Früher hatte ich vor allen möglichen Dingen Angst. Während es heute Zukunfts- und Existenzängste sind, waren es früher „irrationale“ Ängste, die Eltern wohl gerne auf „das Kind hat zuviel Fantasie“ schieben, um sich an der Hoffnung festklammern zu können, dass sich das Problem als bald von alleine erledigt. Und seien wir mal ehrlich – in den meisten Fällen erledigt es sich tatsächlich von alleine und es ist eine dieser Situationen, von denen Erwachsene dir zum Zeitpunkt ihres Geschehens sagen „später wirst du darüber lachen“. Nein, liebe Erwachsene, in den meisten Fällen ist das nicht so. Viele meiner Kindheitsängste habe ich vergessen, aber die, an die ich mich erinnere, sind nicht zum Lachen.
Da ist der schwarze Schatten, der sich wie eine Hand aus Rauch oder aus Ektoplasma1 über meine mit kleinen, lachenden Dinosauriern tapezierte Wand bewegt und von dem ich einfach weiß, dass er noch immer irgendwo lauert und darauf wartet, sich um meinen Hals zu legen und unerbittlich zu zudrücken, bis ich elendig ersticke. Ich erinnere mich auch an das leise kratzende Geräusch, das aus der Decke kam und natürlich von dem Monster produziert wurde, das auf unserem Dachboden lebte und hungrig an den Dielen schabte, um sich einen Tunnel zu mir nach unten zu graben. Aber das Schlimmste, das wirklich beängstigendste an das ich mich erinnere, sind die Piraten, die unter meinem Bett lebten. Nicht nur, dass mir noch heute ein Schauer über den Rücken läuft, wenn ich an sie denke, ich erinnere mich auch bis ins kleinste Detail an sie. Es waren drei und auch, wenn man jetzt meinen würde, dass sie vermutlich alle bärtig und griesgrämig waren, ist das nicht der Fall. Einer von ihnen trug eine Augenklappe, unter deren Rändern die gezackte Narbe eines längst vergangenen Kampfes hervor lugte, der zweite hatte einen beinahe ganz roten Papageien bei sich, der drohend krächzte und wenn irgendwer je einen aufgebrachten Vogel erlebt hat, weiß er, wie gruselig das Geräusch ist und wie scharf dieser kleine Schnabel wirken kann. Der Dritte von ihnen war anders. Ein kleiner Schiffsjunge, fast nicht ernstzunehmen, wäre da nicht der Säbel gewesen, den er immer bei sich trug. Ich wusste, dass sie unter meinem Bett liegen, denn unter meinem Bett befand sich die Insel, auf der sie lebten. Eine Bilderbuchinsel: Nicht im Sinne von „exotisches Paradies“ sondern im Sinne von „wie sie in Kinderbüchern gemalt werden“. Ein goldgelber, kleiner Sandhügel mitten im Meer, eine einsame Palme, die leicht verloren wirkt und das grünblaue Meer, das nahtlos in den Himmel übergeht. Die Heimat meiner drei Piraten, die übrigens – entgegen meiner sonstigen Neigung, absolut jedes Wesen und jedes Objekt zu benennen – keine Namen trugen.
Wenn ich nachts in meinem Bett lag, kniff ich die Augen fest zusammen, achtete auf jede meiner Körperbewegungen und hielt vor Angst den Atem an, sobald einer meiner Füße sich auf den Rand des Bettes zubewegte, denn die Piraten waren nicht gefährlich. Zumindest solange nicht, solange sich meine Füße auf der Matratze befanden, aber sobald sie sich auf den Rand zubewegten, war die Gefahr groß, dass einer der Piraten seine Hand ausstreckte, sich meinen Fuß griff und zu sich unter das Bett zog. Es machte keinen Unterschied, ob ich Socken trug oder barfuß schlief – die Piraten waren da, sie warteten geräuschlos darauf, dass ich einen Fehler beging. Den einen Fehler, der mich aus der Welt, die ich kannte, entfernen und in ein Land katapultieren würde, das ich nicht kennenlernen wollte. Um nichts in der Welt.
Nein, liebe Erwachsenen, das ist wahrlich keine Kindheitsangst, über die ich heute mehr oder wenig zittrig und gespielt lachen kann. Die Piraten sind immer geblieben und sobald meine Füße sich auf den Rand des Bettes zubewegen, halte ich den Atem an und lausche, ob das Krächzen des Papageis die Nacht erfüllt und von ihrem Kommen kündet.

Mh, ich lache solange über solche Erinnerungen, bis ich mir die damaligen Gefühle in Erinnerung rufe (lass ich meist einfach). Damals war’s jedenfalls nicht lustig. Du hast einen neuen Text drin, passt iwie zu diesem Artikel :)
Ich musste im Haus immer die Treppe hochrennen, damit mich das Treppenmonster nicht mit seinen Händen festhielt und… zum Glück habe ich das nie erfahren!
Woa immerhin Aheadwork geht <3
Dabei fällt mir ein … 3 Piraten? Also, ich meine…3???
bei mir waren es kampfratten. die waren so groß wie kaninchen und haben in meinem kleiderschrank gewohnt – aber nur nachts! wenn wir zum abendlichen beten am bett gekniet haben [mama und ich oder papa und ich..], kamen die immer ein bißchen hinter uns aus dem schrank raus und hatten die absicht, mich in die hacken zu beißen!! o_O wirklich furchtbar, ich mußte mich andauernd umgucken, über monate. ^^
diesen schrank gibt’s noch, das zimmer ist aber nicht mehr meins – insofern isses nicht mehr schlimm. :)
ot: ich würde in den kommentaren hier gern mal einen richtigen absatz machen können – beim schreiben mache ich das, ist es veröffentlicht, gibt es aber keine leerzeile.. ist das absicht? :)
@Konzertheld: Ich kann Erinnerungen und Gefühle irgendwie nicht trennen.
@Mone: Uh, ja, beim Treppe hochgehen fühlte ich mich auch immer unwohl und beobachtet. Aber dieses “Da ist was hinter mir” Gefühl ist bis heute geblieben :D
@Kathy: Ja, fiel mir dann auch auf :D
@rebhuhn: Komisch, Ratten kamen bei mir auch irgendwann noch. Da war ich so ca. 15 :D Allerdings hatte ich kurz vorher ein Buch von irgendwem gelesen, wo riesige Ratten drin vorkamen.
Das mit den Absätzen ist weitergeleitet :D
@rebhuhn: Wir haben uns das jetzt mal angesehen und ich glaube, wir verstehen nicht wirklich, was du meinst :D Eine Leerzeile ist im Kwellcode nicht machbar, aber Absätze fügt er ganz normal ein bei mir. Oo Wenn bei dir keine sind, mach mir mal nen Screenshot :D Dann versteh ich vielleicht eher, was du meinst.
danke für’s nachgucken, ich möchte tatsächlich leerzeilen haben… wie im artikel eben auch zwischen absätzen. wenn das nicht geht, ist es zwar schade, aber ok ;). die absätze macht ‘er’ ja schon..