Großereignisse einer Kindheit

18.01.10

Ich bin aus dem Zimmer gerannt. Raus, rein. Alle Blicke auf den alten Grundig. Das Herz wie ein Vorschlaghammer. Der Ball fliegt drüber. Großaufnahme Roberto Baggio. Eine ganze Kameraeinstellung über geschlossene Augen. Dann  Matchpoint Argentinien. Jubelschreie in meinem Viertel. Argentinien gewinnt. Walter Zenga ist doch nicht unfehlbar. Nun habe ich keine fremden Götter mehr neben Dir. Die Tränen kullern wie von selbst.

Als “The Ultimate Warrior” gegen “Hulk Hogan” antritt, sterbe ich beinahe. Die Diagnose hätte “Tod durch Luftanhalten” geheißen. Doch wenn zwei Gute gegeneinander kämpfen, ist das Endergebnis beinahe egal. Mir nicht. Ich warte 20 Minuten gespannt auf den Theme-Song und springe dann endlich blind vor Glück und wild jauchzend auf dem Brustkasten meines Bruders auf und ab. Später erfahre ich, dass es alles nur Hexerei ist. Die Tränen kullern wie von selbst.

Als er mich zu Boden wirft, verliere ich sie aus den Augen. Empörte Mundbewegungen, undefinierbares Schallwellenchaos. “Florian, wie kannst du nur, er ist viel kleiner als du.” Das sind die magischen Worte. Doch anders als gedacht. Das rote Tuch Körpergröße. Sie reicht mir die Hand. Wir lieben uns. Seit der ersten Klasse. Rollenbilder waren nie meine Welt. Als ich aufstehe, weine ich. Ab und an sehe ich Florian auch heute noch. Der Händedruck ist fest, die Münder angewinkelt. Irgendwann ramm ich ihn in den Boden: Und wenn es mit 60 ist.

Drei Jahre auf der Ersatzbank. Aber Mittelstürmer. Kondition wie ein Halbseitengelähmter. Die kleine Größe wollte ich durch Volumen wettmachen. Dann erster Großeinsatz. Glorreicher Auftritt mit einem Hattrick. Ich weine vor Glück. Dass wir die Gegner 12:1 besiegen und so  ziemlich jeder ein Tor geschossen hat, spielt keine Rolle. Mein großer Moment als Fußballprofi. Sogar mit rechts ein Tor geschossen.

Dann Erwachsen. Dann Tod von Verwandten. Aber keine Tränen mehr. Verschwendet für die Großereignisse einer Jugend.

Außer, wenn man betrunken ist. Aber dann verwandelt man sich ja wieder in ein Kind, gewissermaßen. Hat schon alles seine Richtigkeit.

Yo, turbo.

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  1. S

    Die Kickers :)

  2. Georg

    Wunderbar, Deine Weitsicht:
    “Als er mich zu Boden wirft, verliere ich sie aus den Augen. Empörte Mundbewegungen, undefinierbares Schallwellenchaos. “Florian, wie kannst du nur, er ist viel kleiner als du.” Das sind die magischen Worte. Doch anders als gedacht. Das rote Tuch Körpergröße. Sie reicht mir die Hand. Wir lieben uns. Seit der ersten Klasse. Rollenbilder waren nie meine Welt. Als ich aufstehe, weine ich. Ab und an sehe ich Florian auch heute noch. Der Händedruck ist fest, die Münder angewinkelt. Irgendwann ramm ich ihn in den Boden: Und wenn es mit 60 ist.”

    In fünf Jahren, mit 60, werde ich Wolfgang Schmidt in selbigen rammen. Dann bekommt er endlich zurück, daß er mir, als wir 8 Jahre alt waren, mit einer Eisenstange über den Kopf schlug, woraufhin meine ältere Schwester mit mir an einem Mittwoch-Nachmittag zu Dr. Pietsch laufen mußte, damit eine 10 cm lange Platzwunde genäht wird. Und oh die Freude des Docs, der im Smoking mit seiner Gattin dort stand, weil sie abends in die Oper wollten an seinem einzigen freien Tag. Genäht hat er ohne Narkose, die Narbe fühle ich heute noch.
    In den Boden. Rammen. Nur noch fünf Jahre… harr, harr… You made my day.

  3. Ichgehschlafen

    S: Yeah. Damit soltle so ziemlich jeder Trinkabend beginnen. Intros von Kindheits-Serien anschauen und mitgröhlen.

    @Georg: Yeah. Meine Unterstützung hast du auf jeden Fall

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