Graffiti gibt es nicht in der Galerie!

15.01.10

Immer, wenn der Reclam-Verlag sich mit einer Thematik beschäftigt, kann man sich sicher sein, dass es mittlerweile im Mainstream angekommen ist. Und da in letzter Zeit eine wahre Flut an Büchern über Graffiti losgebrochen ist (ich glaube zur Zeit gibt es ungelogen 12 Bücher im Haus der Kunst, die sich auf kurz oder lang mit dem Thema  der “Straßenkunst” befassen), es parallel immer mehr Ausstellungen gibt, also der Weg von den Vernissagen, in denen sich die Sprüher selbst präsentierten, hin zur öffentlichen Zurschaustellung in Abwesenheit eines künstlerischen Ichs tendiert, Caro über einen Event bloggt, der sich auch mit Graffiti auseinander zu setzen scheint (meine Krankheit hat verhindert, dass ich hingehen konnte, aber Mr. Jones17’s Flickr-Account spricht ja Bände) fühle ich mich dazu genötigt, etwas darüber zu schreiben.

Vorneweg: Ich höre gerade Efdemin1. Und nein, ich bin kein Sprüher. Sollten S. und B. jemals den DeLorean vor ihrer Tür finden, melde ich mich hiermit als Testperson #3, damit ich ins Jahr 1995 zurück reisen kann und etwas anderes an die Wand tagge als “Misi hat einen geilen Arsch”. Wäre turbo, falls es klappen würde. Doch jetzt mehr Zeitgenössik.

Mir ist klar, dass Großgesellschaften die heuchlerische Attitüde haben, Lebensstile, die sich nicht draußen halten lassen, vollends zu integrieren: Der Haken ist jedoch, dass diese Einbettung immer unter Vorzeichen stattfindet, mit der dezidiert alle (zumindest aber die “meisten”, Demokatie und so) leben können. An einem Beispiel verdeutlicht: “Ja, in der Theorie hat Marx ja Recht, aber in der Praxis lässt sich sowas nicht umsetzen.” Oder, um beim Thema zu bleiben: “Ja, Graffiti ist ja schon stylish (!). Aber diese Schmiereien, diese (und hier setzt die eklige Stimmlage ein, die signalisiert, dass man “in” ist, weiß worüber man spricht, aber sich davon abgrenzen will) “Tags”, die sind ja wirklich nicht schön, das ist ja nur Kritzikratzi.” Ach, wirklich? Und was macht Basquiat? Aber hinter ihm steht natürlich Warhol und eine Gilde an Kunstliebhabern, die ihre Augen anscheinend immer nur dann für Neues offen halten, wenn Bilder in klinisch-weißes Ausstellungslicht getaucht sind, wohingegen der gemeine Writer die Zeit, die er am Zug ist und seine Bilder sprüht, inständig hofft, dass niemand hinter ihm steht.

Um es nicht falsch rüber zu bringen: Ich finde es natürlich in höchstem Grade unterstützenswert, dass Graffiti endlich, gefühlte 40 Jahre nach “Taki 183″, die Aufmerksamkeit zugeteilt bekommt, die es von Anfang an verdient hätte. Und wenn Legenden wie “Seen” an Projekten wie “Graffiti Analysis” teilnehmen, ist das ein Schritt weiter weg von einer belächelten Nischendisziplin hin in Richtung als “kulturell wertvoll” prädikatiert zu werden.

Doch man sollte sich  nichts vormachen. Graffiti funktioniert nicht im Museum. Nicht als Graffiti. Nicht für mich. Das hat mehrere Gründe. Graffiti ist2 mehr als nur ein Bild, dem es “nur” um Farben und Formen und die Art, das Bild aufzubauen anzuordnen, geht. Graffiti heißt, sich eine Stelle auszusuchen, sich mitten in der Nacht an die Wand/an den Zug zu stellen, nachdem man womöglich Unmengen von Zeit, damit verbracht hat, zu schauen, wie die Betriebsamkeit des Ortes ist, sich also akklimatisiert hat, sich wie ein Schatten bewegen kann; es ist kürzeste Zeit, gepaart mit den Nebenprodukten Adrenalin, Anarchie und Ausnahmesituation. Das alles spielt aber keine Rolle mehr, wenn man im Museum steht, das Bild verliert seine Relevanz gerade dadurch, dass man den Entstehungsprozess ausblendet und sich nur mit dem Endprodukt auseinanderzusetzen versucht.

Wenn Graffiti also jemals in einem musealen Raum funktionieren soll, dann nur, wenn es die eigene Entstehungsgeschichte nicht verneint, sondern provokant zur Schau stellt. Das hat WON auf der Stroke-Ausstellung in München eindrucksvoll unter Beweis gestellt, als er einen tatsächlich gemalten Train als Leinwand aufgehangen hat. So geht’s richtig. Ansonsten gilt das, was in der Sprechblase steht:

(Quelle: www.desynz.de)

  1. Ich gehe davon aus, dass die Musik, die man hört und ob man überhaupt Musik hört, den noch zu schreibenden Eintrag extrem beeinflussen. Würde ich Akon hören, müsstet ihr in den Zwischenzeilen Anzeichen von unbändigem Hass erkennen können.
  2. Das ist meine subjektive Sicht, so wie ich das mitbekomme, aber soweit ich das verstanden habe, ist das nicht unbedingt ein Einsiedlermeinung.

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Yo, turbo.

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  1. pell

    Aber ist nicht jede Kunst ebenso der Entstehungsprozess? Letztlich denke ich bei Da Vinci ebenso wie bei diesem Zug an die Mühen, die es dem Künstler kostete, sein Werk zu Ende zu bringen. Und letztlich ist beides nur Farbe, Idee und Ausdruck. Daher kann beides durchaus in einem Museum “funktionieren”.

    Eigentlich finde ich nämlich, dass Kunst in Museen gar nicht funktioniert. Ich zumindest schaffe es nicht, ein Bild zu betrachten, wenn neben mir viele Leute stehen,vorbei huschen und auch noch kommentieren.

  2. Georg

    Ich habe allergrößte Probleme damit, Graffiti als Kunst anzuerkennen. Aber ich gebe zu: Die Gründe hierfür liegen in der persönlichen Vergangenheit der letzten 10 Jahre begründet. Ich mußte mich selbst zeitweise zum autoritären Arschloch machen. Kam gar nicht gut. Auch nicht bei mir selbst. War aber zwingend notwendig.

  3. Ichgehschlafen

    @pell: Ja, jede Kunst ist “Entstehungsprozess”, aber das alleine sagt nichts aus. Genau deswegen muss man ja auch unterscheiden. In seinem Atelier zu zeichnen usw. wird ja alles kunsthistorisch berücksichtigt, einfach indem man sagt, “Caravaggio provozierte mit diesem Bild, indem er den Hintergunr des Bildes komplett schwarz hielt und das Baby eine Schlange zertreten ließ” usw. Das findet eben schon eine Berücksichtigung.

    @Georg: Okay, aber ich glaube, das ist eine unterschiedliche Geschichte, das ist nicht die gemeine Reaktion der Leute, wenn sie angesprühte Züge durch die Gegend fahren sehen (“Was haben die denn mit unseren schhönen Zügen gemacht?”) usw.

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