In manchen Nächten fühle ich mich, als würde ich auf etwas warten. Da ist dieses unruhige Gefühl, dieses unbewusste Tippeln mit den Fingerspitzen über Holz, das abrupt endet, sobald man sich dessen bewusst wird und das lauschen in die Dunkelheit, als käme dort heraus ein Klang, obwohl es einfach nur still ist.
In die Stille mischt sich das *plopp* des Facebookchats, das Stimmengewirr, das aus dem Fernseher meines Nachbarns dringt, der immer viel zu laut ist. Er wohnt mir gegenüber, scheint der einzige zu sein, der nachts ebenfalls noch wach anzutreffen ist und er schaut fern. Das Haus, zu Fuß etwa fünf Minuten entfernt, befindet sich in Luftlinie direkt vor mir. Etwa 100 Meter trennen mich von dem hell erleuchteten Fenster, das mir des Nachts Gesellschaft leistet, wenn ich in meinem Bett sitze, das Licht gelöscht habe und weiß, dass niemand weiß, dass ich weiß, dass da jemand ist.
Es ist schon seltsam. Als ich vor zwei Jahren hier einzog, lernte ich ihn kennen, wenn man so will. Getroffen habe ich ihn nie und trotzdem teilen wir Erinnerungen. Da ist der Nachmittag, an dem es dunkel wurde. Dichte Wolken kwollen am Himmel und neben Donner und Blitz kam auch der Regen immer näher. Fasziniert stand ich am Fenster und in der Sekunde, in der einen Atempause, ehe der Regen losbrach, erhellte ein Blitz den Platz zwischen meinem Gegenüber und mir. Er stand am Fenster, so wie ich dort stand. Wir sahen uns an und zusammen mit dem zaghaften Lächeln erlosch der Blitz und der Regen setzte so heftig ein, dass wir einander nicht mehr sahen.
Danach kam der Silvesterabend. Party überall. Raketen stiegen in die Luft. Müde beobachtete ich das Treiben, während mir klar wurde, wie unwichtig ich diese Neujahrsfeierei finde und wie gut es war, in diesem Jahr mehr oder weniger Zuhause geblieben zu sein. Die Rakete stieg, zerplatzte, Gold regnete herab und wieder trafen sich unsre zaghaften Lächler in der Sekunde, die stattfand, ehe das Licht erlosch. Die nächste Rakete kam, doch er war verschwunden und ich wusste warum: Es gab nichts zu sehen. Das, was ich beobachtete, beobachtete ich schon seit Jahren und weder Farben noch Formen der Raketen hatten sich geändert, genauso wenig wie das Gröhlen der Betrunkenen oder die überschwänglichen Segenswünsche fürs neue Jahr.
Gesehen haben wir uns nicht mehr. Kein nennenswertes Gewitter lockte uns mehr ans Fenster, der nächste Silvesterabend lässt noch auf sich warten. Aber manchmal, wenn ich mich einsam fühle, gucke ich in das blaue Fenster, hinter dem der Fernseher flackert, mache mein Licht an und stelle mir vor, wie er von seinem blauen Fenster hinüber in mein rosafarbenes sieht, sich fragt, ob meine Glühbirne tatsächlich pink ist und überlegt, wer sich wohl hinter dem Licht und den zaghaften Lächlern verbirgt, das ihn seit zwei Jahren begleitet.

das finde ich schön. ich stelle es mir beruhigend vor, zu wissen, daß da jemand ist :).