Nördybördy
07.02.10Jetzt mal ehrlich. Ich bin ein Internetsüchtling, seitdem ich denken kann. Angefangen hat bei mir alles im “legendären” Rap.de Chat. Ich lernte eine vermeintliche Sprüherin, ihr Internetpseudonym war “Cho1″, einen weiblichen Fan, Wanja – edit -1, und einen Rapper, Friedrich Chiller2, kennen. Die meiste Zeit haben wir damit verbracht, uns Freestyles3 zu tippen. Krass lächerlich, so in der Rückschau, aber seinerzeit habe ich mich während meines Türkei-Urlaubs per Internet-Café für ein “Battle” verabredet. Habe es dann verloren und die Zeilen, die dafür ausschlaggebend waren, habe ich sogar heute noch im Kopf:
Ich bin eine Dampflok, mit integriertem Rammbock, der sich an dir andockt
du liebst deine Freundin, doch sie ist Porno-Bodydouble beim Cumshot
Irgendwann wurde dieser Chat berühmt. Das redeten wir uns zumindest ein, es könnte aber auch einfach daran gelegen haben, dass Rapmusik salongfähig wurde, Chats die Attitüde simultaner Coolness und Subversivität aufrechterhalten konnten und na ja, weil Rap ganz einfach das erste Wort ist, was man in Google eingibt, wenn man sich über Rapmusik informieren will. Man konnte sich nicht mehr verabreden, weil alle dazwischen funkten. So ein bisschen wie Twitter heute, kurz gesagt. Also trennten sich unsere Wege; ich entschied mich für das Mzee.com/Forum (und ja, auch Hannah war da angemeldet :D) und habe dort in kürzester Zeit mehrere 1.000 Beiträge geschrieben. Gleichzeitig war ich auch in der RBA angemeldet und habe aktiv mitgemischt. Ich glaub, ich war sogar mal in den Top10 oder sogar Top7, weiß nicht mehr so genau. Auf alle Fälle habt ihr jetzt genügend autobiographische Eckdaten, um den folgenden Gedankengang nachzuvollziehen.
Ich hab mich beobachtet gefühlt. Die Truman Show ist der perfekte Ausdruck meines Lebensgefühls gewesen: Mich muss jemand beobachten, unbedingt, das ist krank, was ich mache. Irgendwelchen wildfremden Menschen meine Seele auszukotzen und es dann auf dem Präsentierteller noch schmuck zu garnieren. Jede Sekunde habe ich damit gerechnet, dass ein Kamerateam plötzlich auftaucht und der Regisseur sagt: “Okay, wir haben genug Material für heute. Danke Hakan, du warst wirklich eine 1A-Besetzung, das hätte ein Schauspieler nie so authentisch mit hinbekommen.” Diese Grundparanoia hat sich dann auf mein gesamtes Leben ausgeweitet und meine Persönlichkeit komplett umgekrempelt. Das ging irgendwann so weit, dass ich die Vorhänge zugezogen habe, wenn ich mir einen Porno anschauen wollte, aus Angst davor, dass jemand auch das filmen könnte.
Irgendwann war ich dann total drin. Forentreffen, andere Netzwerke, jugendliche Selbstfindung inklusive Experimentierfreude, Silvester ‘03 vor dem Bildschirm verbracht und zur Stunde Null “Ich bin dieses Jahr zu Hause geblieben”-Post geschrieben. Es gab nur eine einzige Sache, die ich nie gemacht habe: Chats. Freunde von mir sind in ein Internet-Café, “easy everything” am Hauptbahnhof und haben dann in den dortigen Chaträumen mit Frauen geflirtet, die auch im selben Gebäude waren. Ich war auch dort, ja. Aber damals war das Internet noch ein Luxusgut, Rohlinge unbezahlbar teuer (ein Freund hat gebrannte Spiele für einen Zehner verticken können) und Napster noch legal. Und immer, wenn ich in dieses Café ging, dachte ich mir: “Hier sind sie nicht. Überall, aber hier nicht. Hier bin ich allein. Und nicht allein. Hier bin ich unter den meinen.”
Na ja. Und seit geraumer Zeit, genau genommen seit 2 Jahren, ist dieses Gefühl weg. Ja, natürlich, jetzt, wo hier so unmenschlich viel Andrang herrscht, denke ich auch ab und an, dass man mich auf der Straße erkennen könnte, aber das ist ein Witz verglichen mit der Paranoia von vor 8 Jahren, als ich noch dachte, dass es sich alle meine Freunde in einem lichtdurchfluteten Zimmer gemütlich gemacht haben und sich über meine Fehler und Fettnäpfchenreintreterein ordentlich lustig machen. Das Gefühl der Einsamkeit ist weg. Heute ist jeder im Netz, d.h. im Umkehrschluss, ich bin kein Psycho. Die Unterteilung zwischen Off und Onlinewelt ist damit hinfällig geworden. Ich habe alles Paranoide abgelegt.
Seitdem bin ich Nerd. 10 5-8 h Internet am Tag ist nicht übertrieben.
- Ihr habe ich dmaals aus Langeweile eine SMS geschrieben, dass ich mich jetzt umbringe. Ich war 15. Sie hat dann nonstop angerufen, zwei Stunden lang. Ich hatte ein Siemens C65. Es war lautlos gestellt. Dann schrieb ich ihr zurück, dass ich was ganz anderes gemeint hätte. Gemein, nicht? ↩
- Der sich irgendwann in Chrizzow Flex, ja, das waren die 00er Jahre und solche Namen galten noch als cool. ↩
- Für alle, die nicht wissen, was Freestyle ist hier nochmal die berühmte Szene aus 8 Mile. Und ja, auch wenn das aufgeschrieben ist, es gibt tatsächlich Wirrköpfe, deren Wortschatz und Einfallsreichtum so groß ist, dass die das hinkriegen. ↩



09.02.10 um 01:05
schlußsatz: jo. hier auch. trotz 3h-vorsatz.