Spart euch Euer Haiti!
22.01.10Ich bin ja mal gespannt, welche verwirrten Pfosten jetzt den Weg nach aHeadwork finden. Bei so einem Titel lockt man aber auch Schwachmaten ganz gezielt nach hier. Ihr könnt die Münder wieder zu klappen, ich musste kurz kompensieren, dass ich in den letzten zwei Tagen nicht zum Bloggen kam. Wie auch immer, fangen wir an.
Das bundesdeutsche Medienbeben anlässlich des Unglücks in Haiti geht mir sowas von auf den Sack. Bevor hier das große Meckern sich in den Kommentarspalten Bahnen bricht. Ja, natürlich bin ich geschockt, gerade wenn ich mir die Bilder (nicht unbedingt anklicken) anschaue. Ich rede aber nicht von diesem Haiti, ich rede nicht davon, dass Régine Chassange das Ende der Welt gerade persönlich miterlebt oder das M.I.A. für die New York Times eine Packung Ohrfeigen geöffnet hat. Nein, dieses Haiti lässt mich kaum zu Luft kommen. Bei mir hängt das aber ganz konkret mit einer anderen Erfahrung zusammen.
————————-Exkurs ————————
Am 17.08.1999 vernichtete die “größte Katastrophe seit 100 Jahren” komplett Istanbul. Wenn schon nicht körperlich, dann im Geiste. Wir waren damals im Nordosten und ich bin in tief in der Nacht zur Zeit des Bebens, das sich mehr als 900 km entfernt von meinem Standpunkt ereignete, aufgewacht. Heute rede ich mir ein, dass es da wohl einen Zusammenhang gegeben haben muss. Hatte es natürlich nicht. Aber so ist das. Wenn du an deinen Cousin denkst und er ruft in dem Moment an, dann ist es Schicksal. Denkst du an ihn und ruft er nicht an, ist es egal. Denkst du nicht an ihn und ruft er dann an, dann ist es auch egal. Ein wenig Pathos pumpt dann doch durch meine Adern.
Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, dass die BILD-Zeitung in diesen Tagen eine komplett türkisch getextete Schlagzeile auf ihrer Titelseite hatte. Damit ging es los, seit dem Tag fand ich die BILD cool. Als Türke, zumindest, wenn man so aufwächst wie ich, ist der Weg von “Nation” zu “Ich” ein Höllenmarsch entfernt. Und von “Ich” zu “Ist unwichtig” ist es noch viel weiter. Wenn man mit der Muttermilch eingebläut bekommt, dass die rote Farbe der Flagge das Blut der gefallenen Soldaten versinnbildlicht, dann will man nicht unbedingt ein “vatan haini (Nestbeschmutzer)” sein. Also fand ich lieber die BILD cool. Heute ist das anders. Aber dazu in der Zukunft mehr, eventuell.
—————————Ende Exkurs————————
Mich regt vielmehr auf, dass aus diesem Unglück ein Happening gemacht wird, sorry mir fällt kein netterer Euphemismus ein und die Leute sich dabei selbst auf die Schultern klopfen. Ich gebe zu, auch ich dachte mir im ersten Moment, scheiße, da muss man was machen können. Ich als Individuum, ich muss was machen, helfen, spenden, jeder Euro zählt. Und womöglich tut er das. Aber darum geht es mir hier nicht. Mich bedrückt es viel mehr, dass die Nachrichtenmacher in letzter Zeit anscheinend zu viel SAW geguckt haben. Noch dreistere Fotos, noch durstigere Menschen, ich dachte zwischendurch Southpark dreht jetzt eine Reality-Folge und das meine ich nicht als Witz, sondern genau so, wie ich es geschrieben habe. Vulgärvoyeurismus. Natürlich muss man darüber berichten und man sollte die Technologien, die man besitzt auch kritisch zum Einsatz bringen, aber nicht so. Das ist falsch und respektlos. Und genau in dem Moment ist mir ein Zitat von Susan Sontag eingefallen, zu finden in ihrem Buch “Über Fotografie”. Dort schreibt sie:
Wie Schußwaffen und Autos sind auch Kameras Wunsch-Maschinen, deren Benutzung süchtig macht. [...] Das Kamera-Gewehr tötet nicht, und damit scheint diese ominöse Metapher reiner Bluff zu sein – nichts anderes, als wenn ein Mann sich vorstellt, er habe ein Gewehr, ein Messer oder einen Hammer zwischen den Beinen. Dennoch haftet dem Akt des Fotografierens etwas Räuberisches an. Menschen fotografieren heißt ihnen Gewalt antun, indem man sie so sieht, wie sie selbst sich niemals sehen, indem man etwas von ihnen erfährt, es verwandelt Menschen in Objekte [...]. Wie die Kamera eine Sublimierung des Gewehrs ist, so ist das Abfotografieren eines anderen ein sublimierter Mord – ein sanfter, einem traurigen und verängstigten Zeitalter angemessener Mord.
Und keine andere Funktion kommte den Reportagefotografien heutzutage zu. Wir bringen diese Menschen ein zweites Mal um, einfach nur, weil wir an ihrem Tod teilhaben wollen. Sehen wollen, wie es denn aussieht, dort, auf der Schattenseite des Lebens. Aber davon klebt sich bestimmt keiner ein Polaroid an den Kühlschrank.
Schlagwörter:Fotografie, Kamera, Medien, Politik, Susan Sontag




22.01.10 um 02:09
es ist immer wieder erschreckend zu sehen wie gut man eigentlich verdrängen kann…
22.01.10 um 08:59
Die moderne Medien- und Kommunikationsgesellschaft hat viel Gutes. Aber auch z.B. dem Voyeurismus und dem Exhibitionismus eine Plattform geboten. Letztendlich kann man diese Begriffe durchaus auch auf Blogs im Netz beziehen.
Was mich bei Haiti völlig ankotzt, ist, daß hier ein Hype entstand. Das Elend auf Haiti ist viel älter als das Beben. Da gab es die Militärjunta, finanziert von den USA, die mit einem sau-armem, aber straff regierten Haiti gut leben können. Schon heißt es jetzt bei Gutmenschen, Haiti würde vielleicht der nächste US-Bundesstaat und wie schön das für Haiti wäre… Träumer… wozu sollten sich die USA oder Frankreich ein solches Problem an den Hals hängen? Baby Doc und Papa Doch – welch’ niedliche Benamsungen für zwei Tyrannen, die Haiti zuvor mit Mord und Terror regierten. Und woher kommen eigentlich die ganzen Schwarzen? Ist das die Urbevölkerung? Ach was… die ist längst ausgerottet. Haiti war lange Zeit eine riesige Plantage mit Sklavenhaltung. Und die kamen – natürlich – aus Afrika. Hergebracdht von den Empires dieser Zeit. Empire kommt von Imperium oder auch imperialistisch. Das war keine Worthülse, das war blanke Realität. Diese Nationen der ehemaligen Sklavenhalter lassen sich jetzt als Retter feiern. Was für eine scheinheilige, dreckige Sache…
Letzendlich wird das Haiti-Erdbeben abgewickelt werden. Einmal im Jahr wird es ein Gedächtnis-Dings auf den Sendern geben, ein paar Photos von auf den letzten Drücker Geretteten.
22.01.10 um 09:00
OT-Ergänzung: Euer Layout wird immer geiler… ^^
22.01.10 um 09:11
Solange es Leute gibt, die diese Bilder sehen wollen, wird es auch diese Medienteams vor Ort geben. So pervers das auch ist. Irgendwann endet es dann so wie in “The Day After Tomorrow”, wenn Kamerateams von Autos erschlagen werden, weil sie fünf Meter neben nem Tornado berichten müssen.
Aber schlimm oder auch interessant fand ich eigentlich nur eines. Dass soviele Teams vor Ort waren, mit Ü-Wagen und allem, nur um darüber zu berichten, dass die Hilfe nicht anläuft und es an allem fehlt. Da hätte man auch eher Brot und Wasser und Medikamente einfliegen können als die Basis-Camps diverser TV-Stationen.
22.01.10 um 10:18
Ich sehe das mit einer gewissen Ambivalenz. Ich finde es wichtig große Ereignisse vestzuhalten. Allerdings denke ich da eher an Kriege oder andere Dinge die aus Menschenhand entspringen. Dokomentieren in der Hoffnung, dass die nachfahren daraus lernen.
Als wir in der 9. oder 10. Klasse eine Dokomentation, mit original bildern aus einem KZ. ansahen, trieb das so manchen “Parolenschreier” in die Knie. Auch diese Bilder sind voyeuristisch.
Bei Naturkathastrofen empfinde ich das wieder anders. Ein Bericht ist wichtig für die von dir genannten Spenden (sofern sie ankommen). Dazu sind auch erschreckende Bilde hilfreich, so schlimm das klingt. Anders kann man manchen nicht von dem Schrecken überzeugen und ihn zum spenden bringen. Ich gebe dir allerdings Recht, das das Ausmaß in Haiti, weit über die nötigen Berichte hinausgeht.
22.01.10 um 10:46
Wie du sagst: Statt Kamerateams hinzuschicken, hätten sie Essen schicken sollen – ja. Aber genauso gut hätten sie das ganze Geld nehmen können, mit denen die Kamerateams bezahlt werden. Ich kann mir diese Aufnahmen nicht angucken, die im Fernsehen ständig über den Bildschirm flackern. Nicht umbedingt, weil ich das ausblenden will oder ähnliches, sondern weil mir der Gedanke zuwider ist, dass da Menschen nicht nur voller Gier das ganze Elend filmen, sondern auch noch dafür bezahlt werden, die jeweils erschreckendsten Bilder zu liefern, um ihren Sender im medialen Ranking nach vorne zu bringen, eine Schlagzeile zu liefern, mehr Geld und mehr Einschaltkwoten zu bekommen usw. Pierre Bourdieu hatte schon Recht, als er sagte, dass es nur noch ein “Run” um die größte Schlagzeile ist und nicht mehr um die Nachricht an sich geht.
22.01.10 um 11:12
So so so so so wahr!!!
22.01.10 um 13:44
http://jungle-world.com/artikel/2010/03/40205.html
empfehlenswert…
22.01.10 um 15:06
Aus diesem Grund wollte ich auch nie Fotojournalismus machen.
22.01.10 um 15:49
Vorgestern stand auf dem Titelblatt der BILD irgendwas von “DANKE an die großrtigen, tollen Deutschen die den Haitianern das Leben retten weil sie ihr halbes Vermögen spenden.”
…besser als du das gemacht hast hätte man das nicht sagen können. Das ist wieder dieses typische “Katastrophen-auf-die-Schulter-klopfen”: Ja, es ist sowas von grauenvoll, aber wir tun was dagegen und das macht uns zu guten, genialen, göttlichen, unvergleichlichen,…. arroganten, egoistischen und selbstverliebten Spinnern.
26.01.10 um 21:47
erstes kommentar hier, erstmal großes lob: tolles layout, va der post-comment-button^^
zu deinem exkurs: wann kommt der nächste?
zu dem rest: glaubst du nicht dass die evtl. höheren spenden die fotos rechtfertigen? klar ist, dass die fotos immer noch abscheulich sind, vielleicht sublimierte morde.
27.01.10 um 13:29
@TC: Ich würde das nicht von den Spendengalas abhängig machen. Spenden sind noch mal eine andere Kategorie. Ich denke, das funktioniert “einigermaßen” unabhängig voneinander.