Dead/Dad

03.02.10

Als wir uns treffen, schaut er mir knapp neben mein Gesicht. Ich schalte auf Autopilot, er auf Tunnelblick. “Besser wird es nicht.” Gut, dass ich nicht erst fragen musste. Meine Antwort besteht im Knacken meiner Finger: Erst links, dann rechts, dann links, dann rechts. Wenn schon Rheuma, dann über das altbewährte Pingpong-Verfahren.Er setzt sich hin. Ausgemacht war im Café, wir einigen uns wortlos auf die nahe gelegene Trambahnstelle. “Hallo, wie geht’s?”

In dem Augenblick, in dem er Platz nimmt, sich leicht nach vorne beugt und die Hände um seine Knie klammert, ist er nicht mehr mein Vater. Ein Augenaufschlag später stehe ich einem gebrochenen, alten Mann gegenüber. “Können wir reden?” Aus der digitalen 10 neben “Tram 17 – Effnerplatz” wird eine digitale 9. Es ist so einfach, Ja zu sagen. Also stelle ich mich neben ihn und wir schauen uns die senfgelbe Hausfassade gemeinsam an. Ich sehe was, was du nicht siehst. Ja, genau vor uns. An der Wand. Und es ist ganz bestimmt nicht Gelb. Es ist nicht der “Liebig 13 bleibt”-Schriftzug. Nicht das Fenster und erst nicht die gemeinen Efeuranken und auch nicht das restgrüne, in erster Linie aber rostbraune Brückengeländer. Es ist die Unebene, der du keine Farbe geben kannst, gerade weil sie herausragt; unmöglich diese Betonwogen zu glätten. Das nennt sich Granitbruchstein, mein Bester. Gemacht, um uneben zu sein. Da kannst du mörteln, wie du willst, den Schatten kriegst du nicht mehr raus, sobald die Sonne erst mal im Zenit steht. Doch nichts dringt nach draußen. Zumindest nicht willentlich. Im Außen ist es ruhig. Still, stumm, bewegungslos. Während die Entschleunigung auch innerlich einzusetzen beginnt, reisen wir mit 30 km/s um die Sonne. Es kann nie schnell genug gehen.

Die Trambahn versperrt mir die Sicht. Ich werfe dem Schaffner meinen bösesten Blick zu. Leider hält er problemlos stand, so dass ich es bin, der zuerst wegschauen muss. Als ob irgendein Plan jemals aufgegangen wäre. Gerade als ich es auf meine gute Erziehung schieben will, erhebt sich ein alter Mann und setzt seinen Fuß in die Lichtschranke. Ein naiv aufflackender Funke Hoffnung, es könnte sich dabei tatsächlich um Laserlicht handeln, erlischt, als der Gebrechliche zwei Schritte später hinter den grauen Flexibilitäts-Lamellen erst aus meiner Sicht und dann aus meinem Leben verschwindet. Ich schaue auf die Anzeige: “Tram 17 – Effnerplatz”. Eine digitale 3, nein, jetzt nur noch 2. Der Schaffner fährt trotzdem los, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, er ist viel zu spät dran, ganz egal, wann er gekommen oder gefahren wäre. Entrissen. Dann wache ich auf.

Ich habe aus unerklärlichen Gründen gespürt, dass er sich heimlich in mein Zimmer geschlichen hat und drauf und dran ist, mir meine Decke zu klauen. Im letzten Moment packe ich mit aller Kraft zu, wild entschlossen, unter keinen Umständen loszulassen. Doch er ist stark, ein Bär von einem Mann und ich noch backfrische 8 Jahre jung: Kaum hat er angefangen zu ziehen, schon flieg ich im hohen Bogen aus dem Bett und plumpse glucksend auf dem Boden auf, die Decke fest im Griff. Mein Vater wirft mich in die Luft, fängt und hebt mich auf seine muskulösen Schultern, so dass ich mich mit dem Kopf an der oberen Türkante stoße. Eine Beule mehr, ein Grund mehr zum Angeben. Zum Spaß trommel ich auf seinem Kopf herum, ohne Takt, dafür mit jeder Menge Enthusiasmus. Da kommt die nächste Türkante. Diesmal ziehe ich den Kopf jedoch ein. Auf den Schultern eines Giganten. Kein Mensch, ein Hüne. Wenn ich erwachsen bin, werde ich wie mein Dad.

Heute, knapp 30 Jahre später, ist genau das meine größte Angst.

Schlagwörter:

Yo, turbo.

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  1. Hannah

    Wundervolle Bruchstellen als Übergänge. Hat mich beim Lesen völligst gefesselt ..

  2. Moonica

    Wow, sehr berührend geschrieben

  3. rebhuhn

    eendlich weiß ich, was mein problem mit solchen texten ist: kurzgeschichten. – ich mag, wie es geschrieben ist, trotzdem mag ich es nicht… WEIL es eine kurzgeschichte ist. das wiederum kann ich leider nicht so richtig begründen ^^.

  4. ichgehschlafen

    @H&M :)
    @rebhuhn: Das hat jetzt was von einem Jungen, der zu seiner Freundin kommt, sie freudig umarmt und ihr dann erzählt, dass er ihr so dankbar ist, weil sie ihm die Augen geöffnet hat und er anhand der Beziehung gemerkt habe, dass er jetzt schwul sei. :D

  5. Hannah

    @rebhuhn: Ich mag Kurzgeschichten und wenn man den jeweiligen Schreiber kennt, liest man durchaus auch biografische Einzelheiten raus, ge, H.? Aber ich fühl mich meistens überfordert, wenns ums kommentieren geht. Da kann man sich eigentlich nur auf irgendeine literarische Diskussion einlassen :D

  6. rebhuhn

    @ichgehschlafen & Hannah
    der vergleich ist cool *g aber das mit dem kommentieren geht mir ähnlich wie hannah.. überfordert. :P

  7. ichgehschlafen

    @Hannah: Jeden Abend sende ich übrigens ein Gebet Richtung Norden. Wenn du angefangen hättest Germanistik/NdL zu studieren, wärst du ein hoffnungsloser Fall gewesen. Ein Mensch, der sich das zum Job macht, was ihn interessiert. Brrrrrrrr.

  8. Georg

    Junge, diesmal hast Du mich tatsächlich voll erwischt. Ich glaube, ich muß jetzt erst einmal eine Gauloise rauchen und eine Weile aus dem Fenster schauen…

  9. p***

    <3

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