Allein

Allein

Der Vollmond leuchtet in mein Zimmer hinein, es ist mitten in der Nacht und hätte ich es mir nicht abgewöhnt, eine mit leuchtendem und funktionierendem LED Display ausgestattete Uhr neben meinem Bett stehen zu haben, wüsste ich sogar, wie viel Uhr es ist.

Das Geräusch des Stiftes, wie er über den Papierfetzen gleitet, der als einziger in Reichweite war, erinnert mich an “alte Zeiten”. Alte Zeiten, die nicht automatisch besser waren, nur weil sie so genannt werden. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt mit einem Stift geschrieben habe und dieses Unwissen bringt ein Chaos in meine Gedanken, das vorher auch schon da gewesen ist – der Glaube, dass nur der Stift es verursacht hat, ist angenehmer, als sich einzugestehen, dass da viel mehr ist, was für Unordnung sorgt. Heute zählt nur noch der Computer. E-Mails, Messenger, soziale Plattformen. Die virtuelle Welt, die den Stift gierig verschlungen und in eine Tastatur gewandelt hat, die wesentlich weniger Aufmerksamkeit fordert, als das Tintengerät. Nur selten ist meine Hand noch gefordert; vielleicht bei einigen Klausuren, die pro Frage fünf bis sechs Sätze als Antwort verlangen, die meine Finger bereits verkrampfen lassen, weil das Halten des Stiftes zu ungewohnt ist und die Buchstaben schwerer zu malen sind, als man es erwarten würde. Der Computer muss da einiges zu tun haben, so schnell, wie er Worte zeichnet.

Ich mag die Vorstellung, gerade nicht die Einzige zu sein, die schlaflos in ihrem Bett liegt und Nonsens schreibt, dabei ist es genau das, was mich viel zu oft zermürbt. Milliarden Erdenbewohner und die absolute Unmöglichkeit, etwas zu tun, zu denken und/oder zu schreiben, was nicht bereits millionenmal getan, gedacht und/oder geschrieben worden wäre. Was gäbe es schon, womit ich mich hervortun könnte. Womit ich beweisen könnte, dass ich nicht Eine von Vielen bin, sondern einfach nur Eine. Wenn ich ein Buch schreibe, wird es so sein, wie tausend andere Bücher. Die Charaktere werden anderen ähneln, die Sprache wird meine sein und zugleich die von allen und das Buch … Das Buch wird schon gelesen sein, ehe es geschrieben wurde.
Doch in der Nacht, wenn alles ruhig ist, ist es solch eine Überlegung und das Gefühl der stärkenden Masse im Rücken, statt der atemabschnürenden Masse vor der Brust, die Trost und Wärme spendet.

Vielleicht genug Wärme, um die Eisblumen tauen zu lassen, die nicht der Winter auf meinem Fenster, sondern die Zeit auf meinem Herzen zurückgelassen hat.


  1. Soll mir der Beitrag sagen, dass du heute mitten in der Nacht auf warst und handschriftlich an unserem nahenden Erfolg gearbeitet hast? *hibbelig*

  2. wenn die bestaerkung dieses gedankens es schafft, die entmutigung desselben zu schmelzen, werden bestimmt auch die eisblumen bald aufgetaut sein. :)