Lebensraum: 50-100m²

4. Mai 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 4
Lebensraum: 50-100m²

Das Burka-Verbot in Belgien (und etwaigen Staaten, die noch nachfolgen werden) hat ja auch hierzulande eine Debatte ins Rollen gebracht, in der sich langsam aber sicher auch erste Ergebnisse einstellen. Ich gehöre übrigens zu derjenigen Fraktion, die sagt, dass ein Verbot dieses Kleidungsstücks nichts weiter ist als humanistisch getarnte Selbstgefälligkeit und dass die Frauen, die eine solche Burka tragen, diejenigen sind, die am meisten unter dem Verbot leiden werden. Denn, ob freiwillig getragen oder nicht, diese Frauen werden fortan der Öffentlichkeit “erspart”. Und gerade eben bin ich auf einen aktuellen Fall gestoßen, der sich in Italien abgespielt hat. Amel Marmouri wurde burkatragend von der Polizei festgehalten und zu einer Geldstrafe von 500€ verdonnert. Die Reaktion des Mannes:

‘I just don’t know where we are going to get 500 euros to pay the fine. We thought as she was going to the mosque she was OK to wear the burqa.  ‘We knew about the law and I know that it’s not against my religion but now Amel will have to stay indoors. ‘I can’t have other men looking at her.’ (via Daily Mail)

Überraschung, Überraschung. Der Mann ist verständnisvoll, er weiß, dass die Gesetze sich nicht gegen die Religion richten, aber er versteht dennoch nicht, worum es – dem Gesetz zufolge – eigentlich gehen sollte. Hier muss man erwähnen, dass es in Italien ein Vermummungsverbot gibt, das seit Neuestem, eben im Zuge dieser anhaltenden Debatte, sich auch auf die Burka zu erstrecken beginnt. Aber das zieht einfach  nicht. Der gewünschte Effekt wäre ja gewesen, dass die Frau sich aus dem “mobilen Gefängnis” – die Frage ist natürlich, wieso man das nicht als “absolute Privatsphäre” bezeichnet und ja, das habe ich gerade geschrieben – befreit und der Welt ihr Anlitz zeigt, aber nein: Der Mann (!) entscheidet, dass die Frau zu Hause zu bleiben hat, weil er es nicht zulassen kann, dass andere Männer ihr nachgaffen. Hier zeigt sich nämlich, woran die Debatte krankt: Einseite Schuldzuweisungen, die Diskussion über diesen Typ des religiösen Machos, das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man diesem Problem auf einer ganz anderen Ebene begegnen muss, nämlich über Bildung, Aufklärung, feministischen Tendenzen innerhalb des Islams usw. Aber nicht über einseitige Verbote. Falls man sich aber doch dazu entscheidet, dann nimmt man eine solche Zukunft in Kauf. Die ohnehin schon geknechtete Frau sieht sich einer Synonymisierung ausgesetzt: Der Lebensraum wird identisch mit ihrem Wohnraum. Wieviel sind das, 50 – 100m²?

Und ja, auch ich glaube, dass dies kein Zustand von dekadenlanger Dauer sein wird, denn zu sehr drückt der Geldmangel. Aber es geht hier ja um ein Konzept der Problembewältigung.


  1. Bin der Meinung das es irgendwo Schwachsinn ist, sich hinter tüchern zu verstecken. Andererseits ists halt ne Glaubensfrage und die Entscheidung der betreffenden Person. Aber sagen wir mal so anpassen sollten sich Leute die sowas Tragen wenn eine Westliche Frau irgendwo in ein Moslimisches Land fährt muss diese auch ihren Körper verdeken. So das es wieder ne Moralische sache wird.
    Persönlich finde ich es schrecklich das menschen sich hinter irgendwelchen tüchern verstecken müssen,wollen,sollen oder sonstiges. Aber wie gesagt jedem das seine, das Moralische ist nicht meine aufgabe =)

  2. Nein, das Tragen der Burka ist eben keine Frage der Religion — zu dem Thema habe sich bereits mehr als genug Muslime geäußert. So, wie ich es verstehe, ist der Koran auslegungsfähig. Genau, wie es die Thora ist und die Bibel. In allen diesen drei Religionen gibt es säkularisierte Fraktionen, die ihr jeweils “Heiliges Buch” als Sammlung von Bildnissen verstehen und es gibt Hardcore-Fraktionen, die ihre Version der Auslegung als Leitfaden und Pflichtübung für den Alltag sämtlicher Bewohner des Landes ansehen und auch versuchen, dies durchzusetzen.

    Das Tragen der Burka ist also zunächst einmal ein politisches Thema. Als Anhänger einer grundsätzlichen Trennung von Staat und Religion kann man das Tragen der Burka also nur ablehnen. Sic.

    Zum anderen ist das Tragen der Burka ein Machtmittel. Männer, egal, welcher Nationalität, die am Patriarschat festhalten, wollen auf diese Weise die Frauen (ihre Frau) unterdrücken. I can’t have other men looking at her.’ Joh, klar, ne… Sie ist ja sein Eigentum, dazu von schwachem weiblichem Fleisch, sich der Wollust hingebend, sobald sie Gelegenheit dazu gibt. Jeder andere Mann will sie ficken und sie will von jedem anderen Mann gefickt werden. Sonst noch Probleme? Wieviel Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühl spricht denn aus einer solchen Aussage?

    Grundsätzlich ist es die Sache der Frauen selbst, sich zu befreien. Das haben sie in Europa und Amerika ja auch zur Genüge getan. Und als Mann halte ich mich da zurück in ihrem Selbstfindungsprozess. Aber wegschauen? “Privatsphäre respektieren”? Wo fängt man damit an? Wo hört man damit auf? Ist es auch Privatsache, wenn ein Mann seiner Frau eine klatscht? Sie ist doch sein Eigentum. Damit kann er doch tun und lassen, was er will. Privatsphäre? Nein, gewiß nicht. Seine Privatsphäre hat Grenzen. Und zwar immer genau dort, wo er gegen den Willen eines anderen (seiner Frau) für sie gemeinsam alleine entscheidet. Und das kann nicht sein.

    Ich sehe es so: Wer hierher nach Europa einwandert, der soll seine ethnischen Wurzeln bewahren dürfen. Aber er muß sich unserer Gesellschaft anpassen. Sich integrieren. Wer dazu nicht bereit ist, der soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Klingt hart, ja? Immer noch besser, als seine Frau in einen Sack zu stecken, weil man nicht ertragen kann, daß andere Männer sie anschauen.

  3. In meinem Kanton ( http://www.blick.ch/news/schweiz/politik/aargau-will-nationales-burka-verbot-146065) soll jetzt auch ein Burkaverbot eingeführt werden, finde das relativ… abstossend, jemandem Vorzuwerfen, wie er (oder hier eben sie) sich anzuziehen hat, wir leben doch nicht mehr im 3. Reich?!

  4. ichgehschlafen

    @Luk: Wie Du schon richtig sagst, es ist eine persönliche Entscheidung, in die man sich nicht einzumischen hat.
    @Georg: Natürlich wird die Burka religiös begründet. Ansonsten finde ich deine Begründung nachvollziehbar, teile sie aber nicht. Demokratie zeigt sich vor allem im freiwilligen Verhalten, wenn keine Macht existiert.
    @Phil: Danke für den Link.