Ich bin gegen Funktionalität.
Für mich sieht das so aus: Alles, was sich ohne Probleme einschleifen lässt, alles, dessen Benutzung ohne Weiteres gelingt, ist in jeder Hinsicht blass. Hilfreich, ja, man findet schneller seinen Weg durch den Supermarkt, aber gleichzeitig verbleibt man in den leise vor sich hinplätschernden Rhythmen des Alltags, in mittlerer Lautstärke, Fehltritte kennt man nur noch vom Hörensagen. Bei näherer Betrachtung sind das ungefährlichere Formen der Kreativität, sie fordern nichts und niemanden, höchstens noch die Entwickler. Aber eine kulturelle Auseinandersetzung findet nicht statt. Weder reflektiert man über sich selbst, noch über die Gesellschaft, in der man sich befindet. Das Primat ist die Endkundenorientierung.
Nehmen wir z.B. den Aufbau von Museen und Ausstellungsräumen. Ein Museum repräsentiert nicht nur die darin ausgestellten Künstler, sondern gleichermaßen auch die Zuschauer. Zentral ist, dass man immer weiß, wieviel Menschen gerade in der unmittelbaren Umgebung durch die Ausstellungsräume flanieren. So plant man seinen Weg durch die Gänge und falls sich im Moment eine Führung vor einem Exponat Damien Hirsts stattfindet, dann kommt man eben später zurück. Das ist nichts anderes als Usability, die Definition von Nutzerfreundlichkeit, auf die Optik gemünzt. Genau darum fällt es höchstens Architekten und kunstaffinen Menschen auf, wie der Raum konzipiert ist, ob die Bilder mittelhoch hängen, (das ist übrigens neu, im Pariser Salon hingen die Bilder teilweise bis unter die Decke) die Werke in der Mitte des Raumes oder an derem Rand platziert sind und in welcher Beziehung das Exponat zum Raum steht. Wenn man weiß, dass der Ausstellungsraum für Cy Twomblys Lepanto-Reihe extra nach den Wünschen des Künstlers gestaltet wurde, dann bewegt man sich auch anders. Das ist dann aber schon keine Nutzerfreundlichkeit mehr, im Gegenteil, es ist eine Objektfreundlichkeit des Nutzers. Man lässt sich sprichwörtlich auf sein Objekt ein und tritt in Beziehung und kommuniziert damit, weil man keine Wahl hat. Dadurch entstehen Räume, die Möglichkeiten schaffen würden, um meinetwegen zur Reflexion anzuregen. Aber an wie viele Ausstellungsräume erinnert man sich bitte noch, wenn man wieder auf offener Straße den Heimweg antritt? Wie viele Räume schaffen das? Die Kunstwerke, ja. Das ist ihr Platz, sie sollen zum Nachdenken anregen. Darum ist der Kunstbetrieb zwar einerseits wahnsinnig, aber andererseits auch so elitär. Das künstlerische Pendant zum Elfenbeinturm der Philosophie.
Jeder kennt das Holocaust-Mahnmal in Berlin mit seinen metallgrauen Stelen, der unsymmetrischen Schachbrett-Prinzip und den Touristen, die anfangen, wild zu posieren, sobald sie in dieses Bauwerk eingetaucht sind. Das Mahnmal verstößt im Sinne der Usability – ich kann nicht für die Architektur an sich sprechen, da fehlt mir zuviel Hintergrundwissen – gegen so ziemlich jede gängige Konvention. Aber vor allem gegen die Nutzerfreundlichkeit. Man weiß absolut nichts, man ist verloren in einem Wald aus aus immer größer werdenden Metallbäumen, die einen regelrecht verschlucken. Weder sieht man von außen, wieviel Menschen sich gerade innerhalb des Gebäudes bewegen, noch sieht man wie viele Menschen sich in unmittelbarer Nähe zu einem befinden, wenn man sich hineingetraut hat. Man kommt nirgends an, die Orientierungsmöglichkeiten bestehen in Fluchtpunkten. Man kann sich nur am Außen orientieren und nicht innerhalb des Bauwerkes selbst. Das heißt: Man weiß immer nur, wie man rauskommen kann, aber das war’s dann auch mit der Information. Darum auch immer diese tapsige Vorsicht, wenn man um die Ecke geht, vielleicht rennt man ja in einen anderen Menschen. Immerwährende Alarmbereitschaft, Sensomotorik in Höchstform, kein locker-flockiger Waldspaziergang (obwohl man durchaus Spaß haben kann, kleine Kinder spielen gerne Verstecken). Usability gleich Null. Wiedererkennungseffekt in direkter Nachbarschaft von unendlich.
(Bild via)
Man muss sich auf das Mahnmal einlassen. Klar, man kann Musik hören, man kann reden, aber man kann nicht einfach durchgehen. Vielleicht bildet der Weg durch das Mahnmal eventuell tatsächlich eine Abkürzung, ich weiß es nicht, die schiere Masse ebenso wenig. Die bloße Architektur, der Raum an sich also, wirft Fragen auf. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Was will man mir sagen? Warum schaue ich nach oben? Warum sind die Stelen nicht alle gleich groß? Wer ist noch hier? Und genau das ist eben inszeniert, die Reflexion ist wesentlicher Bestandteil des Mahnmals an sich. Daher ist es kein Wunder, dass der Architekt Peter Eisenman sich in einem kürzlich erschienenem Interview folgendermaßen über das Mahnmal äußert:
“Ich habe immer gesagt, dass ich in den Menschen ein Gefühl erzeugen wollte, in der heutigen Zeit zu sein und dass sie eine Erfahrung machen sollen, die sie noch nie vorher gemacht haben. Eine, die sich unterscheidet und ein wenig beunruhigend ist. Die Welt ist von Information überfüllt, und hier gibt es einen Ort ohne Information. Das ist, was ich wollte.”
Der Punkt ist jedoch, dass dieses Gefühl nur über die Nicht-Anbiederung erzeugt wird. Es verhält sich andersrum, der Mensch muss sich dem Ausstellungsraum, nichts anderes ist das Mahnmal, anbiedern. Für die Usability ist das ein absolutes Tabu, das große No-Go. Darum ist sie im Umkehrschluss auch nicht im Stande dazu, kritisch zu sein, da sie alles Schwierige in sich aufnimmt, wegdenkt (man kriegt ja höchstens noch in Dokumentationen den Entstehungsprozess peu a peu nachgebaut) und dann so auftritt, als ob es keine Probleme gebe. Das wäre an sich nicht weiter schlimm, der Punkt ist aber: Die Usability ist das mantraartig aufgesagte Credo der Moderne, es gibt kein Entrinnen. Kundendienst? Nutzerfreundlich. Internet? Nutzerfreundlich. Architektur? Nutzerfreundlich. (“nutzerfreundlich” ist übrigens nicht per se mit “barrierefrei” zu übersetzen) Werbung? Nutzerfreundlich. Musik? Nutzerfreundlich. Wann hast Du das letzte Mal ein Lied gehört, in dem gängige Konventionen einfach so durchbrochen werden, und das nur deswegen, weil man das billige Mikro überhaupt nicht erst vertuschen will? Eben. Usability ist flach. Und da, wo es flach ist, da ist kein Raum. Weder nach Oben, aber auch nicht nach Unten. Es funktioniert nämlich im bildlichen Sinne “wie am Schnürchen”. Keine Chance auf Reflexion. Vielleicht sollte man ein paar Schritte zurückgehen und noch einmal überdenken, warum genau wir so nutzerfreundlich sein müssen.
Der Lidl hier um die Ecke hat das verstanden. Alle paar Monate ändert er die Anordnung seiner Waren. Wo früher Weingläser standen, sind heute die Chipstüten. Die Folge: Man rennt den ganzen Laden ab, was wiederum ein Mehr an Impulskäufen zur Folge hat. Im Falle des Internets ist das alles nicht so einfach wie in einem Supermarkt. Die Frage ist jedoch, auf welchem Fundament die Selbstverständlichkeit der Usability beruht? Gute Argumente dafür gibt es genug. Wichtig wäre es, gute Gegenargumente zu finden.
[...] waren mir zu wenig, fünf sind zu viel, ab einem gewissen Punkt sollte man auch an die Usability denken. Sich auf vier Kategorien zu beschränken, ist natürlich nicht einfach, da man automatisch [...]
Interessante Gedanken. Usability ist irgendwie immer positiv, daher dachte ich erstmal beim Titel des Artikels, huch, jetzt kommt Kritik am Mahnmal, verstand nicht worum es gehen würde und ließ den Artikel liegen.
Wenn alles läuft, wird es schnell Alltag, klar. Aber ist das schlecht? Es ist dann schlecht, wenn man gerne quer denkt, kreativ sein möchte. Für Ausstellungen kann ich nachvollziehen, dass der ein oder andere möchte, das nicht alles von alleine fließt, ohne dass man sich damit auseinander setzt. Im Supermarkt finde ich es ätzend, denn der Supermarkt ist Alltag und hat auch entsprechend zu funktionieren. Doch, interessante Gedanken…