3. Gastbeitrag: Haltestelle

28.01.10

An dieser Stelle folgt der dritte Gastbeitrag aus der Blog-Reihe: „Ich sehe was, was du nicht siehst„. Geschrieben, gedacht, gesehen von lia.R, deren Gemeinschaftsblog mit mannfRed –  sexdrugsblognroll – ihr jederzeit besuchen könnt, wenn ihr mehr von ihr lesen wollt.


Unser Haus liegt genau zwei Schritte von der Haltestelle entfernt. Ich stehe in der Küche und blinzle, gegen die Sonnenstrahlen, die Müdigkeit und den Rest der Welt. Die Scheibe des Wohnzimmerfensters hat ein Loch, das gestern noch nicht da war. Ich erinnere mich noch grob an einen Ton von letzter Nacht, an Steine und Scherben. Viel mehr war da nicht. Seitdem kann sich auch nichts verändert haben, nicht wirklich, nicht an einem Tag, der für die anderen erst beginnt, wenn man nicht mehr gegen natürliches Licht anblinzeln muss. Und trotzdem, irgendwie sieht der Scherbenhaufen viel … deprimierender aus als noch vor ein paar Stunden. Traurig und anklagend.

Morgen, sagst du, während du dir beiläufig eine Scherbe vom Boden schnappst und beginnst, den großen Pulverhaufen in frühstücksgerechte Morgenportionen aufzuteilen. Du grinst mich an, als wäre alles vergessen. Die Sonne taucht dein Gesicht in fast schon unwirklich hellweißes Licht. Es sieht wärmer aus, als es ist. Überbelichtung ist ein Gedanke, der jetzt sarkastisch klingt und das soll auch so sein. Du bist eine Momentaufnahme. Mehr nicht.

Selber Morgen, sage ich, und übrigens, das Ding, das du da in der Hand hast, war mal ’ne Scheibe.

Unsere Scheibe, aber das verkneife ich mir.

Recycling, meinst du nur schulterzuckend und grinst breiter. Ein Jude-Law-Übertrefflichkeits-Grinsen erster Güte. Ich würde dir jetzt gerne eine in die Fresse hauen, traue mich aber nicht. Also starre ich weiter durch den Riss in der Fensterscheibe, was denn auch sonst. Straßenbahngeräusche, die elf Uhr achtunddreißig zuverlässiger ankündigen als jede Uhr. Ohne die Haltestelle wäre auch dieser Raum zeitlos. Jetzt darf er sich wenigstens im Kreis drehen, wie ich gerade, auf der Suche nach dem Klebeband – obwohl ich schon ahne, dass es schwierig wird, in dieser Umgebung etwas zu finden, dass die Scherben kitten könnte.

Schmerzen. Brennende Augen. Niemand hat mir vorher erklärt, dass Loslassen irgendwann zwangsweise zum Fallen führt. Es war wackelig, so lange, dass ich mich daran gewöhnt habe, weil du alles trotzdem irgendwie gehalten. Man wird nachlässiger, bis es passiert. Ein Sturz, ein Ton und dann der Aufprall, der noch vor den Scherben kommt. Du bist kalt, drei Buchstaben, ein t, ein o, ein d, und eigentlich hätten wir es schaffen können, aber jetzt nicht mehr, weil meine Welt stillsteht, weil „Das Leben geht weiter“ nichts als eine zerfressene Phrase ist.

Hätte ich etwas für dich tun können? Minutenlanges Schweigen, bis heute, neben den perfekten Sonnentagen von damals, einer freibadmäßiger als der andere. Die Grenzen verschwimmen zu einem einzigen Augenblick, den ich ich nicht wegblinzeln will, weil ich dich nicht wegblinzeln will. Elf Uhr achtunddreißig kommt gleich nach dreiundzwanzig Uhr und die Logik schafft es nicht, sich dazwischenzuspressen. Stattdessen ist die Haltstelle mein Zeigerticken, und obwohl ich weiß, dass meine Zeit hier abgelaufen ist, stehe ich heute nicht mehr auf.

Irgendwann blinzelt man natürlich trotzdem, reflexartig. Der Moment ist vorbei, also doch. Und er war es sowieso spätestens, als ich um achtund-irgendwas an der Haltestelle stand und in die Bahn gestiegen bin. Mittlerweile gibt es keine Scherben mehr. Das Zusammenkehren war sinnvoll, gegen die hartnäckigsten Splitter half der Staubsauger. Die paar Kratzer, die geblieben sind, konnte man überpinseln. Das Ergebnis? Überraschend perfekt. Rein oberflächlich betrachtet hat es dich also nie gegeben. Und trotzdem – oder vielleicht sogar deshalb – an den Tagen, an denen du durchschimmerst, würde ich gerne wissen, wo du jetzt steckst und auf einen Sprung vorbeikommen. Mit Blumen, einer Kerze, ein bisschen Reden, das volle Friedhofs-Programm eben. Obwohl ich nicht genau wüsste, was ich sagen soll. Weil ich irgendwie doch verdammt froh darüber bin, dass ich damals an der Haltestelle die Bahn in die richtige Richtung erwischt habe.

Der nächste Beitrag wird voraussichtlich am 1. Februar folgen und sich mit einem dieser drei Themen befassen:


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Kategorie: Iswwdns

Die Welt ist grau und sollte doch schwarz und weiß sein.

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  1. Ichgehschlafen

    Scheiß auf „.“, hier gibt es ein !

  2. Anita

    Das ist eine sehr schöne, traurige Geschichte. Ich hab sie nicht wirklich verstanden, aber sie hat mich sehr berührt. Toll!
    Hannahs Mom

  3. Roman Held

    Als ob man beim Zappen bei einem Film auf arte hängenbleibt, sich Tee kocht, eine Kerze ansteckt und zuschaut. Weil es manchmal eben auch nicht ums Verstehen, sondern ums Betrachten und Fühlen geht.
    (Jude-Law-Übertrefflichkeits-Grinsen. So gut.)

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