Zweite Klasse

7. April 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 4
Zweite Klasse

Nebeneinander stehen wir auf dem beinahe leeren Schulhof. Deine schlanke Gestalt, die zu oft zwischen allen anderen untergeht und ich knubbeliges Etwas, das jetzt noch die Größte in der Klasse ist, aber nach der Vierten einfach zu wachsen aufhört und für immer die Kleinste bleiben wird.

Wir halten uns nicht an den Händen. Nur kleine Kinder halten sich an den Händen und gerade jetzt wollen wir das nicht sein. Ohne uns abgesprochen zu haben, gehen wir beide einen Schritt auf die drei Jungs zu, verstecken unsere Angst und warten darauf, dass sie uns bemerken. Es ist wichtig, dass sie uns zuerst ansprechen, wichtig, dass am Ende sie es gewesen sind, die angefangen haben und nicht wir.

“Was wollt ihr?”, könnte die Stimme eines kleinen Jungen über den leeren Pausenhof fegen, sie würde es tun. Stattdessen ist dort nur sein flapsiger, unbedeutender Klang. Die Lehrer nennen ihn frech. Wir hassen ihn.

“Hör auf so Sachen über uns zu sagen.”, zittrige Mädchenstimmen, die noch niemandem gewachsen sind.

Dann geht alles ganz schnell. Das Zittern war nicht nur in unseren Stimmen, es war auch in unseren Körpern. Es war die Art von Zittern, die man bei Kindern viel zu oft beobachten kann. Das pumpende Adrenalin, das durch die Blutbahnen rast und nicht mehr gestoppt werden kann.
Die Hand meiner Begleiterin schnellt vor, ihre dünnen, blonden Haare wehen im Gleichklang mit ihrer Bewegung, als ihre flachen Finger sein Gesicht treffen. Die ohnehin alles einnehmende Stille des Hofes wird noch lauter. Die Millisekunden ziehen sich zu Stunden, die Welt verlangsamt sich, mein Mund braucht Jahre, um vor Verblüffung aufzufallen.

Kein Schlag, der weh tut, aber einer, der den Stolz so sehr verletzt, dass er eine Reaktion erfordert, doch Mädchenbeine rennen schneller.

(Bild: Via)


  1. bei uns waren die jungs schneller. immer.

  2. ich habe auch so eine situation, allerdings habe ich in der unterlegen. schön – geschrieben.

  3. @Sumi: Ich glaube, die meisten Jungs bei uns waren einfach nicht motiviert genug, uns einzuholen, weil wenn der Schulhof so gut wie leer war, war auch immer jedes Spielgerät frei benutzbar :D
    @rebhuhn: Ich wäre allein sicher auch nicht halb so cool weggekommen :D

  4. In meiner Generation gab es ausschließlich geschlechtergetrennte Schulklassen, auch auf dem Gymnasium. War auch gut so. Denn wir schlugen niemals Mädchen. Egal, was die (uns an)taten. Ich habe bis heute noch nie ‘ne Frau geschlagen. Obwohl ich manchmal die Faust in die Tasche stecken mußte, weil ich bis zur Weißglut gereizt und provoziert wurde… Grübel… ach, ich glaube, ich bleibe für den Rest auch dabei… und laß mich einfach nicht mehr proholohozieren von den Mädel. Pffft… Mädchen sind doof. Echt. Hab’ ich immer schon gewußt.