In letzter Zeit fahre ich extrem oft zum Flughafen. Bringe Verwandte hin, hole Verwandte ab. Meist bleiben sie nicht besonders lang, maximal eine Woche. Da ist die Beerdigung bereits seit mindestens fünf Tagen vorbei und sie haben der gesamten Dorfgemeinde die Hand geschüttelt, entweder am Familiengrab oder nach dem Totengebet in der Moschee. Wenn sie zurück kommen, verläuft die Autofahrt besonders ruhig. Dann stört es mich auch nicht mehr so sehr, dass mittlerweile nur noch drei der vormals zwölf Türschilder einen Namen tragen, mit dem ich ein Lächeln verbinden kann, eine kurze Konversation unter Nachbarn. So tun als ob, ein wenig öfter wäre nicht verkehrt. Ich schalte auf Autopilot, schließe meine Augen und übergebe die Kontrolle an 20 Jahre Routine.
Vorgestern saß ich wieder im Auto. Dabei ist es keine drei Wochen her, dass ich meinen Vater das letzte Mal vom Flughafen abgeholt habe. Dieses Mal fliegen aber auch meine Mutter und mein älterer Bruder mit. Ich bleib zu Hause.
Seltsam ist es, dass ich so viel gebacken bekomme seit Donnerstag. Feedreader mit einer unmenschlichen Zahl an Blogs erstellt und klassifiziert, Mode, Fotografie, Kunst, Blogs, Infoblogs, Musik, Will ich,… Nur den kompletten Nachrichtensektor musste ich gleich am nächsten Tag wieder entfernen, 1000+ Artikel im 13-Stunden-Takt ist … keine Ahnung, Irrsinn vielleicht. Ich bin joggen gegangen, vermutlich nach dem Blogeintrag jetzt gleich nochmal, obwohl die Waden brennen, aber warum sollte ich jetzt auf meinen Körper hören?, ich hab angefangen drei Bücher parallel zu lesen und mir seit vorgestern drei Filme und zwei Dokumentationen angeschaut. Die Küche und die Badewanne, beides sauber, auch das Geschirr ist gespült, getrocknet und wieder einsortiert, der Müll ist runtergebracht, die Einkäufe getätigt. die Betten gemacht, die Mittwochsausgabe der Zeit durchgelesen, zumindest Feuilleton und den Politikbereich, das Auto betankt: Nur die Tränen kommen nicht. An dieser Front bleibt alles beim Alten. Keine Tränen. Auch nicht, als ich mir gestern wieder ein Foto von ihr angeschaut habe.
Ich sitze zu Hause. Ablenkung wäre schön. Konfrontation bricht mich nur. Also entscheide ich mich für die Mitte, und das, obwohl ich Aristoteles verachte. “Ich flieg nicht mit. Ich will nicht sehen, wie meine Mutter weint.” hat er gesagt. Als Antwort habe ich ihm vier prallfülle Tüten übergeben. 20 Sesamsemmeln waren es, ein Bauernbrot, geschnitten, ein halbes Parisienne, ebenfalls geschnitten und für ihn ein Dinkelbrot, denn Weißmehl macht fett und mein Cousin Fitness. Dann sind wir zu meinen Eltern gefahren. Auch trauernde Menschen wollen essen.
Irgendwie bin ich froh, dass mein Handy nicht mehr so oft klingelt. Mittlerweile wissen alle Freunde, dass ich normalerweise im Stundentakt auf Facebook zu erreichen bin und sämtliche Telefonate, Skype-Sessions oder Abendplanungen im Anschluss daran geführt werden. In diesem Sinne bin ich jetzt freier als vorher. Ich gehe auf Facebook und schreibe nichts in die aufploppenden Chatfensterchen. Zieht ja doch nur Telefonate nach sich. Und ich will nicht reden. Mir reicht es zu wissen, dass ich reden könnte.
Da sind diese Menschen, allesamt nahestehend, mein Vertrauen in sie endlos, ihr Mitleid Verständnis grenzenlos, ihre Nachfragen besorgt, aber nicht drängend. Gerade jetzt klingelt das Telefon, ein Freund will nach Istanbul ziehen, weil er sich immer mehr von Werbung, als Arbeitsplatz, entfernt habe. Kein Wunder, sage ich ihm, die Agentur, in der er momentan noch arbeitet, hat sich die ganzen letzten Jahre einen Dreck um ihn geschert. Diese ganze als Masochismus verkaufte Selbstkasteiung bei Grinsegesicht, will ich weiterreden, aber dann vergeht mir die Lust und ich rede lieber über schöne Plätze zwischen Bosporus und Taksim-Platz.
Ich verkrieche mich nicht. Ich habe nur das Gefühl, dass jede Art gesellschaftlichen Beisammenseins unweigerlich aufgesetzt wirkt, komplett unabhängig von dem, was ich tue. Oh, er betrinkt sich, weil… Oh, er ist ruhig, weil… Man kann nichts tun, ohne dafür mit anderen Augen angesehen zu werden. Also tue ich gar nichts und bleibe in meiner Höhle. Das Licht, das mir meine Freunde schenken, spendet genug Wärme, um mich bei guter Laune zu halten.
(via Natasche Rosenberg)
ich wünsche dir stärke und alles gute!
Keine Worte, die du nicht schon kennen würdest.
Gibt es da eine Parallele? Man wird dermaßen zugemüllt mit Nachrichten, daß man das wichtige kaum noch mitbekommen kann. Und Du hast soviel Kommunikation. Ist das vielleicht “Management by Helicopter”? Viel Staub aufwirbeln, um das wichtige zu verstecken?
Entschuldige, falls ich damit Ungehöriges schrieb.
Kerzen, die an zwei Enden brennen, verbrauchen sich übrigens auch doppelt so schnell.
Nein, keine Parallele. Und danke für das MbHelicopter. Irre, was es so alles gibt. Ich glaube, MbCrocodile finde ich auch ganz amüsant.
“Feedreader mit einer unmenschlichen Zahl an Blogs”
Ich habe da, bitte, noch eine Frage. Ich weiß, daß es Eure Art der Kommunikation ist – die Welt der Blogs. Aber wenn Ihr soviele abonniert habt – lest Ihr die auch? Überfliegt Ihr sie zumindest?
Hintergrund: Mein eigenes Blog ist mittlerweile von ca. 65 Feed Readern abonniert. Aber sagt das etwas darüber aus, daß diese Leute mein Blog auch lesen? Oder muß ich Euer Verhalten eher so sehen wie gierige Sammler, die einfach alles, was sie bekommen, in die Tüte stopfen und diese löschen (auf den Müll werfen), wenn sie überquellen? Eine Art Messis der Kommunikationswelt?
@Georg
bei mir ist das so [falls ich auch antworten darf ;), obwohl ich schon 28 bin und das hier nicht mein blog ist ^^], daß ich auch sehr viele abos habe, die privaten blog-abos aber auch alle versuche, zu lesen. ich kommentiere auch recht viel [will halt überall meinen senf dazugeben ^^], überfliege aber zugegebenermaßen große blogs eher mal – und mit groß meine ich z.b. den bestatterweblog. kleine blogs, die jeden tag dreimal posten, abonniere ich nur, wenn ich sie wirklich total gut finde [also auch wirklich lese], das ist mir ansonsten zu stressig. optimal finde ich da eine postfrequenz von alle 1-2 tage, das geht gut auch mal aufzuholen. ich habe nämlich leider nicht jeden tag zeit, stundenlang zu lesen. fazit: je niedriger die postfrequenz, desto höher mein echtes lesen.
[ich glaube allerdings, daß es noch sehr viele leute gibt, die nicht über einen reader lesen - für die gelten natürlich andere gesetze. aber danach hast du ja auch nicht gefragt :).]
Ich für meinen Teil lese alle. Wenn man das im Stundentakt macht, dann ist das ohne Probleme machbar. Viele der Blogs verlinken ja auch oft Videos, Fotostrecken oder Kunstkrempel zum Durchklicken. Da ist man ohnehin schnell durch. Für den Rest nimmt man sich ein wenig Zeit.
mein problem mit dem durchaus auch von mir favorisiertem stundentakt ist ‘die arbeit’ tagsüber *g…
Alles Gute und du weißt, es wieder dir bald wieder besser gehen. Es braucht nur seine Zeit und solange ist es leider einfach nur blöd. Doch da kann man nicht viel tun, man braucht seine Zeit, da braucht man sich auch gar nichts vormachen.
Mir hat die Musik schon immer sehr geholfen. Ob sich sie selbst machte oder mir nur anhörte. Vielleicht hilft dir von den Toten Hosen das Lied Nur zu Besuch (http://bit.ly/bV5Cn5). Ich finde es sehr schön und es baut einen auf, auch am schlimmsten Punkt. Wenn auch nur Schritt für Schritt, nach und nach, sehr langsam. Aber es wird auch wieder weiter gehen, die Sonne wird irgendwann wieder scheinen!
Ja, Zeit. Der beste Freund im Einmannzimmer. Danke für den Link.
Das geht schon Kleiner, war bei mir nie anders. Ich habe auch 3-4 Jahre alleine in einem Zimmer vor mich hingelebt. Haben nur die Gitter gefehlt und dass meine zur auch nach Draußen führte. Hmm… Die Zeit heilt alle Wunden, nur braucht es sehr viel Zeit. Und wenn es dir mal scheisse geht, weißt du wer zu dir und dir zur Seite steht! :)