… oder wie die neue Staffel von Big Brother beginnt.
Vorne weg: Ich weiß nicht, die wievielte Staffel es ist und wüsste ich es, könnte ich es natürlich nicht zugeben, weil es ja schließlich als peinlich gilt, Big Brother zu gucken. Unterschicht-TV usw. Da will man ja nicht dazu gehören.
Aber wie dem auch sei, los gehts: Freitag sah ich die erste große Ankündigung auf RTL II, dass die neue Staffel am Montag – also heute, genau genommen: Jetzt – beginnen wird und sofort wusste ich, dass ich es gucken werde. Vielleicht nicht regelmäßig, aber doch oft genug, um nach ein paar Wochen die Namen zu kennen, die einen zu hassen und die anderen zu vergöttern. So ist es doch immer. Es gibt da dieses Phänomen und gerne würde ich sagen, dass ich so wahnsinnig belesen bin, dass ich es einfach kenne, tatsächlich hab ich es jedoch in der Uni kennengelernt und es war ganz sicher kein Thema, das ich freiwillig bearbeitet hätte. War trotzdem interessant, also will ich es euch nicht vorenthalten: Parasoziale Interaktion.1
Kurz gesagt geht es – medial gesehen – darum, dass innerhalb eines Films, einer Serie oder eben, im Falle von Big Brother, einer Reality Soap eine Figur konstruiert wird. Eine Figur, die zwar in dieser Form nicht real ist, aber in den Minuten und Stunden des Zuschauens als real empfunden wird. Wer kennt es nicht, wenn man auch bei schon tausend mal geschauten Filmen noch immer mitfiebert, ob Johnny und Baby tatsächlich den letzten Tanz tanzen werden, ob Robin Williams aka Peter Pan tatsächlich Hook besiegen wird oder ob der Roadrunner es auch dieses mal schaffen wird, Will E. Coyote zu entgehen? Wir interagieren, indem wir uns dafür begeistern und indem wir uns mit den Figuren identifizieren und Gott, was habe ich es geliebt, wenn Bugs Bunny mal wieder einen seiner trockenen Sprüche brachte, gelangweilt von seiner Mohrrüber abbiss und den Jäger mobbte, der irgendwie nichts auf die Reihe kriegte.
Das ist das Konzept von Big Brother. Das ist der Grund, warum das Sendeformat noch immer erscheint – es floppt nicht. Gleichgültig, wie viele Leute beteuern, dass sie es nicht schauen: Sie schauen es. Genauso wie die verboten gehörende Casting Show von Heidi Klum, dem Kinderwurfschwein oder DSDS, das eben nicht – wie oft propagiert – von Dieter Bohlen und seinen nur minimal lustigen Sprüchen lebt, sondern viel mehr davon, dass dort die Kleinen auftauchen. Die Kleinen, mit denen wir uns alle irgendwie identifizieren können, die ins Fettnäpfchen treten, sich zum Affen machen oder zu denen gehören, die bei Big Brother ihr Leben bloß legen, das eigentlich genauso langweilig ist wie unser eigenes, uneigentlich aber interessant wird, weil wir das sein könnten.
Und jetzt, nachdem ihr das Geheimnis solcher Sendeformate kennt, ist es an euch: Kauft euch einen Fernsehsender, klaut eins der Sendeformate, verfilmt es und werdet reich.
Zufällig gerade drüber gestoßen: Die drei goldenen Regeln des Films: 1.) „CINEMA IS A MAGNIFIER FOR INJUSTICE” 2.) „WE LONG FOR AN INVOLVING MOVEMENT” und 3.) „WE CARE FOR SOMEONE WHO CARES.”.
Wobei ich noch zwischen Filmen und Soaps unterscheiden würde.
*ertappt!
ich denke auch immer an geister. ^^
und ich gucke dsds, gntm und popstars. sogar regelmäßig. aber NICHT big brother ;)!@Hakan: Bei Soaps würd ich die parasoziale Interaktion als noch stärker ausgeprägt ansehen, glaub ich. Allein schon durch die dynamischen (Beziehungs-)Strukturen wird doch immer und immer wieder dafür gesorgt, dass auch wirklich jeeeeder Zuschauer sich mit iiiirgendwas identifizieren kann.
@rebhuhn: :D Guck ich auch alles regelmäßig, haha. Aber nichts schaue ich so intensiv wie Grey’s Anatomy xD
Ich gucke am liebsten “Bauer sucht Frau”. Ist das jetzt noch schlimmer?
Aber die Einschaltquoten sind so hoch, dass ich nicht die einzige sein kann, die das guckt.
Aber warum nehmen die immer solche Unterschicht-Typen? Deren Umgang mit- bzw. gegeneinander ist oft so unintelligent. Da gibt’s doch besseres. Los, erklär’s mir.
@Georg: Ich als Nicht-Soziologe würde sagen, weil es schlicht die größere Peergroup ist. Man spricht mit diesen Leuten, einfach viel mehr an und es entsteht mehr parasoziale Interaktion, da sich die “Unterschicht” besser mit der “Unterschicht” identifizieren kann. Mehr Zuschauer -> Höhere Quote -> Mammon.
@Mama: Nein, das ist nicht schlimmer/weniger schlimm :D Ist genau dieselbe Schiene.
@Dad: Vielleicht kommen die dir nur so Unterschicht vor, weil du dich so elitär fühlst ; ) Eigentlich sind das nämlich tatsächlich ganz normale Wesen, die man auch so auf der Straße trifft. Und wie das Wort Elite ja schon ausdrückt: Das ist die Minderheit. Mein Freund hat dir das schon richtig erklärt: Die Mehrheit lockt mehr Zuschauer an, weil sich mehr damit identifizieren können :D
Hannah, wir haben dasselbe Fernsehschauverhalten. GNTM, DSDS, BB und natürlich Greys Anatomy (Dr. Mc Dreamy, Dr. Mc Sexy *schmacht*)… Die ersten drei (wenn auch unregelmäßig) vermutlich aus genau dem Phänomen wie du es so schön soziologisch erklärt hast. Und ich schau GNTM auch, wenn der Peyman und der Rolph nicht mehr in der Jury sitzen. Jawohl. :D
nice to know.
schöner macht es die sache trotzdem nicht.
hmm, aber kann es sein, dass man es eben nicht schaut, weil man sich als “unterschicht” indentifiziert, sondern weil man sich abgrenzen kann. die beispiele sind oft so krass, dass ich schlicht und einfach nicht glauben kann, dass das die masse ausmacht. ich glaube es ist eher ein “puh, wenn der so denkt/handelt, kann ich ja doch nicht so blöd sein.” also eher eine anti-identifikation.
@ charlotte
Mh… Meinst Du eine Art Reflex, etwas abzulehnen, weil man weiß, daß der Mainstream es annehmen wird? Da kann etwas dran sein. Ich habe bis zum heutigen Tag weder ein Harry Potter-Buch, noch einen der Filme gesehen. Kurz vor dem Erscheinen des ersten Bandes, als klar wurde, daß sich da ein Hype entwickelt, habe ich beschlossen, eben diesen auszulassen. Bis heute gibt mir das immer wieder auf’s neue ein Gefühl der Befriedigung.
Sei’s drum. Ich muß gerade Ernest Hemingway aus meiner persönlichen Bestseller-Liste entfernen. Das fällt mir schwer genug. Was war ich verliebt in seine Maria aus “Wem die Stunde schlägt”.
Ich schau ab und zu die DSDS-Castings, die ganz lustig sind, auch erst, seitdem ein Ex-Mitschüler-Kumpel da mitmacht (er singt echt toll, war auch bei der letztn Staffel dabei.) und BigBrother hab ich zu Zeiten von Nachtfalke geschaut. Das ist aber schon einige Zeit her, glaube ich. Mittlerweile interessiert mich das nicht mehr so.
Hab’s auch nur mit einer bestimmten Person nachts am Telefon geguckt (Hannah, weiß bestimmt, wen ich meine -.- )
@ georg: das kann auch sein, aber ich meinte: man schaut sich formate wie “dsds” an um zu sagen: “oh mein gott ist das schrecklich! wie die sich zum affen machen, wie blöder der/die/das ist.” überspitzt formuliert: man sieht extrembeispiele und fühlt sich selbst besser, weil man nicht “so” ist..