“Hi, hab dich nicht erkannt.”
04.02.10Was Reflexe angeht, bin ich quasi unschlagbar. Sobald mir etwas aus der Hand fällt, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ich es wieder auffange, bei über 70%. Und falls es mal doch nicht in meiner Hand, sondern auf dem Boden landet, dann gibt es zwei Möglichkeiten: a.) ich halte meinen Fuß noch gerade rechtzeitig hin, so dass der Aufprall abgefedert wird, oder aber b.) ich kicke den Gegenstand weg. Beispiel: Als ich früher unterwegs gewesen bin, habe ich immer mit meinem Schlüsselbund gespielt. Gleichzeitig hatte ich es furchtbar eillig. Ich bin jemand, der seine Termine nach S-Bahn Fahrtzeiten geplant hat plant und deswegen bin ich nicht nur auf die Sekunde pünktlich gewesen, sondern auch immer darauf angewiesen, die S-Bahn bloß nicht zu verpassen1. Ich schmeiße den Schlüssel also in die Luft und fange ihn auf, schmeiße ihn hoch, fange ihn auf. Schmeiß ihn hoch und fang’ ihn aber nicht mehr auf. Dann habe ich, nachdem die Zeit ohnehin knapp bemessen gewesen ist, mit meinem Fuß gegen den Schlüsselbund gekickt, dieser ist fünf Meter weiter vorne gelandet und ich habe ihn in einer eleganten Bewegung vom Boden aufgehoben und bin weiter gegangen. Zeitverlust: Null. So ekelhaft kann effizientes Handeln sein.
Aber, ihr wusstet, dass dieses Aber kommen wird, oder?, schließlich verbreite ich ja immer so einen Grundpessimismus hier, aber was ich in Reflexhaftigkeit, die ja ohne Nachdenken geschieht, drauf habe, geht mir auf einer anderen Baustelle komplett ab: Reaktion. Die Zeit, die ich brauche, um jemanden zu erkennen und dann auch noch zu reagieren, beträgt Jahre. Ungelogen. Ich hab erst vorgestern gemerkt, dass die Person, die mich damals im Aufzug der Uni (wie dekadent das klingt) begrüßt hat, ein ehemaliger Fußballfreund war.
Heute bin ich also im Schließfachzimmer und will gerade den Heimweg antreten, als eine hippieske Kommilitonin den Raum betritt, mich sieht und grinst. Ich hätte gerne darauf reagiert, zurückgegrinst, einfach, weil es so erfrischend ist, mal angelächelt zu werden aber bis ich das mental verarbeiten konnte, war sie schon längst angezogen und hat den Rückweg angetreten und “Ciao” gesagt. Auch darauf hätte ich gerne geantwortet. “Ciao”. Doch dann war die Tür zu, ich stand allein im Raum und führte plötzlich Selbstgespräche.
Mein Cousin hat mir letztens erzählt, dass er mich gesehen hat, als er im Auto saß, darauf hin das Tempo auf Schrittgeschwindigkeit gedrosselt und gehupt hat und dass ich, iPodhörend, einfach nicht auf ihn reagiert hätte. Ich bin mir sicher, das stimmt, denn wenn ich iPod höre, dann starre ich ins Nichts vor mich hin. Man kriegt ja ohnehin schemenhaft mit, was passiert, also warum mehr Energie verbrauchen als nötig. Das sind dann wohl die negativen Auswüchse der Generation “Switch it off”. Ich rechne schlicht und ergreifend nicht damit, bei 1,3 Millionen Einwohnern mir nichts, dir nichts auf ein bekanntes Gesicht zu treffen. Obwohl das mehr als wahrscheinlich ist, wenn man einen geregelten Alltag hat. Man nimmt immer die gleiche S-Bahn. S-Bahnen sind im Prinzip das gleiche wie Touristen-Expeditionsgruppen: Immer die gleichen Menschen, jeden Tag, aber trotzdem sagt man nie Hi und falls doch, weil der andere dir auf die Schuhe getreten ist. Oder man bewegt sich immer in der gleichen Gegend. Die Uni wechselt ja nicht über Nacht den Standort. Ist ja keine Schnitzeljagd hier. Und so stehe ich vollkommen perplex im LIDL an der Kasse, bezahle und bin gerade dabei rauszugehen, als ich merke, dass diese Person mich seltsam gegrüßt hat. Mit meinem Vornamen nämlich. Also gehe ich zurück und sage: “Hi, äh, Franzi, ge? Ja, Hi Franzi. Sorry, ich war grad totaaaaaaaaal abwesend. Wie geht’s?”
- Seitdem ich in der bei meiner Freundin in der Innenstadt übernachte, wo die U-Bahnen im Fünfminutentakt fahren, komme ich auch konsequent zu spät ↩



04.02.10 um 20:55
Ein weiterer Fluch aus dieser Klasse: Mein schlechtes Namensgedächtnis. Nach einem Semester seh ich immer die gleichen Gesichter. Werde mit Chris begrüßt und weiß nichts zu antworten als “Na du”
04.02.10 um 20:59
“Als ich früher unterwegs gewesen bin”
Wenn ich früher unterwegs war
und nicht
Als ich früher unterwegs gewesen bin
Mit saftigem Korrektor-Mnjam…
04.02.10 um 21:05
@Chris: Ja. Immer solange fragen, bis man heraus bekommt, woher man die Person kennt und ob man sie dazu bringen kann, ihren Namen von selbst zu sagen.
@Georg:Ja, das kommt davon, wenn man seine Artikel nur unzureichend redigiert und direkt auf “Publizieren” drückt. Aber das ist okay.