An dieser Stelle folgt der 22. Gastbeitrag aus der Blog-Reihe: “Ich sehe was, was du nicht siehst“. Geschrieben, gedacht, gesehen von Nella Niemandsland, deren Blog Niemandslandtage ihr jederzeit besuchen könnt, wenn ihr mehr von ihr lesen wollt.
Sie hatte gesagt: 30 Tage. An jedem Tag einen. Schreib es auf. Nur ein paar Buchstaben. Und dann verbrenn das Papier. Hältst du 30 Tage durch, ist er verschwunden.
Sie wird wach und hört das Rauschen zwischen den dünnblättrigen Wänden aus Holz. Erschaudert, weil die Heizung mal wieder nicht funktioniert, tappt auf müden Füßen ins Wohnzimmer und macht Feuer. Der Wind pfeift durch die Ritzen der Tür und übertönt die Wellen in der Ferne, die ihre Sehnsucht wecken, aber auch traurig machen. Warte noch, denkt sie, erst Wärme, dann Meer. Sie nimmt die Holzscheite aus dem Korb, schlichtet, stapelt, knüllt Papier. Fühlt Harz an ihren Fingern, riecht Wald, sucht Streichhölzer. Rollt ihre blanken Zehen ein und erschaudert vor Kälte, hält aber inne. Sieht zu, wie die Zeitung lodert und das klamme Holz angreift. Wartet geduldig auf den Moment. Das Knacksen, das Leuchten, die Glut. Und dann: Die Wärme und der Geruch. Später erst der Blick aus dem Fenster. Regen, wieder mal, aber es rauscht unermüdlich, das Meer, hier unten, im englischen Süd-Osten, am Atlantik, wo im Fernsehen alles immer so romantisch ist, aber das wahre Leben ein bisschen zu traurig schmeckt und das Meer vor der Terrassentür wohnt.
