4. Gastbeitrag: Sex

01.02.10

An dieser Stelle folgt der vierte Gastbeitrag aus der Blog-Reihe: „Ich sehe was, was du nicht siehst„, der diesmal gar kein Gastbeitrag ist. Geschrieben, gedacht, gesehen von Hannah, auf deren und ichgehschlafens Blog aHeadwork ihr euch gerade befindet.


Der Tag endet und mit dem letzten Sonnenstrahl fällt seine Maske der Normalität, weicht seiner zweiten Identität, seinem zweiten Ich, das er liebevoll Night-Me getauft hat. Ordentlich eingeenglischt, um voll im Trend zu sein – nicht nur vor anderen, die wissen ja nicht, dass er sich so nennt, nein, auch vor sich selbst, erst dann kann er auch anderen weis machen, er wüsste, was Sache ist. Und bei Gott, diese Nacht, the Night of Nights, die wird es sein. Seine Nacht, in der er beweisen wird, dass mehr in ihm steckt als der kleine BWL Student, der tagelang über seinem Regressionsmodell sitzt, den Zusammenhang in einer Geraden sucht und an dessen Beispiel prüft, ob das Modell zu Sozialausgaben und Arbeitslosenkwoten auch tatsächlich die Wirklichkeit beschreibt, nur um in der Klausur als Bester glänzen zu können – auch hier wieder seine Selbstbestätigung, etwas zu sein.

Ihre Hände greifen in den kleinen Medizinschrank, der zu locker über dem Waschbecken sitzt und bei jeder Berührung zu fallen droht. Das Zittern ihrer Finger amüsiert sie, die Aufregung, die sie in ihnen erkennt, verschafft ihr mehr Befriedigung, als sie erwartet hätte. Und Sicherheit. Sicherheit darüber, das es das Richtige ist, was sie heute tut.

Er erinnert sich noch gut an den ersten Tag in der Schule. Sein Tornister – beinahe so groß wie er schmaler Hans – glänzte verheißungsvoll im Flur seines Zuhauses, als er schnellen Schrittes darauf zuging, das teure Teil mit Schwung über die eine Schulter warf und mit ebenso viel Schwung auf dem Allerwertesten landete. Verdammte Schwerkraft, verdammte Selbstüberschätzung, verdammtes Day-Me. Damals wusste er natürlich noch nicht, dass es sein Day-Me war, das ein Höllenleben führte, nicht sein Night-Me.

Unnatürlich wirkende Glitzerpartikel überziehen ihre viel zu blassen Finger, die sie als vornehme Pianistenfinger empfindet. Finger, deren Berührungen man gerne spürt, wie sie sich einredet.

Natürlich schaffte er es noch in die Schule, sein Tornister – er hatte ihn für das große Highlight gehalten – war auf einmal nichts besonderes mehr, als er die Tornister der anderen Kinder sah. Allein seiner – unte Autos auf blauem Grund – war sicherlich millionenfach vertreten. Sein Day-Me hatte wieder versagt, dabei hatte er, ganz entgegen seiner Gewohnheiten, auf den rosafarbenen mit den porzellanzarten Einhörnern verzichtet.

Die Glitzerpartikel nun im Gesicht tritt sie vor. Roter Samt streichelt ihren halbnackten Körper, als der Vorhang sich öffnet, sie vor der Menge steht und das Lächeln spürt, das auf ihrem Gesicht liegt und nicht unangenehm in die Wangen sticht, als wäre es dort festgetackert worden. Night-Me Time: „Huhu meine Lieben, habt ihr eure Kleine schon vermisst?“, kichert Night-Me kokett ins Publikum und die Show beginnt.

Müde sitzt er vor seiner Klausur, die Zahlen verschwimmen vor seinen geröteten Augen und das Regressionsmodell bleibt hinter dem tosenden Applaus zurück, der noch immer in seinen Ohren klingt. Ein kurzer Moment, der trotz seiner Vergänglichkeit noch immer nachwirkt. Ein wenig Glitzerstaub rieselt auf die freie Stelle des Papiers, die eigentlich mit komplizierten Formeln bedeckt sein sollte und Night-Me lächelt ihr Bühnenlächeln.

Der nächste Beitrag wird voraussichtlich am 5. Februar folgen und sich mit einem dieser drei Themen befassen: