Reden wir doch ein bisschen über Konstruktivismus. Darüber, dass der Ton die Musik macht. Es sich besser atmet, wenn die Luft rein ist. Dass ein gutes Bühnenbild noch lange kein Garant für eine gute Performance ist. Kurz: Reden wir doch über die Türken in Deutschland. Warum? Ich habe diesen Kommentar von Claus Christian Malzahn gelesen. Der zentrale Fehler des Satzes liegt schon im ersten Satz: “Deutschland ist ein Einwanderungsland”, schreibt der Autor. Wenn man sich allein auf den Inhalt beschränkt, dann hat der Autor Recht: Seit dem 1. Januar 2005 gilt das Zuwanderungsgesetz. Was der Satz aber verschweigt – gewollt, ungewollt – ist der Umstand, dass die faktische Einwanderung bereits 1955 begann und spätestens seit 1973 als ein Problem (meinetwegen auch “als eine Herausforderung”) wahrgenommen wurde. Flexibilität ist nicht gerade das Alleinstellungsmerkmal der Bürokratie. Dennoch: Das ist 30 Jahre, sprich 1 1/2 Generationen zu spät. Und es sind genau diese 30 Jahre, die zu den jetzigen Umständen geführt haben. Deutschland ist nicht die USA, soviel steht fest. Die USA, das ist ein Einwanderungsland, kultureller Schmelztiegel, eine shining city upon a hill. Nicht Deutschland. Zumindest, was die Köpfe angeht, wobei es hier egal ist, ob damit deutsche oder türkische Torfköpfe ge(m)eint sind.
Der Vorschlag Erdogans1 nach türkischen Gymnasien in Deutschland hat eine bundesweite Kontroverse ausgelöst. Die zentrale Frage hierbei ist, ob ein solcher Vorstoß nicht die Loyalitäten der in Deutschland lebenden Türken in Frage stelle. Malzahn schreibt: “Zu wem gehören die Einwanderer in Deutschland? Wo liegen ihre politischen Loyalitäten?” Dieser Satz gewährt einen tiefen Einblick in die immer noch anhaltende Befremdlichkeit gegenüber den Türken. Für Menschen, die sich eine solche Frage ernsthaft stellen, ist die Frage nach politischer Loyalität ein gordischer Knoten, d.h. ein unlösbares Problem. Die Antwort aber ist denkbar simpel: Man kann sowohl zu Deutschland als auch zur Türkei stehen, gleichzeitig.2. Das wird aber gar nicht erst in Betracht gezogen. Stattdessen werden künstliche Gegensätze konstruiert. Komplett unnötige Entscheidungssituationen. Deutscher oder Türke, wer willst du sein? Und hier kommen wir auf die verlorenen 1 1/2 Generationen zu sprechen.
Die türkische Community ist nicht dumm. Sie nimmt am gesellschaftlichen Leben teil – mal mehr, mal weniger, mitunter auch so gut wie gar nicht – und informiert sich über die Rechtslage. Sie kriegt mit, was passiert. Dass Deutschland bis ins Jahr 2000 am “ius sangunis”3 festgehalten hat, das weiß man. Zumindest alle, die vor 2000 geboren sind. Waren beide Elternteile türkisch, dann müsse auch das Kind als Türkin auf die Welt kommen, so die damalige Logik. Die Discotür als unüberwindbare Hürde ist in den Gehirnen hier lebender Mitt-Vierziger eingebrannt. Die nicht abreißende Flut an Türkenwitzen. Du integrierst deine Mitbürger nicht, indem du sie nach Strich und Faden verarschst. Die Beispiele ließen sich seitenweise fortführen, sie würden auf diese eine Argumentation zulaufen: Das kulturelle Gedächtnis gilt auch für Migranten.4 Die Identität, die sich herausgebildet hat, ist eine der Entfremdung. Wir, die Türken, sind hier nicht willkommen, das ist der Grundtenor innerhalb der türkischen Community. Das wurde – und wird – in der Erziehung weitergegeben, 30 lange Jahre. Es wird auch heute noch weitergegeben. Natürlich ist das nicht das einzige Argument, die Lage ist noch verzwickter, aber da ich bereits eingangs erwähnte, ich wolle über den Konstruktivismus reden, belasse ich es bei der Ein-Argument-Schiene.
Diese Diversity-Debatte innerhalb Deutschlands, die besagt, dass jegliche Differenz erwünscht ist, ob Schwuler, Türke oder Frau, ist erstens ein Novum und zweitens noch lange nicht etabliert. Die Community kriegt also mit, dass türkische Bewerber bei der Jobsuche benachteiligt werden. Das bestätigt ihr Bild der Unwillkommenheit. Das Discoproblem ist noch lange nicht gelöst.5 Die Ablehnung vieler Türken beruht somit – meiner Meinung und Erfahrung nach – auf dem Zentralmotiv ihrer wahrgenommenen Identität. Dass Deutschland kein Einwanderungsland ist und sie, als Türken, hier nicht willkommen.
Aber von der Zeit als Hauptfaktor redet niemand. Davon, dass man nicht binnen fünf Jahren zum Einwanderungsland werden kann, wenn man hier ein Gesetz verändert und da eine Islamkonferenz ins Leben ruft. Davon, dass der jetzt aufwachsenden Generation vermittelt werden muss, dass sie in Deutschland leben können, sollen und dürfen. Ganz unabhängig davon, ob sie später zu einem konservativer Moslem werden oder zu einer Frau, die eine Burka tragen will. Die Islamkonferenz etc., das sind gutgemeinte erste Schritte, vielleicht sogar in die richtige Richtung. Sie bedürfen aber eines langen Atems, sollte eine ernsthafte Änderung erwünscht sein. Identitäten sind keine Blogeinträge, die man eben mal per Edit umschreiben könnte.
Hier Loyalitäten überhaupt ins Spiel zu bringen, das ist – mit Verlaub – die kurzsichtigste Option, da kann Deutschland nur verlieren. Denn der Grund dafür, dass Erdogans Polemik innerhalb der türkischen Community so wohlwollend aufgenommen wird, kann nicht nur damit erklärt werden, dass die Türken in Deutschland loyaler gegenüber ihrer “Heimat” sind. Es hängt auch damit zusammen, dass die Integrationsförderung in Deutschland erst seit kurzem ernsthaft betrieben wird. Und auch hier zeigen sich Anfängerfehler bereits in der Rhetorik: Da wird zuerst gefordert, bevor man im Folgeschritt zu einer Förderung bereit ist. Aber das ist im Grunde nur Makulatur.
Für viele Türken stellt sich die Frage nach Deutschland als Identitätsfaktor erst. Das beweist ein kurzer Blick in die Fußballwelt: Mesut Özil, Nuri Sahin und die Altintops sind die Vorreiter einer neuen Bewegung. Dass sie dafür mitunter angefeindet werden, zeigt nur, wie neu und ungewohnt dieser Gedankengang überhaupt ist.
In den USA gab es kürzlich eine Debatte über die Loyalität amerikanischer Juden. Ihnen wurde vorgeworfen, ihrer “Heimat” Israel verbundener zu sein als den Vereinigten Staaten. Diese Vorwürfe wurden medial in der Luft zerrissen. Daran zeigt sich dann auch der Unterschied; und natürlich auch, was ein Einwanderungsland ist. Fraglich ist, ob die Infragestellung der Loyalität innerhalb der türkischen Gemeinde einen solchen Protest nach sich ziehen wird. Für mich wäre das ein Pulsmesser für das proklamtierte “Einwanderungsland Deutschland”.
Sehr guter Beitrag, wobei ich ein wenig vor mich hinlächele, was den Integrationsgedanken betrifft. Und mir ein Beispiel von vor zwei einfiel bei diesen Zeilen:
Ich gehe regelmässig zu einer Ü30-Party, cooler Club, angenehme Musik und tolles Ambiente. Dort sind überwiegend Deutsche anzutreffen, aber auch Türken (und andere “Migranten”) gehen dort hin. Ich kenne viele von denen und ein paar Italiener und Türken zähle ich zu meinen sehr guten Bekannten. Jetzt ist so, dass die Türsteher “einen Blick” fürs Publikum dahingehend haben, wer “Zoff” machen könnte oder. “Diskutierende” Ausländer (und Deutsche!) kommen da nicht rein, um das gewiss gut zahlende Publikum zu verärgern.
Vor 2 oder 3 Jahren hatte die Clubleitung auch im Sinne der Gleichstellungs- / Diskriminierungs- Diskussion das EInlassprozedere zu lockern. Ich war an diesem ersten Tag auch dort anwesend und eine Menge mehr an Türken (und sehr vielen Italienern, beide Nationen sind in meiner Gegend sehr präsent…) tummelten sich im Club. Und was passierte? Genau jenes neue Publikum machte Ärger. Baggerte liierte Frauen, selbst wenn der PArtner direkt neben ihnen stand und um Unterlassung bat. Er scherte die nicht. Es wurde gepöbelt und ratz fatz waenr schon vor Mitternacht drei Prügeleien im Gange, weil die “Neuen” sich nicht an die Regeln hielten und meinten, sich wie “daheim” aufführen zu müssen. Traurig auf der einen Seite fand ich, wie diese Leute ihre Chance verspielten und lachen musste ich auch irgendwie, weil sich seit mehr als zwanzig Jahren nicht geändert hatte und die klassische Discosituation wie hier im Beitrag beschrieben immer noch besteht, nur die Akteure alle älter geworden sind … ;-)
Danke für den (langen, aber nicht langweiligen) Kommentar. Der Bereich der aktuellen Probleme – z.B. auch die erhöhte Kriminalität usw. – wurde explizit ausgespart. Nicht, dass ich mich davor verstecken würde, es anzusprechen. Ich wollte eher über die Identität reden/schreiben/berichten. Das nur als Klarstellung meinerseits.