Mein Kopf ist wie leergefegt, während ich langsam die Scherben einsammle, die sein Lachen hinterlassen hat. Helles Blut rinnt meine Fingerspitzen hinab und tropft auf den goldgelben Vogelschnabel, der sich vor Empörung zu öffnen scheint, ehe ein weiterer Tropfen den kompletten Kopf verschlingt. Blutblumen ersetzen die im Porzellan erstarrten Vögelchen und malen das Muster der Wahrheit, das ich seit Wochen gekonnt ignoriert habe.
Der Morgen hatte begonnen wie jeder andere, aber sind nicht gerade das die Tage, die am schlimmsten enden? Die, die wie alle anderen beginnen, sich in den Mantel der Unschuld wickeln, ehe ohne Vorwarnung der Wolf herausgesprungen kommt und einen so bestialisch zerfleischen, dass man froh sein kann, wenn noch ein paar Knochen übrig bleiben, die von den Lieben beerdigt werden können. Beerdigungen haben diesen symbolhaften Charakter, der die Verwandten noch über den eigenen Tod hinaus dazu zwingt, an einen zu denken, vor dem Grab zu stehen und um einen zu trauern. Als wäre die Trauer nichts wert, wenn sie Zuhause für sich empfunden wird. Stattdessen muss man sie im Pulk genießen, dem Priester durch tränenreiche Abschiede beweisen, dass man ein guter Mensch ist, der weiß, wie man trauert und ja .. was eigentlich? Warum sehe ich mich vor Autoritäten immer dazu genötigt, besonders gut zu sein? Besonders gut im Sinne von: Die Form von Gutsein, die die Autorität haben will. Nicht meine. Die gilt dann nicht, ist nichts wert und wird in den hintersten Winkel meines Seins verpackt, um irgendwann, wenn keine Autorität mehr gucken kann, wieder hervorgekramt zu werden. Der Staub wird runtergepustet, rieselt zu Boden und bleibt zusammen mit der Angepasstheit im hintersten Winkel zurück, um dem Ich wieder Platz zu machen, bis man vor der nächsten Autorität steht.
Mittags die SMS: „Ich habe ihn gesehen, du glaubst nicht, wer mit ihm unterwegs war.“ Doch, liebe SMS-Schreiberin, ich weiß ganz genau, mit wem du diesen Arsch gesehen hast. Ich seh die Schlampe richtig, wie sie ihre krallenbesetzten, wild bemalten Finger um seinen Arm schlingt, um ihn ja keinen Schritt zur Seite weichen zu lassen und zu zeigen, dass er jetzt ihr gehört. Aber das stimmt nicht mehr, oder? Inzwischen sagt er mir, dass er mich liebt und nicht mehr ihr. Sie hat kein Anrecht mehr auf ihn und würde ich ihn fragen, er würde mir sagen, dass sie nie eins hatte, aber bei uns Frauen ist das anders. Kerle gehören uns und das – zumindest innerhalb der eigenen Peer-Group – für immer. Es gibt kein „Meine beste Freundin ist jetzt mit meinem Ex zusammen.“ Sowas funktioniert nicht. Es gibt höchstens ein „Meine Ex-Beste-Freundin ist jetzt mit meinem Ex zusammen.“
Abends sehen wir uns und ich spreche ihn auf die SMS an. Natürlich tue ich das, in einer Beziehung spricht man sich doch auf die Dinge an, die einen beschäftigen. So ganz nebenbei, während ich das Geschirr spüle, das nie mir gehört hat, eine Leihgabe meiner Mutter ist und sowas von hässlich, dass ich froh sein werde, sobald ich es durch knatschbuntes IKEA-Geschirr ersetzen kann, von dem meine Mutter sich vermutlich übergeben müsste.
Er lacht. Und mit seinem Lachen fällt und zersplittert der Teller, um der Wahrheit ihren Platz zu gewähren.
Herzinfarkt — wegsterb… mach sowas nicht nochma hörst du?!
Beim nächsten Mal kennzeichne ich, dass es eine Geschichte ist :D
Das habe ich nicht verstanden.
Was, zum Teufel, ist denn nun die Wahrheit?
Ich dachte wirklich erst, Dir wäre ein Vogel vor die Scheibe geflogen und hätte sich’s Genick gebrochen.
@Hannah:
Also, das mit dem Geschirr ist ja wohl eine Frechheit…
@Chris:
Alles klar? Lebst Du noch?
Ich wiederhole: Es ist eine GESCHICHTE! Und zwar ohne biografische Elemente!
Und ich bin auch okay. :D Danke der Nachfrage :)
Aber es könnte ja eine wahre Geschichte gewesen sein…
Und wenn mein Geschirr schon eine Rolle darin spielt?