Alptraum: Turnhalle

18. April 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 12
Alptraum: Turnhalle

(Bild: Via)

Das Kwietschen meiner Schuhe auf dem Turnhallenboden, die Mischung aus Schweiß, Linoleum und Holz in der Luft und das nagende Angstgefühl in der Magengegend – das alles werde ich nie vergessen und immer vor Augen haben, sobald ich eine Turnhalle betrete und ich kann mich nicht entscheiden, was ich am meisten gehasst habe. Vielleicht das Umziehen vor der Sportstunde – ich war meistens zu faul, um Sportschuhe einzupacken, also zog ich mich schon mit dem Wissen um, dass der Lehrer gleich wieder meckern würde. Peinlich genau achtete ich darauf, bloß kein Speckröllchen sichtbar werden zu lassen. Das Sportshirt anziehen, ohne das Straßenshirt auszuziehen. Schwierig, aber man entwickelt so seine Tricks. Die Hose wechselt man dann einfach so schnell, dass man nicht mal selbst dazu in der Lage ist, einen Blick auf seine kalkweißen Beine zu werfen, die einfach nicht braun werden wollen, während die anderen aussehen, als hätten sie Jahre in sonnigen Ländern verbracht – oder dem Asitoaster einen kleinen Besuch abgestattet, aber den Unterschied konnte ich damals noch nicht erkennen.

Beim Betreten der Halle dann stets dieselben Gedanken: Hoffentlich kein Zirkeltraining, das ist so anstrengend und ich bin viel schlechter als alle anderen. Und, oh Gott, bloß kein Gruppenspiel und wenn schon, dann bitte ohne, dass irgendwer zum Wählen abkommandiert wird und wenn dann doch jemand wählen muss, dann bitte, bitte lass es mich sein, dann werd ich immerhin nicht gewählt. Versteht mich nicht falsch, es geht hier nicht nur um die Angst, nicht früh genug gewählt zu werden – es geht genauso um die Angst, gewählt zu werden. Wurde ich nicht früh genug gewählt, fühlte ich mich ungeliebt. Das war für mich was ganz persönliches. Wer mich nicht wählte, mochte mich nicht. Der wählte mich mit Absicht nicht, nur, um mir weh zu tun. Genauso schlimm aber, wenn ich gewählt wurde: Das bedeutete schließlich nur, dass das Ziel – das Spiel, das gespielt wurde – näher rückte. Unaufhaltsam. Und ich war nie gut im Sport. Ich kann keine Bälle fangen, ich bin eher die, die kwietschend zur Seite springt und sich hinter jemandem versteckt. Ich kann auch keine Bälle werfen, zumindest nicht fest. Die von mir geworfenen Bälle landeten immer sanft in den Armen der Gegner, die es sich natürlich nicht nehmen ließen, meine Schwäche auszunutzen und mich abzuwerfen. Auch so eine Sache, die ich schwer persönlich nahm. Immerhin wussten die alle, dass ich keine Gefahr war. Wieso mussten die mich also abwerfen? Wieso nicht lieber die, die wirklich gefährlich waren und gewinnen könnten? Nein, stattdessen musste ich dran glauben – was aber eigentlich nur kurz schlimm war, immerhin durfte ich den Rest des Spieles am Rand verbringen und darauf hoffen, nicht wieder ins Spielfeld zu müssen.

Meine Sportlehrer hatten es nie leicht mit mir. Erst gehörte ich zu den wenigen, die einfach unfähig waren und nachdem ich das erkannt hatte, zu denen, die schlicht und einfach alles verweigerten. Das ging mir in Fleisch und Blut über. Ich hab nie herausgefunden, ob mir Spiele wie Fußball oder Hockey Spaß machen, weil ich immer nein sagte, schmollend am Rand stand und darauf wartete, dass die Stunde rumging, damit ich wieder in meinen Alltag zurückkehren konnte. Rugby mochte ich immer. Ich hatte solche Angst davor, dass ich umgeworfen werde und mir fürchterlich weh tue, dass ich kämpfte wie so eine kleine Taschenratte von Paris Hilton. Ich warf mich auf die Gegner, schubste sie, kämpfte, stieß und trat mich zum Ziel und machte einen Punkt nach dem anderen. Sobald Rugby gespielt wurde, war ich die Erste, die gewählt wurde.

Ich weiß aber nicht, ob irgendjemand je begriffen hat, dass es mir beim Rugby, nein, allgemein beim Sport, nie um Spaß ging. Bei mir gings um das pure Überleben.


  1. ach je…

    ich bin auch so eine sportniete. So Angst hatte ich nie, aber eine Niete bin ich.
    Ich habe es geschafft, mir auf peinlichste Art und Weise den Fuss zu brechen, zumindest peinlich für Leute die den Sport noch nie gemacht haben.

    Ach. Nach dem eintrag hätte ich voll lust, mal wieder Hockey zu spielen. Oder Handball zu lernen. oder so…

  2. Ach Hannah :) Sport ist eins der Dinge, die die meiste Gruppendynamik entwickeln, positiv wie negativ. In der Schule ist es immer eher negativ, wenn man nicht zu den coolen oder den guten gehört. Ich war bei den Luschen und hab mich ständig gedrückt… und jetzt bin ich seit Jahren im Verein und haben Riesenspaß, weil ich dort so aufgenommen wurde wie ich war und man dort nicht auf mir rumtrampelt. Von daher wünsche ich dir, dass du zumindest keine Albträume (mehr) vom Schulsport bekommst – und vielleicht sogar mal ein positives Sporterlebnis hast. Und wenn nicht – dann kannst du wenigstens schreiben. :)

  3. Huch, da war ja jemand schneller im Kommentieren. @AsphyxiaPallida ich hab mir mal den Zeh verstaucht durch gegen den Boden treten :D

  4. Oh man, mir ging es in jeder Sportstunde GANZ GENAU SO! Ich wäre jedes Mal lieber gestorben, als wieder Brennball oder Basketball spielen zu müssen. Eine der schlimmsten Sachen war für mich Volleyball. Mein Aufschlag wollte einfach nie übers Netz…
    Alptraum ist wirklich die treffendste Beschreibung. Aber leider war jede Sportstunde bittere Realität.
    Tischtennis und Badminton habe ich allerdings auch nicht besser gemeistert.

  5. Komisch, der hat die Sätze in meinem Kommentar durcheinander gewürfelt… Oo

  6. ooh, das kenn ich nur zu gut. Ich war nich nur die Vollnull im Spot, ich war auch noch wesentlich dicker, als die zierlichen Elfen in meiner Klasse und bekomme auch heute noch Schweißausbrüche, wenn ich dan die Tage denke…Da war es dann auch nich unmöglich alle 2 Wochen seine Tage zu bekommen und aussetzen zu “müssen” oder man ist gaaaanz plötzlich gestürzt, und das Bein tut ja soooo weh, dass man gar nicht mal an Sport denken könne…Rugby haben wir in meiner Klasse nie gespielt. Völkerball und Zirkeltraining war der Liebling aller meiner Spotlehrer…na schönen Dank auch, dachte ich mir da. Heute bin ich einfach froh, generell meine Schule und die fi4@³§ (<- Selbstzensur) Turnhalle niemals wieder zu sehen.
    Habe mich aber gefreut, dass ich nicht die Einzige bin, der es so erging und hoffe, du kannst es heute etwas lockerer sehen und abhaken.

  7. Reck-, Pferd-, Barren-Turnen. Sehe ich so ein Teil in einer Fernsehsendung, wird mir sofort schlecht und ich spüre wieder dieses Gefühl der Demütigung durch den “flotten” Spruch des Sportlehrers vor der versammelten Klasse, wenn ich aufgerufen war, um am Reck irgendwelche Rollen oder Figuren zu turnen. Denn ich konnte nur eines: Mich mit beiden Händen ans Reck hängen – fertig. Dann hing ich dort wie ein naßer Sack, ließ das Gespöttel der Klassenkameraden und des Lehrers über mich ergehen bis zur Erlösung. Die Gekreuzigten müssen sich früher so gefühlt haben wie ich.

    Meine Erlösung waren Handball (auf einem betonierten Außenplatz). Ich habe mir jeden gemerkt, der m ich ausgelacht hatte und spielte grundsätzlich nur Verteidiger. Mit Bernward Mrousek zusammen in der Defensive. Ein Typ, der ähnlich häßliche Revanche-Gelüste hatte wie ich selbst. Wir haben jeden Gegner zusammengeknüppelt, der mich zuvor ausgelacht hatte. Mit kurzer Hose auf diesem Platz gegen uns zu spielen, hieß, blutig zurück in die Umkleide wanken zu müssen. Ich war der, der völlig versehentlich Herrn Steffen, unserem jungen Sportlehrer, der so furchtbar sarkastisch werden konnte, wenn ich gegen, statt über die 1,50 m hohen Pferde lief, beim Handball im Vorbeilauf seinen linken Fuß mit einem kurzen Kick hinter seinen rechten bugsierte. Er hat sich so furchtbar auf’s Maul gelegt, daß er danach Gips tragen durfte. Von da an hatte ich ein “Agreement” mit ihm. Beim allseits beliebten Langlauf im Volksgarten lief ich bis zum ersten Busch mit und verdrückte mich dann, ging in die Bibliothek der Technikerschule gegenüber und las, las, las. Was immer ich in die Finger bekam. Das mache ich bis heute so. Sch… auf Sport.

  8. Ich fühle mit dir. Ich war auch immer eine totale Niete im Spurt. Am grausamsten wurde es in der 13. als so ein übermotivierter Referendar meintes, er müsste mit dem Abiturjahrgang noch mal Geräteturnen üben. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass er plötzlich 30 Schüler auf dem Boden der Turnhalle sitzen hat, die sich weigern auch nur noch einen Schritt unter seiner Anleitung zu tun.

  9. Bäh, ich mochte im Sportunterricht nur Völkerball und Brennball… Scheibar entgegen deiner Vorlieben. Alles andere… kann ich nicht. Ich konnte machen was ich wollte…

  10. Ich war auch immer die SPortniete die nicht werfen und fangen konnte und rennen sowieso nicht. Kann ich aber auch heute noch nicht. Außerdem habe ich es auch nie geschafft ein Rad zu schlagen, obwohl alle anderen es konnte. Aber ich, ich war immer zu doof dazu^^ Kraulen kann ich davon abgesehen auch absolut nicht, aber das is was anderes. Sport war immer nur dann toll, wenn getanzt wurde. Denn das is das einzige was ich schon immer einigermaßen passabel konnte ^^
    Jedenfalls kann ich dich seeehr gut verstehen :D

  11. @Steffi: Oo Wie hast du dir den Fuß gebrochen? xD Sowas ist mir dann doch nie passiert.
    @Konzertheld: Ja und genau DIE Gruppendynamik ist mein Problem xD Ich MAG Gruppen einfach nicht. Ich bin besser, wenn ich für mich allein kämpfe – weil ich ein Egoist bin und ich es für Zeitverschwendung halte, Rücksicht zu nehmen, wenn es um das Erreichen meiner Ziele/Zukunft geht.
    @Mona: Mein Aufschlag ging übers Netz, aber sobald der Ball zurück kam, rannte ich weg xD
    Komisch, dass er die Sätze durcheinanderwürfelte – konnte dir aber folgen.
    @Scheitern: *grins* Ohja, ich weiß gar nicht, wie oft ich meinen Lehrern damals erzählte, ich hätte meine Tage xD
    Bin auf froh, auf Schule/Sport verzichten zu können. Größtenteils war die Zeit einfach nur grausam.
    @Miss Carrie: So übermotivierte Referendare hass ich total :D Das kann ich auch jetzt in der Uni noch nicht leiden. Die meinen immer, sich besonders hervortun und alle kwälen zu müssen >.<
    @Silke: Vielleicht würde ich die Sportarten mögen, hätte ich nicht die Bälle im Verdacht, es auf mein Leben abgesehen zu haben xD
    @Kathy: Kraulen kann ich auch nicht xD Dabei seh ich aus, als würde ich planschen!

  12. @Hannah man kann viele Abneigungen überwinden wenn man sich drauf einlässt… beim Sport muss es nicht immer vorrangig um das Erreichen von Zielen gehen, und Spaß hat man eindeutig mehr in der Gruppe, ich denke mal das wirst auch du nicht abstreiten. Aber ich rede hier so – ich hasse Schwimmen (u.a.) auch bis heute :D