Es gibt diesen Moment im Leben, da schaust du deinen Vater/deine Mutter an und siehst in ihnen nicht mehr die bewundernswerten Retter in allen vergangenen und noch zu kommenden Dreckssituationen, die du in Hülle, und glaube mir, in Fülle erleben wirst, sondern zwei gebrochene Menschen, denen du, mit jeder Hilfestellung, die du von ihnen abverlangt hast, ein Stück Lebensenergie geraubt hast. Dann stehen sie nicht mehr vor dir und spendieren Runde um Runde das Zahnpasta-Siegerlächeln frei Haus, sondern sie sind geknickt und, was das Schlimmste ist, mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.
Und dieser Knick ändert alles: Du verabschiedest dich, ganz ohne Handkuss. Du emigrierst tief in dich hinein, fängst an zu suchen, irgendwo in dieser Stille, in diesem Nichts muss es doch einfach einen Halt geben. Du findest nichts. Egal wie sehr man es bräuchte. Sich selbst was vormachen, man sollte das als Überlebensprinzip in die Grundrechte-Charta aufnehmen. Artikel 1: Jeder Mensch hat das Recht, sich etwas vorzumachen. Anders erträgt man das Leben nicht. Wir geloben feierlich, dieses Grundrecht aller Menschen als solches zu akzeptieren und unseren Mitmenschen nicht mit der Moral unseres Zeigefingers auf die Nerven zu gehen.
Dieses ganze Selbstbewusstseinsding, die größte Verarschung Deines Lebens. Spiegelstadium, eine Farce. Du schaust dich an und merkst, Hey, mich gibt es mindestens zwei mal. Die Franzosen haben das auf den Punkt gebracht und unterschieden zwischen je und moi. Du wirst nie dahinter kommen, wie dich andere sehen, dieser fremde Mensch, das bist niemals du. Diese fremde Stimme auf dem Tonband, niemals du. Fickt euch. Das-bin-nicht-ich und damit Basta. Hinter deinen Pupillen, in dieser kleinen Öffnung der Iris, da hockt keine Seele, da ist höchstens verrottendes, vollkommen indifferentes Fleisch. Aber du weigerst dich das anzuerkennen. Du fechtest lieber den Kampf aus. Die Widerstände ertragen, in einem Moment die Welt in den Arm nehmen und sie im anderen mit Benzin übergießen zu wollen, den Elefanten in die Mücke zurück zu verwandeln, nur um sie dann mit der Fliegenpatsche noch zielgenauer treffen zu können.
Egal, ob du religiös bist oder ein fanatischer Pastafari, Gott war nie dein Dad. Wie denn auch, eine Einbahnstraßen-Kommunikation ist nicht gerade der beste Weg einer gesunden Vater-Sohn-Beziehung. So wurde dein Vater, deine Mutter zu deinem Ersatz-Gott. Dein ganzes Verhalten erklärt sich in Zu- oder Abneigung von zwei langsam ins Jenseits wesenden Körpern. Auf die du als kleines Baby zugekrabbelt bist, als sie durch die Tür kamen, während du bei deinen Großeltern vollkommen verzweifelt die Handynummer in dein Fisher-Price-Telefon eingegeben hast, aber leider immer nur Ernie und Bert rangegangen sind.
Dieser Knick, die kopernikanische Wende in der Selbstfindungsphase, ist das Grundthema des Hyperrealisten Ron Mueck. Seine Skulpturen sind Arbeiten von unfassbarer Präzision, penibel darauf bedacht, die kleinen Punkte, nur scheinbar nebensächliche Facetten, die man allzu gerne übersehen würde, zum Hauptgegenstand seiner Werke zu machen. Falls ihr aus München kommt, im Brandhorst-Museum findet ihr ein Werk von ihm. Wunderschön. Oder traurig. Je nachdem, wie man zum Leben steht.


In Deiner Logik steckt ein gravierender Fehler. Ich gebe zu: Wäre es so, wie Du es beschreibst, es wäre niederschmetternd, depremierend, ja, sinnlos. Aber Du siehst einen zu kleinen Ausschnitt aus dem Leben, solltest es im Zusammenhang sehen. Nein, ich korrigiere: Was Du sollst, ist allein Deine Sache. Aber Du könntest es im Zusammenhang sehen.
Zunächst einmal raubt das Kind den Eltern nicht Lebensenergie. Die Eltern schenken sie dem Kind. Raub setzt Vorsatz voraus. Eltern entscheiden sich zumeist aus freiem Willen für das Kind, eben, um ihm ihre Lebensenergie zu schenken. Also gibt es keinen Grund, dies zu beklagen. Vielleicht eine Verpflichtung, sich dem Wunsch der Eltern gemäß zu entwickeln? Nein, nicht einmal das. Dazu hängt viel zu viel vom Zufall, oder nenne es Schicksal, ab. Eltern lieben. Das ist ihr Motiv.
Ja, mit ihren eigenen Problemen sind sie beschäftigt. Wie auch sonst? Geknickt? Nicht jeder ist geknickt. Hinfallen ist schon in Ordnung, liegenbleiben nicht. Und ich glaube, es gibt mehr, die wieder aufstehen, als solche, die liegenbleiben. Sonst würde ja ein jedes Leben in die Resignation führen. Was zu beweisen wäre.
Die Beziehung Eltern / Kind bzw. Kind / Eltern ändert sich nie grundsätzlich. Sie verändert sich in der Form, daß z.B. aus einer typischen Papa / Tochter-Beziehung eine neue entsteht, die auf Augenhöhe stattfindet. Das ist äußerst interessant, spannend und erfüllt — ich kann oder mag nicht begründen, wieso — mit ungläubigem Stolz. „Die da… das ist meine Tochter.“ Total geile Sache, wirklich. Aber nicht mehr auf der, nun ja, etwas infantilen Ebene wie bei der Kindergarten-Theateraufführung damals. Und auch andersherum bleibt es so. So ziemlich der einzige Mensch, von dem ich mir auch mal sehr deutlich etwas sagen lasse, ohne gleich die Zähne zu blecken, weil ich mich angegriffen fühle, ist… jupps… meine Mutter. Aber freigeschwommen von ihr habe ich mich nun doch schon seit einigen Jährchen.
Wo der größere Zusammenhang bleibt? Ah, sry… der ist hier:
Das ganze ist eine Art Deal. Als Eltern schufst Du Leben. Das ist etwas sehr elementares, „Du pflant Dich fort“ ist wörtlich zu verstehen. Du reproduzierst Dich, wirst im Kind in gewisser Weise weiterbestehen, bist Teil des Astes, der einerseits zu einem Baum gehört, andererseits Zweige hervorbringt. Sprich: Du selbst bist nur ein Glied in der Kette. Was Du empfängst bzw. was Du rauben nennst, gleicht sich aus — so ist zumindest das prinipielle Konstrukt —, indem Du Dich (um bei Deiner Wortwahl zu bleiben) von der nächsten Generation, also Deinen Kindern, ausrauben läßt. Ich formuliere es lieber: Du empfängst das Geschenk der Liebe und Du schenkst diese Liebe weiter. Der Kreis hat sich dann geschlossen. Das ist der Sinn des Lebens.
Klingt das jetzt doof, schwülstig oder wie immer?
Tut mir leid. Ich empfinde so.
Wieso sollte es schwülstig klingen? Und grundsätzlich sehe ich es auch so, dass es wunderbare Seiten hat, sich freizuschwimmen. Aber dieser ersten Knick hat sich bei mir zumindest festgefressen. Was an sich nicht unbedingt negativ sein muss, aber da es hier ja auch um Ron Mueck geht und dessen Bilder auf mich so wirken – d.h. zwischen extremer Selbstfindung in positiver/negativer Art gleichermaßen – habe ich es in einem eher negativem Stil gehalten. ;)