Weh tut’s trotzdem.

3. März 2010 • Kategorie: Politik • Kommentare: 3
Weh tut’s trotzdem.

Ich gehöre gerade (und die letzten Tage auf Dauerschleife) Cinnamon Chasers. Ich erwähne das deshalb, weil ich denke, es ist wichtig zu wissen, dass ich nicht mit Tollwutfratze vor dem Bildschirm sitze, während ich diesen assoziativ zusammengefügten Patchwork-Text niederschreibe. Anlass dafür ist der Beitrag, den Wenke gerade auf Amy&Pink gepostet hat1 und in dem der Satz fällt, dass es “out” sei, von Türken-Kids mit Schneebällen beworfen zu werden.

Man muss wissen, dass sowas meine Beißreflexe anspricht. Gefühlte 1000 Diskussionen über ein leidiges Thema, das einfach nicht verstummen will. Die immer gleichen Vorbehalte, die immer gleichen Argumente und Standpunkte, festgefahrenen Fremdscham-Momente und Streitigkeiten. Die Schritte nach vorwärts sind so selten, dass ich Angst habe, gleich gibt es wieder eine gekonnte Flick-Flack Einlage nach hinten. Mühlen, die noch langsamer mahlen als Vater Bürokratie. Warum also Öl ins Feußer gießen und sich über eine, so nehme ich an, unbedachte Formulierung echauffieren?

Aber genau das ist ja das Skandalöse. Dass ich mich so fühle, als ob ich Öl ins Feuer gieße, nur weil ich eine meiner Meinung nach legitime Frage in den Raum werfe. Warum ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Personen Türken waren? Und bitte, mir geht es hier nicht darum, Wenke Rassismus zu unterstellen, nicht um sie als Person, sondern um ein Prinzip, das dahinterliegt und so allgegenwärtig ist, dass es auch auf jedem anderen Blog hätte stehen können.

Ich weiß nur zu gut, wie Beleidigungen funktionieren. Man sucht sich die vermutete Schwachstelle des Gegners aus und fängt an, diese mit Verbaltritten so lange zu malträtieren, bis man das ganze Blut nicht mehr sehen kann.2 Interessant ist folgender Gedanke: Ich habe noch nie (!) gesehen, dass man sich über einen Deutschen aufgeregt hat, der pöbelnd durch den Club läuft und in betrunkener Art und Manier Leute an sämtliche Wände schubst, indem man sich auf seine Nationalität beruft hat. Warum denn auch? Man hat 100.000 Gegenbeispiele. Da kommt es keinem in den Sinn. Obwohl es so viele gibt. Ich alleine kenne mind. zehn, die keine Berührungsängste haben und auch ab und an gerne provozieren und alles sind Studenten, die meisten Deutsche,  mit einem gutbürgerlichen Hintergrund. Aber scheißegal, ja. Sind das halt Deutsche. Was interessiert mich deren Pass? Sollte man meinen.

Bei Ausländern ist es nicht so. Zumindest nicht bei den Ausländern, die als scheiße gelten. Türken, Araber, Moslems, “Parallelgesellschaftler”. Das kann man ruhig so formulieren. “Wir”, “die Türken”, gelten als scheiße. Dieses Gefühl der Dämonisierung ist so omnipräsent, dass selbst ich manchmal Angstzustände bekomme, wenn ich an einer Gang vorbei gehe, die ausländisch aussieht. Aber was zur Hölle ist das schon, ausländisch aussehen? Ein Bart, eine Cordon-Sport Jacke? Bushido-Musik? Alles nur Klischees? Ja, alles nur Klischees, nicht mehr. Beispiel:

Geht mal zu einer x-beliebigen Person und spricht mit ihnen über Türken. Ich garantiere euch, dass entweder a.) jede Menge spastische Handbewegungen und “Isch schwör, voll krass”-Sätze folgen oder b.) eine Debatte darüber stattfindet, dass man ja wohl erwarten könne, dass… Kultur annehmen … Ehrenmord… Tragödie… Berlin-Kreuzberg.

Insofern ist der Verweis darauf, dass die schneeballwerfenden Menschen Türken waren, ein Klischee. Eigentlich nicht weiter schlimm, wenn es nicht so ein bedauernswerter Gesamtzustand wäre, das eigene Unvermögen auf andere Schultern abzuwälzen. Denn wenn man differenzieren würde, sehen, dass es nicht  an der Nationalität liegt, sondern an Zusammenhängen, die Synergieeffekte erzeugen, hinterfragen, warum es denn im eigenen Kopf “immer die Türken” sind, etwas reflektierter mit Bedenken umgehen, die von den “Hey-Du-Bist-Aber-Gar-Nicht-So-Scheiße-wie-die-Anderen-Türken”-Türken3 kommen, dann hätte man keinen Grund mehr, Nationalitäten in Sippenhaft zu nehmen.

Und natürlich sind mehr Ausländer krimineller. Keine Grund für verwunderte Gesichter. Mehr Ausländer kriegen auch keinen Job und mehr Ausländer leben in ärmlicheren Verhältnissen mit Eltern, die aus erzkonservativen Gegenden gekommen sind, hier keinen Fuß auf den Boden setzen konnnten und deshalb in ihre “Kultur” geflüchtet sind, was in der Folge dazu geführt hat, dass ihre Nachkommen noch stärker an einem Land festhalten, dass sie überhaupt nicht kennen. 6 Wochen im Jahr in der Türkei, aber der große Verfechter sein, klar. Wie auch immer, es hat alles seine Gründe und in den meisten Fällen hat es schlicht und ergreifend nichts mit der Nation zu tun. Siehe Dominik Brunner, der wurd nicht von Türken zu Tode getreten. Wenn das passiert wäre, dann wäre hier aber der Punk abgegangen. Ich höre immer, dass Japaner sich doch so gut integriert hätten und Deutsch reden. Keine Ahnung, weiß ich  nicht. Meistens sind das dann auch die Leute, die sich über die Ausspreche des Asiaten beschweren, der ihnen gerade das Essen zubereitet, aber das ist was anderes. Ich weiß nicht, wann die ersten Asiaten nach Deutschland gekommen sind. Aber in der Mainstream-Geschichte ist erstmal nur von Mittelmeerländern und der Türkei die Rede. Das heißt, man kann die Situation nicht vergleichen. Denn 1950 war Deutschland anders als heute, so viel ist sicher.

Bottom Line: Ich verstehe irgendwo, dass solche Sätze nichts mit Rassismus zu tun haben, ich glaube auch, dass es harmlos ist und eventuell nicht böse gemeint. So wie sich die meisten ganz gerne über das Unterschichten-TV lustig machen, Leute, die sich bei DSDS gerne bis auf die Knochen blamieren. Das ist alles eine Schiene, da steckt nicht wirklich eine Ideologie dahinter.

Aber wenn es einen direkt betrifft, dann tut es trotzdem weh. Denn, um es in Cartmans Worten zu sagen: It’s wroooong!


  1. Aloha,

    aaalso um nur in Kurzform darauf einzugehen: Ich finde absolut nicht das man dies auf Türken verallgemeinern kann. Ebenso wenig auf allgemein irgendwelche Ausländer. Wir haben mindestens – oder eher mehr – genau so viele Idioten unter den Kindern oder eher Jugendlichen deutscher Eltern. Wenn ich mir alleine immer wieder ansehe was zB. hier im Saarland für “Gesox” (Sorry) in Bus und Bahn fährt, wird mir schlecht.

    Es müssen ja auch nicht immer Schneebälle sein, es kann genau so eine lautstarke – für sie ganz normale – Diskussion quer von einer Seite des Busses zur anderen sein, wie man die Freundin von irgendeinem Typen findet, wie gerne man diese mal “slamen” (oh Backe) würde oder wie viel diese Spacken am Wochenende gesoffen und gekifft haben um auch noch ihre letzten nicht verblödeten Gehirnzellen im Rausch zu ersticken.

    Sowas geht mir auf die Nüsse. Ganz egal ob Türke, Russe, Polen, Nigerianer oder Deutscher… es nervt, es ist blöd und ich kann’s nicht ab.

    Was ich allerdings beachtlich finde ist, dass mir noch nie ein Asiat irgendwie zu nah kam oder in der Öffentlichkeit auf den Nerv ging!

    Viele Grüße,
    Andi

  2. Ich kenn da so einen. Immer wenn er betrunken war, hat er seine Faust geballt und dir volle Kanne in die Eier geschlagen. So richtig mit Schmackes. Danach ist er wieder versteinert und hat 5 Minuten später “Echte Männer wären nicht eingeknickt” gerufen. :D

    Und was zur Hölle heißt “slamen”? Schlagen oder Ficken? Wobei jmd. ficken ja auch “schlagen” sein kann, insofern hebt sich das wohl auf.

  3. Ich denke da ging’s eher um den GV als um Freefight. Wobei mich gerade bei diesen Spacken der GV auch nicht als Freefight wundern würde. Naja. ;)

    Viele Grüße,
    Andi