Tim, der Mörder.

6. Januar 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 8
Tim, der Mörder.

Er hielt den sicheren Tod zwischen seinen Händen, doch die nächsten 10 Minuten würde der kleine Mann, bald schon wird er 9 Jahre alt, in komplett unbekümmerter Manier eine schnöde Zweispurstraße angrinsen. Die Fäuste hielt er unbewusst, aber nichtsdestotrotz in permanenter Bewegung; klar, -10 Grad und pulsierendes Blut als verlässlicher Wärmespender, das hätte man zu einem überzeugenden Argument ausschmücken können. Aber Pappschneereste, die dem noch zu sanften, weil kindlichen, Druck seiner Hände entfliehen konnten, sprachen Bände. Es würde also nicht seine Schuld werden, ganz egal was. Kurz blickte er nach links und sah die blutroten Quadrataugen der städtischen S-Bahn verschwinden in einer undefinierbaren Suppe aus Nebel, Schneeregen und Kurzsichtigkeit. Das war dann auch der einzige Moment, in dem er sein Grinsen ablegte und einen leisen und gänzlich unschuldigen Fluch ausstieß. “Scheißenkleister.” Als ein nichtsahnender Passant unter der Brücke durchging, den Kopf nach oben wandte und einen flüchtigen Blick auf Tim warf, musste er instinktiv an “Alice im Wunderland” denken. Nur gespentisches Grinsen, völlig unabhängig vom Restgesicht. Und zwei Fäuste, die eine handvoll Pappschnee formten.

Zeit erstarrt und ist im Prinzip der eigentliche Grund für seine, deine und evtl. auch meine Unflexibilität. Erst recht bei Heinrich, von dem wir bald nur noch in der Vergangenheitsform sprechen werden. Soeben greift er ein paar Takte zu zielstrebig in den zweiten Briefkasten von links, Reihe 3 von 8 und reißt die Titelseite der Morgenzeitung ganz von selbst in Stücke. Heinrich, der Reißwolf. Auch beim Laufen stets im Stechschritt, als er in seine beigemetallic-farbene Luxuskarosse steigt. Statt der gewünschten Doppelhaushälfte hat er sich für einen schnittigen Sportwagen entschieden.  Die Probleme des Biedermeier sind die Gleichen geblieben, nur die Alternativen änderten sich beinahe unmerklich. Heinrich begrüßt seine Frau, die in der Zwischenzeit ihren außerhäuslichen Pflichten nachgegangen war und den Motor anließ, um im Anschluss auf den Beifahrersitz auszuweichen, kurz und formal. “Morgen. Fahren wir. Sind spät dran.” Maries Wange blieb unberührt. Ihr Herz ebenfalls.

Tim wartete währenddessen. Noch 5 Minuten bis seine S-Bahn kommen würde. Auch für ihn gilt, dass Zeit erstarrt. Pappschnee gehorcht schließlich auch nur physikalischen Gesetzen.

“Heinrich, guck auf die Fahrbahn!” “Ach du Scheiße.” Das folgende Ausweichmanöver war nur ein Teilerfolg. Die Reifen waren den Steinen, die von den mittlerweile wegrennenden Kindern auf die Fahrbahn gelegt wurden, entkommen, aber der Golf GTI auf der Nebenspur hatte dafür ein paar empfindliche Kratzer auf der gesamten rechten Seite, über alle Säulen hinweg. “Diese Scheißbälger. Bleibt sofort stehen. Marie, ruf die Polizei!” Aber der Schock saß noch zu tief, so war Schweigen die Antwort, auf die ein letzter großer Monolog folgen sollte.

“Ich sehe die Eltern von diesen verzogenen Gören schon vor mir. “Aber es sind doch nur Kinder. Sie wollten doch niemandem was Böses tun.” So ein Bullshit. Weißt du, ich schaue mich heutzutage um. Schau mir meine Altersgenossen an. Wir waren schließlich auch mal Kinder! Waren klein und unbesorgt und haben uns nur um Spiele gekümmert. Und schau dir jetzt an, was aus den meisten geworden ist! Die kleinen, mobbenden Mistkörper sind alle zu großen, mobbenden Mistkörpern geworden. Arschlöcher. Und diese Arschlöcher waren früher auch mal Kinder, oder nicht? 9 von 10 Kindern werden zu diesen Arschlöchern. Warum sollte ich sie jetzt anders behandeln? Von Kindesbeinen an Arschlöcher.”

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Eisball Tims Fäustchen bereits seit mehreren Sekunden verlassen und flog in einer horizontalen Parabel 6 Meter Richtung Windschutzscheibe. Die unendliche Vorfreude stand Tim ins Gesicht geschrieben.


  1. Kritik erwünscht? Kar, oder?

    Schöne Geschichte.

    Verbesserungsvorschläg:
    Überarbeite die Tempi. Mal bist Du im Präsenz, mal im Perfekt. Aber Du machst das, glaube ich, nur intuitiv? Versuch es gezielt einzusetzen.

    “Er hält den Tod in Händen” hat mehr Spannung als “Er hielt den Tod in Händen” – vor allem, weil Du im “Heinrich-Teil” ja auch im Präsenz schreibst. Beides im Präsenz betont den parallelen Handlungsstrang.

    Nicht gut:
    “Zu diesem Zeitpunkt hatte der Eisball Tims Fäustchen bereits seit mehreren Sekunden verlassen und flog in einer horizontalen Parabel…”

    Ein Neunjähriger kann einen Eis-/Schneeball vielleicht 20 m weit werfen. Das dauert niemals mehrere Sekunden. Und eine “Horizontale Parabel”. Daß ein jedes Ding letztendlich nach unten fällt, wissen wir seit Isaac Newton. Also ist das “horizontal” überflüssig. Das Ding fliegt eine Parabel.

    Schreibst Du jetzt regelmäßig Kurzgeschichten? Ineressiert mich.

  2. Ichgehschlafen

    Ja, das mit den Tempi ist eine jahrelang anhaltende Dauerkritik von Hannah. Stimmt auch zu 100% ;) Ansonsten ja, teile die Kritik. Außer das mit den Sekunden. ALSO ALS ICH 9 JAHRE ALT WAR, HABE ICH 33 METER (80g) WEIT GEWORFEN!!! ;)

  3. Quizzfrage: Wie lange brauchen 80 g was-immer für einen Flug von 6 m? Taramm… Taramm… Taramm… nä! So lange niemals. ;-)

  4. Tim ist ein Kind, das war ein Lampenwurf, ganz hoch in die Luft und überhaupt >.< … ;)

  5. offtopic [hab's noch nicht gelesen, das kommt später]:
    es gibt ein WP-plugin, mit dem man einstellen kann, daß die umlaute und ‘ß’ in urls [=titeln] eines artikels automatisch umgewandelt werden, so daß die url nicht ‘tim-der-morder’, sondern ‘tim-der-moerder’ wird :).

  6. Habs mal installiert, obwohls mir recht sinnlos erscheint. Dabei fiel mir auf, wie viele Plugins wir hier haben. Muss ma Ordnung schaffen. Aber erst such ich mir was Süßes ^.^

  7. Doofer Heinrich >:(

    Aber tolle, ernste Geschichte!

    Das mit der Zeit ist so eine Sache, passiert mir irgendwie auch sehr häufig. ><

  8. @rebhuhn: Beim neuen Artikel hat es funktioniert. Danke also.
    @Melli: Ja, frag mal. Heute ist die Zeit weggewesen, da war ich noch nicht mal richtig wach >.<