Ich finde Kinder, die gerade essen, unsagbar schön. Darf man das in heutigen Zeiten noch sagen, ohne, dass man angesehen wird wie ein vergewaltigender Priester? Darf man überhaupt über Kinder schreiben oder muss man inzwischen schon ganz besonders darauf achten, wie man sich dabei dann ausdrückt? Wobei mir auch direkt in den Sinn kommt, dass man manche Worte einfach nicht verniedlichen kann, ohne pervers zu klingen. Was ist z.B. mit Mündchen. Find ich irre pervers. Wenn ich das dann noch in einem Satz schreibe wie “Kinder sind so niedlich, wenn sie sich Erdbeeren ins Mündchen schieben, sodass das hoffentlich nicht weiße Sofa ihrer Eltern mit dem Saft vollgespritzt wird.” ist ganz Ende. Aber ich find das tatsächlich niedlich.
(Bild: Via)
Vor inzwischen viel zu vielen Jahren hatte ich das – in meinen Augen – unglaubliche Glück, mehrere Praktika in Kindertagesstätten absolvieren zu dürfen. Das zog sich über ein Jahr hin und ich war immer in derselben Tagesstätte. Gott, was hab ich die Kleinen geliebt. Da war dieses Kerlchen – Marc – mit blauen Kulleraugen und blonden Ringellöckchen und mal ehrlich: Wie soll man sich da denn nicht verlieben? Jeden Tag hat er mir ganz stolz von den Dingen erzählt, die er bei Galileo gesehen hat. Er hat mir das Sonnensystem erklärt, über schwarze Löcher diskutiert und nebenbei so herzig in seiner Nase rumgepuhlt, dass ich nur noch verzückt Glucksen konnte.
Gleichzeitig ist die Arbeit mit Kindern aber auch immer ein Spiegel der Gesellschaft. Wie eine kleine Form des Lebens da draußen und vielleicht nicht grausamer, aber es machte mich trauriger. Einer der Jungs war groß. Größer als die anderen. Und mit groß meine ich nicht dick. Ich meine groß. Während die anderen mir maximal bis kurz unter die Hüfte reichten, reichte er sogar drüber. Für seine Größe hatte er ein völlig normales Gewicht. Irgendwann kam er zu mir, setzte sich an den Tisch und guckte viel nachdenklicher, als man es bei einem gerade mal 6 gewordenen Jungen sehen will.
“Ich bin fett.”
Am liebsten hätte ich gelacht, aber da ich das Praktikum da nicht nur machte, weil ich es genial fand, sondern auch, weil ich nebenher auf eine Pädagogikschule ging, wusste ich sofort: Jetzt nicht lachen – falsche Reaktion.
“Die anderen sagen, dass ich fett bin.”
In seinen Augen war so viel Trauer und ich frage mich bis heute, wie ich nicht mitbekommen konnte, dass sie ihn fett nennen. Die Erzieherinnen hatten das typische Verhältnis zu Kindern – sie waren Erzieher, die Kinder waren Kinder. Klar waren die nett zu denen, das wars dann aber auch. Bei mir war das anders. Ich war nie eine Autoritätsperson, wollte ich auch nie sein. Ich habe sie so behandelt, wie ich jeden behandel und wenn sie was nicht verstanden, hab ichs ihnen halt erklärt.
“Wenn man größer ist, sind sie Leute dann immer noch gemein?” – “Ja, das sind sie.”
Ich kann Lügen nicht ausstehen. Auch Kindern gegenüber nicht. Was bringt es, ein Kind zu belügen, es findet ohnehin über Kurz oder Lang heraus, dass es belogen wurde und dann ist alles noch viel schlimmer.
“Wird es leichter, wenn man groß ist?” – “Nein. Nein, es wird nie leichter.”
Ein trauriges Seufzen folgte und der resignierende Blick eines Kindes, der ein Stück der wahren Welt gesehen hat. Ich wollte weinen. Er auch.
“Ich verstehe.” – “Willst du Erdbeeren?” – “Kriegen die anderen auch welche?” – “Nein.” – “Dann ja.”

“Ich verstehe.” – “Willst du Erdbeeren?” – “Kriegen die anderen auch welche?” – “Nein.” – “Dann ja.” Uh, verflucht große Klasse, Hannah. :)
Danke Hannah. Da will ich dir die Folge von Scrubs nennen, in der Dr. Cox seinem Sohn ununterbrochen die Wahrheit erzählt, bis es einfach nicht mehr geht und das endet dann damit, dass ich mir “Best of Dr. Cox-english, version 1″ und gleich darauf “Dr. Cox als Dr. House” und nur Gott weiß was noch anschaue. Aber den Abschlusssatz finde ich natürlich toll.
Kinder können gemein sein. Genau wie die wahre Welt und die Kids mit Lügen vor ihr beschützen zu wollen bringt am Ende nichts. Deine Einstellung bzgl. Wahrheit finde ich gut. Der letzte Satz ist echt geil :D
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steht jetzt nicht im text, also: wäre vielleicht ganz gut gewesen, wenn du ihm auch noch gesagt hättest, daß man in den meisten fällen einfach ein bißchen lernt, damit umzugehen…. falls du das so siehst, heißt das natürlich. insgesamt aber wirklich cool.
Danke für das Lächeln. Eine faire und wie ich finde richtige Einstellung zu Beziehungen zu Kindern
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Ich muss gleich weinen :(
Ach, du sprichst mir wieder mal aus dem Herzen, Hannah, auch ich finde, es bringt nichts, Kindern irgendetwas vorzumachen, nur damit sie später bemerken, dass es doch nicht so ist…
Abgesehen davon ist der Text echt grosse klasse!
Mein Herz blutet.
Danke.
Für immer.
@pell: Das Leben schreibt die Geschichten.
@ichgehschlafen: Die Folge hatte ich natürlich auch ohne Link im Kopf.
@Matt: Ich konnte mich nie entscheiden, ob ich Kinder oder Menschen generell grausamer find.
@Sumi: <3
@rebhuhn: Mh, lernt man denn wirklich, damit umzugehen? Es gibt Sätze meiner Kindheit, die mir noch heute nachhängen und würde einer sie zu mir sagen, wär ich auch jetzt noch den Tränen nah.
@Moonica: Ich hoffe, ich kann noch immer so fair sein, wenns um meine eigenen Kinder geht und werde nicht zu einer dieser typischen gutschigutschi Müttern.
@Silke: <3
@Kathy: *Taschentuch reich*
@Phil: : )
@ben_: <3
ich glaube, daß es das fast das wichtigste ist, was man versuchen muß, zu lernen: daß die anderen nicht eine solche macht über einen und die eigenen emotionen haben. ‘wer mich beleidigt, entscheide immer noch ich.’ hat nqlb neulich geschrieben – und im übertragenen sinne finde ich das sehr passend.