Das Gute an Skandalen ist, dass sie immer zur rechten Zeit kommen. Es gibt keine Überpünktlichkeit und kein auf sich warten lassen. Das Fixerbesteck der Gehässigkeit ist alltägliche Routine. Und sobald man den Skandal wittert und wir das kalte Schütteln und Bibbern des Cold Turkeys endlich ablegen können, sind wir spätestens drei Handgriffe und ein paar Muskelzuckungen später auf dem Trip. Insofern muss ich meinen anfänglichen Satz vielleicht doch gleich jetzt schon revidieren bzw. umformulieren. Es gibt zwar kein zu pünktlich, aber es gibt ein Zuviel. Insofern ist Frau Käßmann – EDIT: die jetzt sogar zurückgetreten ist – ungefähr eine Woche zu früh betrunken Auto gefahren. Wir sind alle noch mittem im Helene-Trip.
Keiner hat die Chance verstreichen lassen, v.a. die Social Networking-Orchidee Twitter ist in der Causa Hegemann zu Hochformen aufgelaufen. Natürlich habe auch ich anfänglich schön mitgekotzt. Zu groß die Versuchung auch mal verbal nach dem Sündenbock zu treten, mitzubekommen, sich über ihre affektierte Selbstinszenierung bei Harald Schmidt lustig machen, aber viel wichtiger noch: Zu wissen, dass sie es nicht allein geschafft. Mit 17 Jahren ein Buch geschrieben, dass auf den Bestsellerlisten landet. Gott sei Dank hat sie abgeschrieben! Ohne Strobo, das Originalwerk, wäre ich persönlich aufgeschmissen.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Was Helene gemacht hat, ist scheiße, falsch und vor allem Diebstahl. Klar. Das ändert aber nichts daran, dass Ich, Du, Er, Sie und Es überhaupt nicht aus dem Arsch gekommen sind, dass wir uns mit Kurzgeschichten vergnügen und wissen, “Ach ja, wir warten noch auf die Lebenserfahrung. Das kommt alles schon.” Aber nein, es kommt nicht. Es ist nicht vor der Tür, es liegt nicht in uns, Schriftstellertum ist kein Projekt, das sich sukzessive zu erkennen gibt, kein 3D-Bild, das man über fünf Jahre fixieren muss, dann ein paar Schritte zurückgehen und aus dem Nichts ergeben sich plötzlich neue Muster. Es ist das simple Machen. Ganz einfach, Klischee. Insofern macht man sich nicht wirklich über Hegemann lustig, sondern über das eigene Unvermögen. Ein Großteil von den Bloggern hat doch Bock drauf, schriftstellerisch aktiv zu werden. Manche sind es, und strobo ist ja das beste Beispiel, viele tun es tatsächlich. Aber diese Leute beschweren sich nicht so laut und medienwirksam häufig wie Ich, Du, Er, Sie und Es. Vor allem aber nicht so gehässig. Insofern bleibe ich meiner “Warnung” treu.
Abseits davon sollte man folgende Frage stellen. Wenn Hegemann das Buch geschrieben hätte, in der jetzigen Form und an den entsprechenden Stellen die Zitate markiert hätte1, wäre das nicht eine schöne Form der Ehrerbietung gewesen? In der Musik und im Film passiert das andauernd. Rap basiert auf Samples, kleinen Liederstücken, Breaks. Es ist das Zusammensetzen von bekannten Strukturen in ein neues Gewand, wie z.B., um musikalisch nicht auf einem Bereich fixiert zu bleiben, bei “Smack my Bitch up“.
(nachtrag) Im Filmbereich ohnehin. Ungefähr jeder heutige Film hat mindestens eine Reminiszenz an vorherige Filme, Klassiker aus den frühen Tagen, die berühmte Psycho-Duschvorhang-Szene, Lisa Simpson als Zahnspangenmonster, das 1:1 von Tim Burtons Batman “abgekupfert” ist. Warum ist es da cool? Da sagt es ja auch keiner explizit. Das ist nämlich Film, da geht das. (nachtrag)
Warum geht das nicht in der Belletristik? Warum pocht man so sehr auf der eigenen Originalität? Das ist kein Vorwurf, das ist eine ernst gemeinte Frage. Ich finde nämlich keine schlüssige Erklärung dafür.
Wenn ich schreibe, erschreibe ich mir eine Welt und die gehört mir. Auch, wenn ich sie den Lesern zeige, bin ich mir immer bewusst, dass ich sie nicht teile, abgebe oder zur Verfügung stelle. Keiner wird diese Welt jemals so verstehen, wie ich sie verstehe und nur die wenigsten werden die winzigen Kleinigkeiten von Charakteren erkennen, die ich zu meiner eigenen Belustigung hinzugefügt habe. Und deswegen würde ich ausrasten, wenn jemand meine Worte klaut – weil es nicht einfach Worte sind, sondern weil es eine Welt ist, die ich erschaffen habe und das im Endeffekt .. für mich. Nicht für andere. Andere können sie lesen, aber niemals wirklich darin versinken. Wer meine Worte klaut, klaut meine Welt.
Ja, gutes Argument. Erklärt zwar nicht die Unterschiede zwischen Film und Literatur, aber das wolltest du wahrscheinlich gar nicht.
Weitere Frage: Warum so sehr festhalten an “deiner” Welt? Warum ist es ein Problem, wenn jemand anderes dich zitiert? Wie gesagt, nicht wie bei Hegemann, sondern mit Angabe, so wie in wissenschaftlichen Arbeiten.
Moderne Kunst funktioniert doch genau nach dem Prinzip: Ed Rusha malt ein Bild, schreibt ein paar Worte drüber, du gehst in die Ausstellung, schaust es an und interpretierst das komplett anders. Und das ist dann gut? Warum nicht auch so in der Literatur?
Das mit Film und Literatur oder Rap und Literatur – kein Plan. Ich kenn mich weder im Film noch im Rap aus.
Mh, ich fänds nicht wirklich problematisch, wenn mich jemand zitiert. “Problem” ist nicht das richtige Wort dafür. Ich fänds eher irritierend. Jeder schreibt doch seine eigenen Welten – was hat meine Welt in einer anderen zu suchen? Wenn der Zitierende das gern will .. Mei, oke. Aber irgendwie ist es seltsam und passt in meinen Augen nicht zusammen. Das ist, als würde man ein einzelnes Puzzlestück durch das eines anderen Puzzles ersetzen. Des passt nicht, außer man wendet Gewalt an.
Ein gemaltes Bild hat keine Worte, die dafür sprechen und sagen “Hey, guck mal, die Vase, die da auf dem Tischchen steht, die steht für den Uterus meiner Mutter und die verwelkten Blumen zwischen den frischen – das sind meine gestorbenen Geschwister”. Ein Bild “zwingt” dazu, Worte zu finden, weil Menschen in Worten leben. In Sprache und so.
Mich regt dieser Textdiebstahl überhaupt nicht auf, finde es sogar Vortschrittlich. Kunst, bzw. kreative Werke leben vom rezipieren. Da es dabei schlichtweg um Weiterentwicklung geht. Wie ichgehschlafen schon sagt, ist es üblich in jeder Art von Kunstrichtung Dinge zu benutzen und Diese zu neue Dingen kneten, formen, mixen etc..
Tarantino Filme hätte es nach Hannah’s Vorstellung gar nicht gegeben. Und das Tarantino mit seinen Filmen seine eigene Welt voller Zitate erschaffen hat, ist nunmal Fakt.
Somit verstehe ich dieses mein Text, mein Buch, meine Welt Ding einfach nicht. Oder sollen wir demnächst prüfen ob schon jemand ein Patent auf diesen Satz hat?!
Ein Prosa-Text, eine Kurzgeschichte oder Erzählung malt ein Stimmungsbild mit Worten. Wenn Hannah schreibt “die wenigsten werden die winzigen Kleinigkeiten von Charakteren erkennen, die ich zu meiner eigenen Belustigung hinzugefügt habe” dann kann ich das sehr gut verstehen. Auch ich baue sehr kleine, manchmal sehr böse Lächel-Sequenzen in die Charaktere meiner Protagonisten ein, die nur mich immer wieder zum Kichern bringen, weil nur ich sie wiedererkenne.
Ein Zitieren im Sinne des von mir mit Worten gemalten Bildes ist in Ordnung, á la “im Salinger’schen Sinne” oder so etwas. Oder auch das Übernehmen und Ausbauen bzw. Anpassen von Formulierungen – wobei auch hier: Nur als Idee, nicht wörtlich.
Aber alles, was darüber hinausgeht, empfände ich wie einen nicht gewünschten Griff in meine Unterhose. Stillos, ätzend, einfach argghhh…
@Alex: Das stimmt so nicht. Hannah hat explizit von Literatur gesprochen und Filme (und Rap >.<) ausgeklammert. Ansonsten sprichst du das an, was ich meinte: Die Frage nach der Urheberschaft und wie wichtig das genau ist.
@Georg: Okay. Das mit den sehr feinen Nuancen, das macht wohl jeder Künstler/Schriftsteller/Regisseur/Drehbuchautor. Ist die Kunst aber nicht viel mehr, loszulassen? Und ich will nicht auf marktwirschaftlicher Ebene diskutieren (da spielt die Frage nämlich eine viel größere Rolle, man will – legitimerweise – Geld sehen), sondern vom Prinzip her. Warum an “meinen” Gedanken festhalten? Wenn ich ein Buch von Foer lese z.B., dann sind das ja auch nicht meine Personen im klassischen Sinne, aber durch das mehrmalige Lesen wird es eine Person, die “ich” zu kennen glaube etc.
@Alex: Ich sagte ja schon, dass es nicht um Worte geht. Es geht um ein Konstrukt, das man baut. Ein Satz kann je nach Kontext völlig unterschiedliche Bedeutungen haben. Deswegen muss man ja z.B. für wissenschaftliche Arbeiten erst ab drei Worte aufwärts ein Zitat kennzeichnen.
@ichgehschlafen: Dadurch, dass es eine Person wird, die du zu kennen glaubst, ist es bereits eine Person, die so nicht von Foer konzipiert wurde. Du wirst niemals, niemals, niemals die Person kennen, die ein Autor erschrieben hat. Das ist unmöglich. Du wirst immer nur das kennen, was du darin siehst. Was auch wieder zeigt, wie unmöglich dieser Diebstahl war: Wie willst du etwas “zitieren”/weiterverwenden, wenn du seine Essenz gar nicht sehen kannst. Das kann ja nur schief gehen und wirkt im Endeffekt lächerlich.
Hannah, genau das finde ich eben nicht relevant. Wie gesagt, wir diskutieren hier nicht über Hegemann, sondern um Interpretation. Es ist vollkommen egal, ob Foer Oscar so konzipieren wollte, wie ich das wollte. Das passiert ja nirgends. Darum ist es ja nur wichtig, was ICH da rausziehe. Aus dem Grund finde ich es nicht weiter tragisch.
Aber immerhin verstehe ich jetzt das dahinter liegende Argument. Das Bashing finde ich dennoch hart übertrieben.
Weil das in Filmen durchaus Anspielungen sind, bei denen man davon ausgeht das der_die Rezipien_in diese bestenfalls erkennt und es der Sache zu gute kommt…
Würde jetzt aber jemand einfach ein unveröffentlichtes Stück (bzw nur sehr wenig bekannten Menschen) der Beatles oder Pink Floyd einfach zwischen all seinen anderen Tracks auf einem Album veröffentlichen, dann wäre so mancher Mensch vermutlich auch (und meiner Meinung nach zu Recht) empört…
Immerhin ist das so in der Form keine Art der Ehrerbietung, sondern einfach das sich an anderen bedienen.
äh… und ich würde differenzieren zwischen kopieren und zitieren und intertextuellen Bezügen eines Textes wie zB in Goethes Werther: die Szene in der Lotte und Werther miteinander lesen… sie strotzt von Intertextualität und Anspielungen, aber kopiert nicht….
und wenn kopiert wird, ist halt die Frage: wieviel muss ich kopieren, und wieviel ist dann letztendlich noch mein eigen? und wenn ich in einem so großen Maße kopiere würd ich halt zumindest die Urheberschaft zur Diskussion stellen und zwar im Sinne der klassichen DIskussion “Wer/was ist ein_e Autor_in”…
Bin mit @ichgehschlafen absolut d’accord. Da ein Jeder auch Geschriebenes selbst interpretiert und eigene Verbindungen zu seinem Roman, Charakter, was auch immer strikt. Finde ich es gerade in der Belletristik unabdingbar sich zu öffnen. Da ich mir Remix meiner Lieblingsbücher von einem meiner Lieblingsautoren wünsche. So wie z.B. Nick Hornby’s – Hotel New Hampshire
@Alex: Das was du als fortschrittlich bezeichnest, hatten wir vor ungefähr 1000 Jahren schon mal. Eine Manuskriptkultur, ohne festen Autorenbegriff oder -verständnis. Wenn ein jeder sich das nimmt, was er gerade mag, etwas darum baut oder seine eigenen (vlt weniger geistreichen) Gedanken mit dem Ausformulierten eines großen Denkers schmückt, na wow – dann haben wir mal so eben 600 Jahre Autorenkultur über den Haufen geworfen. Schließe mich da voll Hausschuh, Hannah und Georg an
@Alex
Shame on you, mann. Hotel New Hampshire ist auch von meinem Lieblingsautor, der allerdings nicht Nick Hornby, sondern John Irving heißt.
JOHN IRVING.
Wenn du es nicht glaubst, können wir gerne Daumencatchen drum machen.
Mann.
@B Shame on you. Du verstandest Alex Einwand nicht. ;) Er will den Inhalt seines Lieblingsbuches (Hotel New Hampshire) von seinem Lieblingsautoren (Nick Hornby) adaptiert haben. ;)
@chris
In der Tat. Shame on me. Ich bin aber auch betrunken. Ich finde einen Mix aus Stephen Fry und Harry Mulisch wäre toll.
Ich gehe mich dann mal schämen. Gleich da hinten. Neben den Mülltonnen.
Mann.
Grundsätzlich: Das Letzte was ich wil, wäre eine Lagerbildung. Finde es nur spannend, das alles mal durchzuargumentieren und schauen, wo man am Ende rauskommt.
@Chris: Ich glaube das, auf was Alex und ich mich beziehen, nennt sich literaturtheoretisch “Tod des Autors” und ist sehr stark poststrukturalistisch. Das wusste ich nicht, finde ich aber sympathisch, weil es zugleich auch mein Argument ist. Die These, die ich vertrete, ist in mir, weil ich ohnehin mit der Kultur verwoben bin. Es ist scheißegal, ob Foucault oder Barthes’ oder meinetwegen Person X aus den Banlieues poststrukturalistische Gedanken als solche artikuliert hat. Es ist aber da und es spielt keine Rolle, von wem die Initialzündung ausgeht. Das ist natürlich ein wenig zu philosophisch und zu sehr vom Thema weg jetzt, aber verdeutlicht trotzdem meinen Punkt.
Auf das Thema bezogen heißt es: Solange alles klar und deutlich gemacht wird (das passierte weder bei Hegemann, noch in der Bibel, Stichwort Kopisten), habe ich kein Problem damit, sondern im Gegenteil: Ich habe meine Reibungspunkte eher mit der anderen Seite, dem Autorenkult. Irving wäre nicht unbedingt der Irving, der er jetzt ist, wenn er nicht Irving hieß. Das wäre übrigens dann für mich auch eine andere Form von Demokratie. Sich nicht vor das nächste Buch von Irving/Charlotte Roche zu setzen und voll Vorfreude/Ekel mit dem Lesen beginnen. Das ändert alles nichts an der quasi-unerreichbaren Qualität von Büchern à la Garp. Aber an der Art der Konsumtion. Äh, ja.
Im Film stößt mir persönlich etwas abgekupfertes nicht so übel auf wie in Büchern. Ein Buch hat für mich immer auch etwas künstlerisches. Ein Film eher nicht, weil er mich unterhält. Von einem Buch erwarte ich mehr. Vor allem interessiert mich da auch der Autor mehr und seine Sicht der Dinge, seine Art zu schreiben. Beim Film ist mir das relativ egal.
Warum ist die Käßmann überhaupt zurück getreten? Wenn die glauben würden, was sie “predigen” dann bräuchte da keiner zurückzutreten. Nobody is perfekt. So ähnlich steht’s auch in der Bibel und da wird einem vergeben.
Ich glaub, die hat da ein Statement zu abgegeben, das auf SPON verlinkt wurde. Hat wohl damit zu tun, dass sie das nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren kann. Alice Schwarzer hat sich da jetzt zu Wort gemeldet und irgendwas darüber erzählt, dass es einem “Mann” verziehen worden wäre. Deutschland braucht auf jeden Fall mehr “neue FeministInnen” in der Öffentlichkeit.