All I need is one mic.
Die Zeit verfliegt, mein Optimismus ist ungebrochen und auch wenn ich bisher nur grundlegend weltverneinende Absichten in Schriftform verfasst habe – guter Humor ist dann doch das Vorrecht der Pessimisten – habe ich mir ein für alle mal in die Tasche lügen können, dass für mich alles gut wird. Trotzdem zittere ich heimlich. Wirklich, heimlich. Bis jetzt kam kein gemachter Mann zu mir und sagte “Hey, es ist okay, wenn du Angst hast, die haben wir alle”. Die Arbeitswelt ist auch nicht viel mehr als der gnadenlose Bruder der Werbewelt. Alles ist schön, solange man dafür hart arbeitet. Calvinismus reloaded.
Der Obdachlose um die Ecke hat vor 20 Jahren bestimmt nicht daran gedacht, dass seine Frau bei einem Autounfall sterben könnte, er über diesen Verlust nicht hinwegkommen kann und seinen Job verliert, weil er mit der Dreimonats-Trauerfrist, die dir seitens der Gesellschaft “gegönnt” wird, nicht zurecht kommt. 90 Tage, dann sollte man sich wieder integrieren. Auch andere Mütter haben schöne Söhne und Töchter. Dabei bin ich vollkommen ausgerastet, als meine Eltern mir damals einen neuen Wellensittich kaufen wollten…”Wir kaufen dir einen anderen Vogel”… Ich hab den Käfig weggeschmissen.
Aber wie gesagt: Meine Zukunft sieht anders aus. Ich hab viel zu viele Pläne gemacht. Länder, die ich noch nicht bereist habe, die Sicherheit, die ich spüren muss, mein Arbeits/Kinozimmer. Ich kann es mir nicht leisten, arm zu werden. Gut, dass ich mich gegen BWL entschieden habe: Ein bisschen Herausforderung und ein bisschen Seele soll schon noch vorhanden bleiben.
Meine besten Texte schreibe ich, wenn ich die zu schreibenden Wörter laut vor mich hinspreche, höre, was ich sagen will, höre, ob sich das richtig anhört. Es ist ja doch ein Unterschied, ob man denkt oder tatsächlich laut ausspricht, was in einem schlummert. Und das obwohl ich ein ungebremstes Plappermaul bin, das allzu offensichtliche Ereignisse mit ungebremsten Elan mitkommentiert – “Oh, ein Zeitungsstand”. Auf alle Fälle brauche ich keine To-Do Liste, ich brauch nur einen sichtbaren Begleiter. Gut, wenn das andere Menschen ähnlich sehen und mir einen Teil meiner Arbeit abnehmen.
Schade, dass man erst alles falsch machen muss, bevor man weiß, wie man es machen müsste. Und schade, dass man es dann noch mal verkackt, weil Situationen ja doch einmalig sind. Aber trotzdem ist man hier. Draußen scheint die Sonne. Und das bisschen unfruchtbare Erde ist es wert. Zum Glück sieht das nicht jeder so.

“Schade, dass man erst alles falsch machen muss, bevor man weiß, wie man es machen müsste. Und schade, dass man es dann noch mal verkackt, weil Situationen ja doch einmalig sind.”
Wirklich n gelungener und sehr wahrer Text. Eigentlich (ich will ja mal ehrlich sein) les ich deine Posts eher seltener, aber das wird sich jetzt wohl ändern… wird! ;-)
“Schade, dass man erst alles falsch machen muss, bevor man weiß, wie man es machen müsste. ”
Ich denke (leider viel zu oft), daß ich der König von Deutschland wäre (Zitat Rio Reiser), wenn ich das, was ich heute im Kopf habe, mit 30 Jahren schon gewußt hätte. Sehr müßig dieser Gedanke, aber er ist nun einmal da.
Andererseits: Ich sehe heute, in meinem Alter, die (nicht negativ gemeint) Naivität, das Idealistische, das Ungestüme, mit dem ich als 30jähriger neue Projekte, ja, meine ganze Zukunft angegangen bin. Heute, mit der zusätzlichen Erfahrung eines Vierteljahrhunderts, graut es mir im Nachhinein, sehe ich erst den vollen Umfang der Risiken, die ich einging.
Will sagen: Es ist gut, daß wir unsere Zukunft nicht kennen. Ich lese ja schon länger Deine Beiträge und finde das, was Du von Dir hier preisgibst, manchmal… strange. Ja, auch mal ein Anglizismus. Er trifft’s halt am besten. Ich denke dann “Wie kann dieser Typ so etwas denken?” Sehr befremdlich halt.
Aber eines ist mir gewiß: Du wirst Deinen Weg gehen. Auch, wenn niemand, auch Du, noch gar nicht weiß, wohin er Dich führt.
@Gefeha: :)
@Georg: Ich glaube, Fehler zu machen, hat was ganz Charmantes, wenn da nicht dieser Rattenschwanz an Konsequenzen wäre.