Freiwilliger Hausarrest.

10. Januar 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 5
Freiwilliger Hausarrest.

Stöckchen hießen früher “Diskurs1 und wurden meist als alternativer Blick auf die Geschichte verstanden, die nun nicht mehr positivistisch-fortschrittsgläubig sein konnte, sondern um gesellschaftliche Denkfiguren herum organisiert wurde. Man fing an, Geschichte nicht als die kontinuierliche Erfolgsgeschichte zu betrachten, die sie nunmal nicht ist, auch wenn sie von uns als solche angesehen wird, denn schließlich wird ja alles schneller, kleiner, höher, weiter und so fort.

In der Blogosphäre jedoch fand das Ganze seinen Siegeszug unter Stöckchen, zum Mitmachen durch Imperativ oder aber zum Mitlesen, inspiriert werden und in der Folge einen Beitrag darüber zu schreiben, ergo … einfach nur Mitmachen halt. Hier geht es natürlich nicht um den gesellschaftlichen Fortschritt, der thematisiert wird, aber hier erkennt man ganz gut, was die derzeitigen “Trending Topics” sind, um mal Twitter-Fachjargon zu benutzen. Wer wissen will, was die Jugendlichen, Schüler und Studenten so denken, wirft einfach einen Blick in ihre Blogs und erkennt darin die großen (Frage)Zeichen der Zeit.

Das aktuelle Thema ist das Nachtleben und die Frage, ob man sich das Recht rausnehmen darf, sich dem zu entziehen, sprich auszusteigen, sich ohne Gewissensbisse Zeit zu nehmen, egal ob werktags oder am Wochenende, da sogar  ganz zu Hause zu bleiben, kurz: Etwas willentlich zu verpassen, schlicht und ergreifend deswegen, weil man keinen Bock mehr darauf hat. So richtig, gut und wichtig Selbsterkenntnis ist, so förderlich es für die Persönlichkeitsentwicklung sein kann, “Nein” zu sagen, so aktuell diese Frage in den meisten meiner befreundeten Köpfe herumschwirrt, so sehr ist es die falsche Frage. Das Weggehen ist nämlich kein Grund, es ist ein Resultat und das in allen Lebensbereichen. Die bürgerlich-spießige Zukunftsplanung (“Haus, Familie, Fashion”) ist da kein Zufall, sondern Programm.

Ebenso, dass wir alle unsere “Lieblingsblogs” haben2, konstant aufmerksam sind und neue Musikgruppen suchen, die so unbekannt sind, dass sie nur 54 Myspace-Profilaufrufe haben oder jemanden kennen, der genau das macht und uns von ihm/ihr CDs brennen lassen, unentdeckte Youtube-Videos, die ganze Gesprächsabende füllen, die neuesten Folgen der hipsten Serien (“In Treatment”, “The Wire”, “Entourage”, “Curb Your Enthusiasm”), die neuesten Independent-Filme in komplett verranzten Programmkinos, die neuen Adidas Star-Wars Schuhe. Das Fordern ist omnipräsent: Egal, ob in der Schule oder im Studium, nicht mal arbeitslos kann man sein, ohne dass die vom Amt Forderungen an dich stellen.

Jeder Fachbereich hat seine 10 Bibliotheken mit “absoluter Pflichtlektüre”, die Grafikdesigner haben ein unendliches Meer an Photohop-Gimmicks und Design-Chefideologen, die Biologen müssen die aktuellsten Zeitschriften verfolgen, um up-to-date zu bleiben, die Modedesignern machen das Gleiche in Grün (und müssen darüber hinaus ein Elefantengehirn haben, damit sie den Überblick über vergangene Trends nicht vergessen), wann kommt eigentlich nochmal die neue Spex raus und wurde sie wirklich von der Skug abgelöst?, was schreibt eigentlich Georg Seeßlen dazu?, und im Internet gibt es bestimmt schon unzählige Testberichte zur grandiosen iPhone-App und außerdem kenne ich eine Übung, um die Schultermuskeln zu beanspruchen, die sonst nie mittrainiert werden. Will sagen: Wir sind überall und ununterbrochen gefordert und als Dank gibt es miese Aussichten und erzwungenen Spaß. Wer von euch studiert was “alternatives” Schrägstrich ein nicht-wirtschaftlich ausgelegtes Studienfach und kann von sich behaupten, die ersten Jahre (womöglich mehr als das) nicht am Hungertuch nagen zu müssen? Auch wenn wir ihr euren Lieblingsjob gefunden habt, der eure Berufung ist und nicht nur ein “Job, um über die Runden zu kommen”, bleibt der üble Nachgeschmack, dass man sich im Regelfall dem Diktat von 9to5 unterordnen muss. Was übrigens nichts anderes ist, als der Grund dafür, warum die meisten Eltern so scheiße sind.

Da ist es nur selbstverständlich, dass ein Großteil sich mit den zeitgenössischen Teleportern Gras, Bier und Koks wegzubeamen versucht. Wenn man also die Entscheidung fällt, sich dem öffentlichen Leben zu entziehen, weil man es denn tatsächlich will, dann sollte man nicht der Illusion verfallen, dass man etwas grundlegend anderes macht. Es ist im Grunde kein Unterschied, ob man zu Hause bleibt oder die Zeit im Club verbringt. Man liest zu Hause ja doch nur wieder Bücher, schaut Fernsehen, surft, isst in einem schicken Lokal oder macht aber das, wofür es früher “Urlaub” gegeben hätte.

Der vermeintliche Unterschied, dass man es selbst “will”, ist in meinen Augen in den meisten Fällen Selbstbetrug. Die Bücher, die man liest, bringen einen ja weiter. Die Filme, die man sieht, inspirieren einen. Das reine Surfen an sich ist im Prinzip schon Arbeit. Der einzige Ausweg ist a.) kritisches Agieren auf allen Ebenen im Bewusstsein, dass es nicht mehr sind als simple, aneinandergereihte Momentaufnahmen, die das Dasein als solches ausmachen und deswegen ist jedes Zurückstecken in einer Diskussion aus Gründen der Harmonie (meine Kardinalsünde) eine wirkliche Niederlage und b.) richtiger Schlaf als totale Absage. Aber wer geht am Wochenende schon um 22:00 ins Bett, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und ist gleichzeitig nicht spießig? Schließlich schlafen wir alle zwangsweise mit offenen Augen und müssen auch in der Abwesenheit irgendwie dabei bleiben, das ist Konsens, vermittelt durch die inoffizielle 55+/h-Woche.

Wenn man aufhört, hört man nicht auf, weil sich die Jobs ganz grundlegend um den Diskurs des “Allgemeinwissens” herum etablieren. Darum muss man kein Platon lesen, er wird jeden Tag aufs Neue reproduziert, genauso die Bildideen von Caravaggio oder die Ansichten von Marx, kontextualisiert in Zeitungsberichten, die mit “Ein Gespenst geht um in Europa” beginnen. Deswegen ist es auch kein Unterschied, ob man am Wochenende voll mitmacht oder zu Hause bleibt. Drei Wochen später ist beides gleich langweilig gewesen.


  1. [...] die der anderen, sowie zwischen der Möglichkeit meiner Freizeitgestaltung und die der anderen unterscheiden muss. Und genau das ist es, was mich manchmal so [...]

  2. [...] Stöckchen hießen früher “Diskurs“1 und wurden meist als alternativer Blick auf die Geschichte verstanden, die nun nicht mehr [...]

  3. [...] und die der anderen, sowie zwischen der Möglichkeit meiner Freizeitgestaltung und die der anderen unterscheiden muss. Und genau das ist es, was mich manchmal so [...]

  4. Ich hab den Tab mitlerweile knapp 5 Std. oder so geöffnet, weil ich den text einfach hammer finde und da soviel Wahrheit drin steckt. Würde eigentlich auch thematisch gerne einen Kommentar verfassen, aber ich kann nicht. Das was da steht ist einfach der Wahrheit.

  5. fünf Stunden o_O! Gib’s zu, du hattest ihn einfach nur offen und bist darüber eingeschlafen, hast davon geträumt und als du aufgewacht bist, nicht gemerkt, dass du kurz zwischen Wahrheit und Fiktion hin und herschwanktest.