Sprachbarrieren

30.01.10

Jeder Club hat seine Regeln. Meistens sind die ersten drei Vorgaben nicht voneinander zu unterscheiden (First rule of Fight Club is, you don’t talk about Fight Club. Second rule of Fight Club is, you don’t talk about Fight Club. Third rule of Fight Club is, you DO NOT talk about Fight Club.) Da muss es also einen Unterschied geben, sonst würde diese Wiederholung keinen Sinn machen. Ich meine, wir alle können bis drei zählen und haben genügend Grundkenntnisse in Deutsch, um einen gleichen Satz zu erkennen, wenn wir ihn hören/sehen/lesen. Also: Ich für meinen Teil tippe auf die Betonung “DO NOT”, aber so genau weiß man das nie. Bis Meat Loaf dich dann gegen seine dicken Brüste drückt. Ab dann bist du ein Insider.

These: Für Außenstehende mag auf den ersten Blick kein Unterschied bestehen, die Eingeweihten wissen jedoch ganz genau über die Symbole und Praktiken Bescheid. Darum erkennt Andi auch keinen Unterschied zwischen Rechtsextremen und Linksextremen (kein Wunder übrigens, dass die Namen diese Ununterscheidbarkeit bereits ausdrücken). Wesentlich ist: Jeder Club hat seine eigenen Regeln. Die Exklusivität erhält man am besten aufrecht, in dem man sich nicht nur per Handschlag begrüßt, sondern auch noch festlegt, dass man sich danach auf die Wange ein oder zwei Küsschen andeutet. Geküsst wird ja dann doch nicht, das wäre zu intim und als Club schon etwas z u exklusiv. Kein Witz, als mir eine Frau zur Begrüßung wirklich einen Schmatzer auf die Wange gedrückt hat, dachte ich, die checkt mich ab. Als eitler Fatzke hat man es nicht  leicht und es ist schon eine Reise durch die Wüste sich die Fehleinschätzung einzugestehen.

Wie auch immer: Es gibt Clubs, denen kaufe ich ihre Exklusivitität gerne ab. Der CIA stricke ich keinen Vorwurf aus ihrer Geheimniskrämerei; schließlich besteht ihr Job ja darin, dass Du und Ich nicht Bescheid wissen, was sie über uns in Erfahrung gebracht haben. Darum regen wir uns auch auf, wenn solch sensiblen Daten verloren gehen. 1 Es gibt auch andere Clubs für die man zahlt: Zeitungsabos, Golfclubs. Clubs, in die man nie beitreten wollen würde: Krankenkassen. Und so weiter. Es gibt also viele Clubs, die ihre Berechtigung haben. Ist also gut so. Der Wurm ist erst dann drin, wenn wir Clubs zur allgemeinen Umgangsform erklären. Wenn KFZ-Mechaniker nur noch KFZ-Mechanikerslang reden und sich in Klischees gefallen. Wenn Studenten nur noch “in einem süffisanten Ton” über “Reziprozität”, “Peristaltik” und “Selbstreflexivität” reden. Du nicht mit mir, wenn Du nicht mit mir bist. Denn: Man sagt doch immer, dass Millionäre in ihrem eigenen Universum leben. Gemeint ist, ihr Reichtum ermöglicht es ihnen, ein Leben abseits von gesellschaftlichen Standards zu leben. Der Clou ist aber, dass diese “eigenen Universen” die Grundvoraussetzung darstellen. Planet Studium, Planet Juristerei, die Hartz IV Galaxie, Planet Hollywood usw. Direkt nebeneinander.

Beispiel Uni: Ganz davon abgesehen, dass der NC nichts anderes ist, als eine interessensbedingt vorgefertigte Gesellschaftsmodellierung und insbesondere außer Acht gelassen, dass Bildung keinen Abschluss brauchen sollte: Welcher Flachwichser, (ich gehe davon aus, dass es ein Mann gewesen ist, nicht unbedingt dieser, aber bestimmt einer) ist auf die Idee gekommen, Regeln für die Seminararbeiten und die Zitationsweisen einzuführen? Nicht, dass ich es nicht kann, das ist ja nicht die Kunst, aber: Wieso ist es so wichtig, Fußnoten “wie Sätze zu behandeln” und bei Seminararbeiten darauf zu achten, dass es “kein Referat in Textform” sein sollte? Wen zur Hölle interessiert das? Wenn mein Argument gut ist, dann ist es doch umso besser, wenn du es auch als einfache Kost verstehst? Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Fremdwörter, im Gegenteil, ich finde auch, dass die allgemeine Abneigung gegen Fremdwörter so ein bisschen durchscheinen lässt, dass man an wirklicher Auseinandersetzung nicht interessiert sein kann. Denn um einen Zugang zu einem Text zu finden, braucht man nichts anderes als Übung, meinetwegen jahrelang; das wiederum passt aber nicht ins Konzept der Generation Infotainment, da muss alles fix fix gehen. Darum ist Popper für mich auch die größte Pfeife, da er das am penetrantesten gefordert hat. Nichtsdestotrotz: Solche Texte sind auch und gerade Ausschlussmechanismen, gerade für Minderheiten. Darum muss man differenzieren und schauen, wann welcher Schreibstil zu benutzen ist. Das passiert aber gerade nicht. Der “elaborierte Sprachstil” ist nichts weiter als ein Code, der es “Außenstehenden” nicht erlaubt, mitreden zu können; der Fachjargon ist keine Garnitur, er ist ein Ausschlussprinzip.

Und die Uni ist der Ort, an dem man diesen Mindstate eingetrichtert bekommt: Es reicht nicht, dass du an der Uni bist und die komplexen Gedanken eines Autors simplifiziert kriegst, was für sich genommen eine wunderschöne Sache ist. Aber im Gegenzug musst du lernen, so zu schreiben, dass dich nur noch eine elitäre Minderheit versteht. Es reicht nicht mehr, einfach zu studieren, du musst auch noch das gleiche Fach studieren, sonst findest du keinen Zugang zu den Texten. Und diese Korinthenkackerei führt dann dazu, dass Ich meine Zitate anders zu schreiben habe als Du. Nicht, weil es sinnvoll ist, nein, das Hauptargument ist das en vogue sein. Dass Du das gleiche Wort komplett unterschiedlich verwendest als ich gehört auch dazu. Wir müssen also immer im Vorfeld klären, über was wir reden, egal welches Thema, welcher Ort und erst recht egal welche Zeit. Einfach definieren. Hermeneutik als Selbstzweck. “Was meinst du, wenn du ‘Macht’ sagst?” “Also ich verstehe den Habitus immer Bordieuscher Prägung”. Du hast Bordieu nicht gelesen? Du bist raus! Du weißt nicht, was ein Habitus ist? Du bist raus! Du hast falsch zitiert? DU-BIST-RAUS!

Diese ganze Aufteilung in Gebiete, Teilgebiete, Subgebiete und Subteilgebiete hat keinen Sinn. Sie hat Berechtigung, ja, aber sie ist sinnlos. Im Endeffekt führt sie dazu, dass wir nicht nur 6 Milliarden Menschen haben, sondern vor allem 6 Milliarden Sprachen. Und da wunderst Du dich noch darüber, dass wir uns nicht verstehen. Warum Studenten nur über Studentenkram reden? Warum man seine (selbstgewählte) Identität, seinen Job mit der eigenen Person verwechselt? Dass wir die gleichen Oberflächlichkeiten als erstrebenswert erachten: Glück, Friede, Freiheit, Geld, eine(n) intelligente(n) Partner(in). Der eigene Alltag ist Terror/Vertiefung genug. Da kann man sich seine Freizeit nicht auch noch damit verbauen, seine Zeit mit Denken zu verbringen. Darum lesen ca. 12 Millionen die BILD.

  1. Kleiner Nebenkommentar: So sensibel können die Daten nicht sein, schließlich wird ja dauernd das Argument bemüht, dass nur diejenigen nichts preisgeben wollen würden, die auch etwas zu verstecken hätten. “Ich hab nichts zu verbergen”, so das Gegenargument. Das lasse ich mal so im Raum stehen.

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Yo, turbo.

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  1. S

    Über die Studentensache kann ich nicht groß mitreden, meine Zeit als Studentin war aber aus genau diesen (und noch einigen mehr) Gründen sehr begrenzt und ich bin froh, aus diesem Scheisshaus entflohen zu sein (und fürchte mich vor dem Tag, an dem ich leider wieder hin muss).

    Aber: man merkt es auch ohne Uni. Das Gruppengetue. Hauptschüler, Realschüler, Gymnasiasten. Fängt doch da schon an. Geht dann später so weiter, wie du es beschreibst- und es ist ein guter Grund, einfach mal die Hoffnung zu verlieren.

  2. ichgehschlafen

    Ja. Das Geile ist aber, dass alles, was irgendwie uncool wirkt, abgelehnt wird. Es sei denn, es ist die eigene Gruppe. Bushido = gesellschaftsfähig/cool, kein Problem. Kids, die wirklich “ich schwör” usw. sagen (wie Bushido ja auch) = nicht gesellschaftsfähig, weil unter dem Generalverdacht “U-Bahnschläger”/uncool = Ablehnung und Ausgrenzung. Ausser du bist Teil dieser “Gruppe”. Dann machst du das ” mit Stolz”. Gilt natürlich für alle anderen Gruppen auch. Und ich so, HÄ?

  3. Chris

    Sehr gelungen. Merke das als “Mehrfachstudent” langsam. Begriffe aus der Pädagogik, die auch in der Germanistik vorkamen sind in den Medienwissenschaften gaaanz anders belegt. Und so oft fragt man sich: warum?

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