Nachruf für Luca Huhni

07.01.10

Ich wusste, es war ein Fehler. Nein, eigentlich ist das eine Lüge. Ausnahmsweise wusste ich es tatsächlich nicht. Ich hielt es für eine recht lustige Idee, dachte mir nichts dabei und schon war es passiert. Es am nächsten Tag merkte ich, dass es ein Fehler war.

Es geht um ein Huhn. Genauer gesagt: Ein Suppenhuhn. Ich weiß nicht genau, wo der Unterschied zwischen einem Huhn und einem Suppenhuhn ist – das Fleisch schmeckt allerdings wirklich anders, also muss es einen Unterschied geben, nicht wahr?

Schon seit Tagen hatte ich Lust auf ein Suppenhuhn. Natürlich auch auf Suppe, aber speziell halt auf ein Suppenhuhn. Ist ja nun auch nicht allzu schwer, sich so ein Ding zu besorgen, das gibts ja eigentlich in wirklich jedem Supermarkt in der Tiefkühltheke. Genau dort fand ich dann auch mein Huhn und taufte es liebevoll Luca Huhni. Ziemlich dumm, wie ich im Nachhinein feststellen musste, aber der Reihe nach.

Über Nacht ließ ich das kleine Kerlchen auftauen – ich arbeite nicht so gern mit Eisklötzen, wie soll sowas auch gehen – und heute morgen war es dann soweit: Luca ging es – im wahrsten Sinne des Wortes – an den Kragen. Das erste, was ich feststellte, als ich diese komische Plastiktütenhaut von ihm abschälte, war Folgendes .. Man hatte Luca kopfüber in diesen verdammten Sack gesteckt!! Ich bin ja, was Essen angeht, eigentlich nicht sehr pingelig. Ich ess Fleisch, hab keine Probleme mit toten, mich anstarrenden Lämmern, Kälbern und Kaninchen und bin generell all dem gegenüber eher gleichgültig. Aber so Kleinigkeiten setzen mir dann halt doch zu. Man hatte Luca kopfüber da reingesteckt. Wie grausam ist das denn? Und kommt mir jetzt nicht mit „da war er ja schon tot“ – na und? Einige eurer Verwandten sind sicherlich auch schon tot gewesen, als man sie vergraben hat und trotzdem hat man ihnen den Respekt erwiesen sie z.B. bekleidet zu vergraben. Was eigentlich gar keinen Sinn hat weil die ja tot sind, aber man tut sowas halt einfach, weil es sich so gehört. „Weil es sich so gehört“ – den Spruch hasse ich ja eigentlich, aber manchmal trifft es das einfach. Es gehört sich so, dass man Tote bekleidet begräbt und es gehört sich nicht, dass man ein verdammtes Huhn kopfüber in eine Plastiktütenhaut steckt!!

Nachdem ich diesen Schock gekonnt verdrängt hatte, lag nun also ein Beinchen anziehender Luca Huhni vor mir. Kalt, glibberig und irgendwie armselig guckend .. Wieso zum Teufel lässt man bei dem Huhn denn den Halspenis mit dran?? Das war dann nämlich der zweite Schock. Da hing ein ewig langer, bläulich roter Halspenis aus dem Torso von Luca Huhni. Entschlossen griff ich nach dem Ding und sprang kreischend zurück, weil .. Moment, erst muss ich dazu sagen: Ich gehöre nicht zu der Sorte Frau/Mensch, die kreischt! Ich schwörs. Ich mach sowas nicht. Wie dem auch sei, ich kreischte also, weil .. da waren Halswirbel. Ich konnte ganz deutlich die Halswirbelchen unter der Halspenishaut spüren.

Zu dem Zeitpunkt war ich dann schon wirklich fast am Ende und überlegte, das ganze Unterfangen aufzugeben und Gemüsesuppe zu machen, aber so leicht lass ich mich ja hier nicht entmutigen. Beherzt griff ich also ein weiteres mal zu und dachte mir, wenn ich Luca Huhni zerkleinere, erkenn ich vielleicht nicht mehr, dass es mein Freund Luca Huhni ist. Schnappte mir also ein Messer, ritzte in die Haut zwischen Flügelchen und Brust und dachte mir: So, und jetzt zieh ich hier und drücke da und dann löst sich der Flügel. Als ich zog, passierte nichts. Als ich drückte, atmete Luca Huhni ganz tief ein. Wieder sprang ich entsetzt zurück, diesmal wirklich den Tränen nahe, aber wenn man vom Pferd fällt, soll man ja direkt wieder aufspringen, richtig? Also drückte ich nochmal, Luca Huhni atmete noch einmal ein, der Halspenis bewegte sich und .. ein beinahe lautloses Splittern signalisierte mir, dass ich meinem Freund gerade die Rippen gebrochen hatte.

Jetzt sitze ich hier, Luca Huhni schwimmt in einer Gemüsebrühe in einem riesigen Topf, den ich blubbern höre und .. ich will weinen. Bestimmt werde ich nicht zum Vegetarier, dafür bin ich viel zu inkonsekwent, aber .. Ich werde niemals wieder einen Luca Huhni essen. Auch niemanden aus seiner Familie. Nichts, was zarte, kleine Knöchelchen hat, die ich in meiner Unbeholfenheit breche, während er seinen letzten Atemzug tut : (

Machs gut, Luca Huhni. Auf dass du wirklich schon tot warst, als man dich in die Plastiktütenhaut steckte und hoffen wir, dass du nicht gesehen hast, wie ich dir die Rippen brach : (

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Weil das Leben manchmal einfach anders ist.

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  1. Anita

    Hübsche Geschichte, aber ich habe kein Mitleid mit Dir. Du hast darauf bestanden, an Weihnachten Gans zu essen, obwohl ich Dir ein Video geschickt habe, in dem deutlich zu sehen war, dass diese armen Gänse lebend (!) gerupft werden und man Ihnen sämtliche Knochen bricht, um sie dann wieder ins Gehege zu werfen, bis sie dann endlich Woche später geschlachtet werden. Das hast Du gegessen. Hast Du Dir die Bilder von den armen lebenden (!) Gänsen angesehen? Und da regst Du Dich über ein totes Suppenhuhn auf?
    Hab Dich lieb,
    Mama
    P.S.: Ausserdem ist es einfacher, das Huhn erst zu kochen und dann zu zersäbeln…

  2. Hannah

    Hey, ich hab auch Luca Huhni gegessen und er war köstlich :D

  3. Anita

    Aber Luca Huhni hatte doch so zarte, zerbrechliche Knöchelchen….

  4. Anita

    Und ich glaube fast, das kleine Hühnchen hat noch geatmet…

  5. Chris

    Wie ich aus sicheren Quellen berichten kann, ist die “Luca Huhni Situation”, wie ich sie tarantinoresque nenne, eine noch viel tragischere, denn nannte sie das Huhn nicht nur liebevoll “Luca Huhni” (und bekam dabei einen Kicheranfall), sondern behielt ihn weitestgehend den ganzen Tag über als Gesprächsthema. In den möglichsten und unmöglichsten Situationen tauchte das Huhn auf einmal auf – und die ganzen Fragen, die es auf warf. Das macht sein letztes Aufbegehren zugleich nachvollziehbar – weil nach dieser Fürsorge strebend – und umso tragischer.
    Aber als positiven Nachruf noch hinterher geschickt: Seine Bestattung muss wundervoll gerochen haben. Wenn selbst die Nachbarn gierig werden, dann hat mans richtig gemacht.

  6. Hannah

    Schatz, jetzt denken alle, ich hätte beim Sex das Huhn erwähnt.

  7. Chris

    Und falsch daran ist…? :D

  8. Hannah

    Du weißt, dass das hier ein öffentliches Blog ist und für jeden sichtbar, ne? :D

  9. Kathy

    Das arme Huhn :( Die Geschichte hat mich ganz fertig gemacht und jetzt sitze ich hier völligst verstört und bin froh, dass ich nur Salat esse *seufz*

  10. Melli

    Bei den Dingern hat man es wesentlich einfacher, wenn man es in einen Topf wirft und kocht :D Wurde zwar schon erwähnt, aber egal ;D

    Das mit den Gänsen finde ich auch furchtbar und auch Hühner müssen viel leiden, bis sie in den Kochtopf oder den Ofen dürfen, aber ich schaff’s irgendwie nicht, auf Hähnchen zu verzichten, geschweige denn auf Suppenhuhn.

    Nur Gänse mag ich nicht mehr essen, schon seit Jahren. :X

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