschuhe. Aber Herr Schwemmer ist ja auch daran gestorben. 17 Jahre später. Sie nannten es vorsichtshalber Krebs. Kacken kann ich jetzt aber auch gesellschaftskonform. Musste es nur auf die harte Tour lernen. Ein Hoch auf Herr S.!
Ich war Nationalist. Ungewollt. Zu einer Zeit, in der „predigen“ ein Synonym für „erklären“ war. Als in Koranschulen die Hodschas mich noch schlagen durften. Große Männer, weit über meinen Köpfen verhandelten über meinen Körper. „Sein Fleisch gehört dir, die Knochen mir“. Danke, Dad. Türkische Redewendungen kennen keine Schmerzgrenze. Anders meine Backen. Manchmal, wenn ich in den Spiegel schaue, leuchten die Handabdrücke feuerrot zurück. Dann lache ich ein wenig über das Leben. Schließlich wollte ich schon immer Tattoos.
Es gab den Hugendubel. Und meine langen Pianistenfinger. Ich klaute, 3 Monate täglich. Als man mich erwischte, nannte ich mich „Simon“. Als die Polizei am Folgetag bei Simon vor der Tür stand, musste ich schon wieder lachen. Wenn ich heute in den Hugendubel gehe, verabschiede ich mich mit einem „Stimmt so“. Mein Gewissen sagt, die Schulden sind bald abbezahlt.

Ich hatte noch nie einen Bruch. Nicht am Körper, nicht im Lebenslauf. Ich weiß nicht, was ich schlimmer finden soll. Trotzdem: Ich mag keine Bewerbungsgespräche. Ehrlich gesagt tun mir die anderen leid. Sie gehen leer aus. Ich kriege den Job. Dann bin ich jemand. Von Beruf Werbetexter. Hakan, der Werbetexter. Nahtlos. Und was ist mit Hakan, der Drehbuchautor? Hakan, der Politikstudent? Hakan, der Investigativ-Journalist? Die andern gehen leer aus. Aber das nennt man nicht Bruch, sondern Karriere.
Hakan, der Rapper. Ich hielt ein Mikrofon in der Hand. Und Blätter, ihrer so viele. Erst nicht fassbar, aber doch da. Eingeschlossen im PC. Virtuell. Dann plötzlich real, drück „Drucken“. Cut. Neue Szene. Immer noch ich und das Mic. Nur die weiße Wand ist jetzt weg. Es war ein steinerner Vorhang. Dahinter warteten 1000 Menschen. Publikum. Ich abonnierte Glücksgefühle. Doch die Frage ist: Bin ich auch nur virtuell?
10 Jahre später habe ich immer noch keine Antwort. Dafür einen Facebook-Account und mehr als 100 Lesezeichen. Aber kein Mic mehr. Es gibt andere Sprachrohre.


  1. [...] Auf alle Fälle: Zu Beginn der Diskussion gibt es eine kurze Vorstellungsrunde. Und da ich ja quasi neu hier bin und womöglich einige Menschen verschrecken werde (sorry), vorneweg eine kurze Vorstellungsrunde. [...]

  2. ich hatte auch noch keinen bruch, allerdings auch noch kein einziges bewerbungsgespräch. trotzdem hab’ ich ‘nen job ;).

    find’s übrigens cool, daß du hier schreibst. weiß irgendwer, wie lange [noch]?