Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Einerseits muss man mit einem Kübel Eiswasser vor dem Bett eines Spätaufstehers stehen und ihm die volle Ladung ins Gesicht kippen, andererseits darf man sich aber nicht wundern, wenn man dafür den eigenen Arsch durch den Reißwolf gedreht bekommt. Zwischen diese Stühlen sitze ich gerade und komme seit gestern irgendwie auf keinen Nenner. Das ist nicht weiter schlimm, wie ich finde. Sobald man sich binnen Sekundenbruchteilen für oder gegen eine neue, Betonung liegt auf neue, Situation entscheidet, kann man sicher sein, dass die Vorurteile ihren Teil zur Entscheidungsfindung beitragen. Der Nachteil ist, dass es einen dafür nicht in Ruhe lässt. Die Geister, die man rief, spuken auch tagsüber im Kopf herum.
Gestern habe ich mir also eine Dokumentation der ARD angeschaut. Sie heißt “Sexobjekt Kind“, dauert 45 Minuten und ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet, weswegen man die Doku erst dann sehen kann, wenn Arbeiter bereits die Nachtzuschläge bekommen; zwischen 22 und 6 Uhr. Worum es in dieser Reportage geht, das liegt, glaube ich, auf der Hand. Es geht darum, einen Weckruf zu vermitteln: “Hallo Deutschland, mach deine schläfrigen Augen auf und hör auf so zu tun, als ob sexuelle Gewalt gegen Kinder nicht in deinen eigenen vier Wänden stattfindet.” So weit, so wichtig. Mein Problem aber liegt woanders.
Etwa in der Mitte des Films sieht man plötzlich im Hintergrund einen Computerbildschirm, dessen Bild nur angedeutet wird, das zu Sehende ist verschwommen, also gut erkennbar, ohne es jedoch explizit zu zeigen. Was genau ist zu sehen? Erst einmal zwei Personen, vor einer monochromen Wand. Die Kameraeinstellung ist auf Hüfthohe, was zur Folge hat, dass man die Person auf der linken Seite zwar als Mann identifizieren kann, das Gesicht jedoch nicht im Blickfeld hat. Die Person auf der rechten Seite entpuppt sich als Kind, ob Mädchen oder Junge ist nicht sogleich erkennbar. Die zierliche Kinderhand bewegt sich Richtung Gürtel, sie wird geführt, das Bild strahlt diese Dominanz des Mannes unweigerlich aus. Der Gürtel wird entschnallt, das Bild zieht sich in die Länge. Die Hose des Mannes rutscht ein wenig nach unten. Die Hand bewegt sich wieder dorthin, wo kurz vorher der Gürtel saß. Schnitt. Man hört eine Stimme. Aber sie redet nicht, sondern gibt erstickte Schrei von sich. Die Schmerzen sind so groß, dass man sie nicht mehr in Lautstärke umsetzen kann. Das macht es umso unerträglicher. Man hört hin und weiß: Die Kinderhand von vorhin, das war ein kleines Mädchen. So zart wie diese Stimme klingt, womöglich noch im einstelligen Altersbereich. Ich sitze also vor dem Fernseher, werde mit dieser unglaublichen Gewalt konfrontiert und denke mir: Fickt euch, das ist nicht euer Ernst. Ihr habt gerade nicht wirklich eine real passierte Kindesvergewaltigung “gezeigt”, oder?
Und jetzt beginnt die Auseinandersetzung: Dürfen die das? Ich persönlich schwanke zwischen Ja und Nein. Ja, weil: Ich denke, dass solche Bilder ein unheimliches Aktivierungspotential besitzen. Das heißt, es ist beinahe unmöglich, sich diese Szene anzuschauen und keine Ausraster zu schieben. Plötzlich aufkeimende Gewaltfantasien, ein wenig mehr Lynchjustiz in unserem Rechtssystem, bitte, der emotionale Rachekatalog wird wie wild durchgeblättert. Das heißt natürlich nicht, dass man sich eine Axt packt und sich auf die Suche nach abzuhackenden Männerschwänzen begibt, aber, dass man versucht, aus dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit ein Politikum zu machen. Endlich dagegen vorgehen. Genau darin liegt die Funktion dieser Szene. Sie befeuert mein absolutes Unverständnis, verbunden mit einem unbändigen Hassgefühl. Diese Filmsequenz dominiert den restlichen Film. Alles, worüber da berichtet wird, die Arbeit der Berliner Jungs, die Sexualmedizin an der Universität Kiel, der Blick in geschlossene Foren von Kinderschändern, aber auch das fehlende soziale Netz, um Pädophile aufzufangen, das alles kulminiert in dieser einen Szene von maximal zehn Sekunden. Darum könnte man sie als wichtig erachten.
Aber: Diese Funktion kann, und wird meiner Meinung nach, auch auf andere Weise erreicht werden. Ich denke, es gibt andere Wege, um nach Rom zu kommen und das habe ich mit der obigen detaillierten Beschreibung zu zeigen versucht. Die Frage ist, warum wird dieses Bild gezeigt? Erfüllt dieser verschwommene Blick nicht gleichzeitig auch Voyeurismus-Phantasien des Elendstourismus? Warum sollten solche Bilder angedeutet werden, wenn nicht, um damit auch gleichzeitig ein Bedürfnis beim Seher zu stillen? Ist es nicht so, dass das bloße Wissen um eine verbotene Sache diese attraktiv macht, man kurz einen Blick drauf werfen will, nur um sich danach umso erregter, aufgeregter, hasserfüllter und ungläubiger (also immer im Komparativ) abzuwenden? Ja, man wendet sich ab, natürlich. Aber erst nachdem man bekommen hat, wonach man verlangte. Diese Dokumentation weiß um dieses Verlangen. Sonst wäre es nicht im Bild.
Darum finde ich, dass diese Szene scheiße ist und kritisiert gehört, eben weil sie real ist und weil ihre Funktion in meinen Augen zu weiten Teilen in dem Flirt mit gesellschaftlichen Tabuthemen liegt, deren Offenlegung in erster Linie die Bedürfnisse des Sehers befriedigt.
Klar ist: Bilder sind ähnlich wie Worte, durch Wiederholung verlieren sie ihre Sprengkraft. Das wird in der Reportage auch deutlich angesprochen. Ein sinngemäßes Zitat: “Wir reden hier nicht mehr davon, dass Kinder beim Vaginal-, Oralsex gefilmt werden. Wir reden davon, dass es Kinder unter anderem mit Hunden treiben müssen. Es findet also auch hier eine Abstumpfung statt.” So, nach diesem Satz wollte ich kotzen. Es ist – für mich – kein Unterschied zwischen diesem Satz und dem oben beschriebenen Bild zu sehen. Bis auf den, dass man das Bild nicht gezeigt hat.
Eure Meinung?
EDIT, auf Anraten von Blogzwang: Nicht, dass ein falsches Bild vermittelt wird. Die Dokumentation ist unglaublich wichtig und als solche zu unterstützen. Meine Kritik geht nicht gegen die Aktion an sich, sondern nur explizit gegen diese eine Darstellung. Der Rest der Dokumentation ist wirklich sehenswert und das hier kann als Empfehlungstipp gelesen werden.
[...] nützt es… 21. April 2010, 22:40 … zu reden ohne handeln zu [...]
wäre die szene nur nachgestellt (wovon man theoretisch ausgehen könnte), wäre es dann ok für dich gewesen?
wenn über sexuelle gewalt an frauen berichtet wird (ja, die gibt es im übrigen auch noch), werden szenen meist nachgesellt. und auch damit wird das von dir gemeinte verlangen gestillt.
deine erschütterung, das man offensichtich eine wirkliche, echte, reale vergewaltigung dort gezeigt hat, geht m. E. auch über eine gewisse ethik (?) hinaus.
aber – komischerweise – was lässt uns übel werden, bei dem gedanken daran, dass das, was gezeigt wurde, echt war? und warum finden wir es “nur” schlimm, wenn die szene nachgestellt ist – wobei wir genau wissen (denn naivität überlassen wir den anderen), das genau solche szenen in realität passieren?
theoretisch teile ich deine meinung. aber hättest du dieses thema (kindesmissbrauch) auch hier thematisiert, wäre solch eine szene weder echte noch nachgestellte gezeigt worden? vielleicht hat der *dokumentarfilmhersteller* somit sein ziel erreicht?! aufmerksamkeit! diskussionsgrundlage! bitte nicht wegsehen!
greetz m.l.
nachtrag (sorry):
ich wollte damit nichts verharmlosen und zum ausdruck bringen “is schon ok, was die da machen”. aber in der heutigen zeit von internet und fernsehen, sind die menschen so abgestumpft, um kaum noch emotional unterscheiden zu können, was ist echt und was nicht. ich glaube, der autor des films wollte einfach nur provozieren, um auf die schwere dieses themas aufmerksam zu machen.
und, hat doch prima funktioniert. bei dir! ;)
Meine Meinung:
Das Problem des Kindesmißbrauchs gibt es bei uns schon seit Jahrzehnten. Und er findet, das beweisen die Statistiken, vor allem in den Familien oder deren näherem Umfeld statt, wird vor allem von Männern vollzogen. Das allein birgt schon Sprengstoff genug. Vor einigen Monaten bin ich im alten Stadtteil von Düsseldorf spazierengegangen, wollte einmal wieder «Kindheit und Heimat» schnuppern. Unter anderem war ich in einem Park, in dem ich im Vorschulkinderalter regelmäßig gespielt habe. Damals war das kein Park, sondern ein stillgelegter Friedhof, durchzogen von Laufgräben und zugemauerten Bunkern. Heute ist das ein gepflegter Park mit abgetrenntem Hundeauslauf, großen Wiesenhügeln und einem großen Kinderspielplatz. Ich setzte mich auf eine Bank auf einer Wiese, rauchte mir eine Zigarette und versuchte, die Erinnerung wieder einzublenden. Der Kinderspielplatz lag Luftlinie etwa 300 m von meinem Platz entfernt, ich saß mit dem Rücken zu ihm. Dann stand eine Mutti vor mir. «Was machen Sie hier?» Sie schaut aggressiv und ein bißchen trotzig. «Ich sitze auf einer Parkbank und rauche eine Zigarette. Warum?» — «Wir mögen das nicht sonderlich, wenn wir mit den Kindern hier sind. Wir wissen schon, was Sie hier wollen. Gehen Sie jetzt bitte.» Bei uns im Rheinland sagt man «Ich war völlig vonne Söck.» Natürlich wußte ich, was sie meinte. Ich war empört, fühlte mich gedemütigt. Und wußte: Jedes Wort taucht mich tiefer in die Schuld. Ich bin ein Mann. Ich bin ein potentieller Vergewaltiger und Kinderschänder. Auch das ist eine Realität in unserer Gesellschaft.
Der Kern des Problems liegt doch völlig anderswo und nicht bei der Frage, ob die Fernsehsender aus Quotengier solche Bilder zeigen oder nicht. Das Kernproblem ist die Übersättigung der Menschen mit sexuellen Praktiken, die seit 1968 als gewollte Tabubrüche zur «Befreiung der Liebe und der Sexualität» propagiert werden. Jeder 10jährige weiß heute, was S/M bedeutet, Dr. Sommer von der BRAVO bekommt Leserzuschriften Pubertierender, die sich schämen, weil sie bisher noch keinen Analverkehr hatten und sich nicht erwachsen fühlen. «Für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet» ist keine Empfehlung der FSK mehr, sondern wird als Werbemittel, quasi als Gütezeichen, verwendet. Es reicht nicht mehr, normalen Sex zu haben, es braucht den besonderen Kick, denn Otto und Gisela Normalverbraucher gehen doch längst in den Swinger-Club. Und einen Puff-Berater gibt es längst als Serie im Fernsehprogramm. Also muß härteres her, damit der Kick nicht ausbleibt. Kinder, Tiere oder deren Kombination. Wenn das schon Deine Peristaltik reizt…
Was ist mit «Lolita» von Nabokov, 1955? Ein Roman, der laut Wikipedia «zu den bedeutendsten Romanen des 20. Jahrhunderts gehört»? «Der pädophile Ich-Erzähler Humbert Humbert zwingt seine zu Beginn der Erzählung zwölfjährige Stieftochter Dolores („Lolita“) zu einer zweijährigen Odyssee durch die USA. Von ihm als „Vater und Tochter“ ausgegeben, leben sie in einer – zunehmend gewaltsamen – sexuellen Beziehung, aus der Dolores schließlich flieht.» Kotz, kotz… Das ist also Kunst. Bedeutende sogar. Und es bereitet nicht den Weg für einen Fernsehbeitrag, in dem gezeigt wird, wie ein kleines Mädchen mit Gewalt gezwungen wird, einem Kerl einen zu blasen? Ich könnte kotzen vor lauter Scheinheiligkeit.
Was war mit der Mini-Playback-Show? In der Marijke Amado acht Jahre lang auf RTL kleine Mädchen und Jungs vorführte, die stolz irgendwelche Popsongs nachträllerten? Sexy aufgemacht einschließlich Wimpernaufschlag und Hüftgewackel? Das ist was anderes, ja? Oder was ist mit den hübschen Anziehsachen aus dem OTTO-Katalog für Kinder? Was ist überhaupt mit der Kinderkleidung? Geh mal zu irgendeiner weiterführenden Schule und schau Dir die 10- bis 14jährigen Mädchen dort an. Nicht ohne Grund ist der Zutritt zum Schulgelände für Fremde nicht gestattet.
Was medial verarbeitet wird, ist die Sensation. Die voyeuristische Gier der Zuschauer nach Skandal und Tabubruch. Und diese Gesellschaft wurde geformt, sie hat sich nicht aus sich selbst entwickelt. Wir ernten jetzt, was seit 1968 gesät wurde. Dies alles sind die Folgen des Liberalismus der Frankfurter Schule. Die Folge des Tabubruches um jeden Preis, das bewußte Betreiben des Verfalls aller Werte, für die aber versäumt wurde, neue anzubieten. Was folgt ist eine wertefreie Gesellschaft ohne soziale Tabus. Was folgt, ist die Sucht nach immer härteren Spielarten der Sexualität, bis nur noch das nicht nur gesetzlich, sondern auch ethisch Verbotene den Kick versetzt. Und da bleibt halt nicht mehr viel als Kindesmißbrauch und Sodomie.
Die Geister, die wir riefen…
Tut mir leid, wenn’s was länger geworden ist.
Von Leute wie Dir kann man erwarten, daß sie die Zusammenhänge erkennen lernen. Das ist als Aufforderung gemeint, nicht als Provokation.
@maulliese: Eine Nachstellung ändert nichts. Wenn sie in den Kunstkontext – Installation, Film (s. Irreversibel) – gesetzt wird, dann kann es etwas anderes sein. Beispiel: Irreversibel, der erste zu sehende Gewaltexzess muss zu sehen sein, sonst wirkt der Film nicht.
Das, was du mit Ethik ansprichst, verstehe ich nicht. Also, worauf du hinauswillst. Ich weiß, dass es eine schwierige Frage ist, ob und unter welchen Umständen so etwas gezeigt werden kann. Ist vielleicht immer als Einzelentscheidung zu beobachten. Und, ohne dieses Bild hätte ich trotzdem drüber gebloggt. Sicher in anderer Art und Weise, eher als Appell, sich das doch anzuschauen.
@Georg: Diese Statistiken werden im Film auch aufgeführt. Ansonsten habe ich ein Problem mit deiner Darstellung. Gewollte Tabubrüche auf die 68er zu beschränken, das ist so simpel wie falsch. Erstens beruht die abendländische Kultur auf dem Tabubruch als Prinzip (1895, Biennale, vgl. hier). Zweitens, die Sexualisierung der Gesamtgesellschaft auf die 68er runterzubrechen, klammert so ziemlich alles aus, allen voran Werbemarketing, das nicht ansatzweise die Ideale der 68er vertritt.
Und dein Versuch gegen die Frankfurter Schule zu schießen ist, na ja, falsch. Einfach deswegen, weil die FS sich in erster Linie um die Kulturindustrie und deren Fragen auf die Gesamtgesellschaft konzentriert hat. Die “freie Liebe” als Konzept ist da ein Nebenkriegsschauplatz.
Das Buch von Nabokov habe ich nicht gelesen, den Film von Kubrick aber gesehen. Der Film bezieht, bis auf eine Situationn, keine Stellung. Natürlich finden Identifikationen statt, aber genau das ist das Geniale am Film.
wuah… mit kulturell-intellektuellen sollte ich mich besser nicht unterhalten. ;)
ich sehe die ganze situation weniger auf das “künstlerische” eines filmes bezogen, sondern eher auf die nackte tatsache, die thematik an sich.
mit ethik meinte ich – glaube ich – sowas wie, dass der autor des filmes sich erst solch einer szene bedienen muss, um zum ausdruck zu bringen, was er sagen möche. äääh… keine ahnung. :D
ich kann nur sagen, dass das wissen, das so eine szene echt ist, die ich gerade sehe, in mir ganz andere emotionen auslöst als eine nachgestellte. gucke ich z. b. einen film, in dem krieg herrscht, denke ich “ist ja nur n film”. sehe ich nachrichten mit bildern aus afghanistan denke ich “scheiße mann, was soll das?” das ist dann wohl meine eigene ethik? keine ahnung. mit philosophie und dergleichen habe ich nix am hut. sorry.
letztlich ist es für mich persönlich schade, dass du dich so sehr an der art der themendarstellung hochziehst, als an den fakten selbst. einem missbrauchten kind ist es gleich, ob in einer doku bilder gezeigt werden oder nicht. missbraucht ist missbraucht ist missbraucht…
Meine Meinung ist Triggerwarnung. Das wird immer wieder vergessen. Egal wo. Aber ich kann das hundert mal schreiben. Es interessiert keine Sau
Ja, richtig. Es ist völlig legitim, sich in einer Gegenrede auf periphere Details einer Kernaussage zu konzentrieren, um so eben diese scheinbar zu widerlegen. Das machen die Damen und Herren Politiker immer wieder sehr geschickt.
Dennoch sei erlaubt, darauf hinzuweisen, daß die Kernaussage weiterhin im Raum steht: Der gehäufte sexuelle Mißbrauch von Kindern hat seine Ursprünge in der Veränderung unserer Gesellschaft, in der eine tabulose Liberalität und Individualität massiv gefördert wird und im Umkehrschluß Gemeinsinn und Dogmen bzw. Tabus nicht mehr existieren, da längst auf ewig gebrochen. Ob diese Veränderung sich nun u.a. auf die Frankfurter Schule zurückführen läßt oder nicht, spielt dabei nur eine sehr nebensächliche Rolle. Das Thema Kindesmißbrauch ist und bleibt ein gesellschaftspolitisches.
Daß das Thema mit vehementer politischer Motivation geführt wird, zeigt ein eindeutiges Indiz: Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Im Zuge der längst initiierten Hexenjagd gegen die gesamte Katholische Kirche fordert Frau Künast den Bischof Mixa zum Rücktritt auf, weil diese – uneinsichtig, wie er ist – nicht einsehen will, daß eine Ohrfeige in den 50er und 60er Jahren Usus war. Herr Daniel Cohn-Bendit jedoch kommt mit seiner Erklärung durch, seine Buchbeschreibung über sexuelle Spiele mit Kindern sei keine Pädophilie gewesen, sondern “intellektuelle Dummheit”. Sprich: Er habe sich ungeschickt ausgedrückt:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2001/0224/politik/0049/index.html
Wo bleibt der Aufschrei gegen Cohn-Bendit, diese Ikone der 68er, deren Gedankengut nach Deiner Aussage nichts mit dem Thema Kindesmißbrauch zu tun hat?
@maulliese: Der Beitrag auf Deinem Blog ist ja, gelinde gesagt, schon eher “kritisch”. Ich wollte, und das habe ich deutlich zu machen versucht, der Dokumentation an keiner Stelle die Notwendigkeit absprechen. Wörtlich schrieb ich “so weit, so wichtig”. Ich hänge mich an der einzigen Szene auf, die ich als “schlecht” bezeichnen würde, ja. Vielleicht hätte ich deutlicher machen sollen, dass ich die Dokumentation in ihrer Gesamtheit absolut unterstützenswert und wichtig finde. Ich editier das rein.
Und dazu, dass du bei Filmen automatisch mit weniger Zweifel an die Sache gehst: Schau dir “Menschenfeind” oder “Irreversibel” an (beide von Gaspar Noé). Das sind z.B. Filme, in denen die Gewalt nicht ausgeklammert wird und Du kannst davon ausgehen, dass du dabei nicht nur “Ist ja nur’n Film” denkst.
@Moonica: Ich hab mal kurz nach Triggerwarnung gegooglet, werd aber aus dem Ergebnis nicht richtig schlau bzw. fände es hilfreich, wenn du mir sagst, was du so denkst
@Georg: Meine Entgegnung zielte keineswegs auf Randerscheinungen ab, schließlich warst du es doch, der die “Kernaussage”, die Veränderung der gesellschaftlichen Sichtweisen im Zuge der 68er auf die Frankfurter Schule zurückgeführt hat. Cohn-Bendit ist keine Person, die ich in eine Ahnenreihe von Adorno, Marcuse, Horkheimer oder für diesen Fall auch Habermas stellen würde. Cohn-Bendit ist mir egal. Dass die 68er durchaus scheiße gebaut haben, das wurde von mir an keiner Stelle angezweifelt. Auch wenn ich die Akzente entsprechend anders setzen würde als Du. Und Cohn-Bendit zu verteidigen, das ist nicht meine Baustelle. Es ist eher unbegreiflich, warum du ihn an dieser Stelle als Beispiel anbringst. Und achja, der Aufschrei erfolgt gleichermaßen auch gegen Einrichtungen wie die Odenwaldschule. Ich glaube, darum spricht man auch nicht mehr verstärkt von einem Problem der Kirchen, sondern von männlichen Machtverhältnissen.
@ichgehschlafen: Triggerwarnung = Das, was im Folgenden zu sehen ist, kann triggern/reizen. Besonders für Borderliner, Missbrauchsopfer usw. ist es ganz schrecklich, wenn sie sich auf nen Film freuen, der ihnen noch unbekannt ist und mitten aus dem Nichts eine Missbrauchsszene oder ähnlich triggerndes auftaucht .. Da wär irgendein kurzer Hinweis schon nett.
Hannah hat das schon ganz gut erläutert. Und gerade im Netz wo immer groß von social gesprochen wird, wäre das angebracht. Es gibt Menschen, die genau weil Triggerwarnungen von der (empathiegehinderten) Mitbevölkerung nicht ausgesprochen werden, weder an Radio, Fernsehen und Zeitung teilhaben können (um die Reichweite darzustellen)
Triggerwarnung heisst: Vor einem Beitrag in dem man über Missbrauch, Selbstverletzung, Essstörungen etc. detailiert berichtet – siehe Beitrag – setzt man einfach ein Vorsicht Trigger vor den Beitrag um Betroffene, in diesem Fall stark traumatisierte Menschen vorzuwarnen.
Dadurch kann vermieden werden, dass der selbst geschriebene Beitrag (der eventuell nur aufklären soll) dazu führt, dass Menschen nur durch lesen abstürzen.