Ich vergesse mein Leben.
Nicht, dass ich Alzheimer hätte, aber mir ist aufgefallen, dass ich vieles nur noch weiß, weil ich es gebetsmühlenartig aufgesagt habe, die tausendfache Wiederholung tritt an die Stelle des empfundenen Gefühls. In der fünften Klasse bin ich zusammen mit einem Freund auf eine Schulparty gegangen. Auf dem Weg dorthin mussten wir über eine Brücke gehen. Drunter fuhren Autos durch. Kurz zuvor hatten wir Apfelringe gekauft, die wir munter in uns reinstopften. Ich weiß nicht warum, plötzlich drehte ich mich um und schleuderte einen Apfelring Richtung Straße. Ich kann recht gut und weit werfen und als wir uns umgedreht haben und weiter gegangen sind, hörten wir noch den leisen Aufprall und klatschen uns dann beiläufig in die Hände, während wir über die bevorstehende, erste große Party redeten. Fünf Minuten später hatte mein Schulfreund ein Messer an der Kehle.
Der Autofahrer hatte anscheinend verfolgt, welchen Weg wir gegangen sind, sein Auto in der Nähe geparkt und ist uns dann entgegenkommen. Frontal. Typ Selbstjustiz, brauner Vokuhila, Oberlippenbart, hellblaue Jeansjacke, verrückter Gesichtsausdruck. Als er sich sicher war, dass wir nicht mehr würden abhauen können, also zwei Meter neben uns, griff er plötzlich nach dem Kragen von Fabian. Ich weiß noch, dass er ihn angebrüllt hat, irgendwas von Einfällen und er würde es uns schon noch zeigen. Bevor ich mir in die Hosen machen konnte, hat er losgelassen und ich habe den Sprint meines Lebens hingelegt. Keine zehn Minuten später war das vergessen. Wir haben es in eine nette Story verpackt, ein wenig übertrieben und aus vollem Halse gelacht. Den Schock einfach nicht wirken lassen.
Ich erinnere mich auch dunkel daran, dass wir damals am Sportplatz ebenfalls verfolgt wurden. Ich war höchstens zehn. Mehr als Fußabdrücke, ohrenbetäubenden Lärm und dass ich ausgerutscht bin habe ich aber nicht mehr im Kopf. Nur dieses diffuse Gefühl von Motorradlärm, Keuchen und ein wenig Restadrenalin. Am Ende wieder eine Story mehr.
Bei uns am Bahnhof gibt es eine Stelle am Bahnsteig, in die man sich flüchten kann. Für den Fall, dass man auf die Gleise fällt, die S-Bahn einfährt und man nicht mehr genügend Zeit hat, zu entkommen. Eine Art Rettungshöhle. So habe ich mir das zumindest immer zusammen gereimt, auch wenn das unmöglich der wahre Grund sein kann. Einmal haben wir uns in dieser Lücke verschanzt und gewartet, bis die S-Bahn einfährt. Ich hatte das Pech, dass die Lüftung der S-Bahn genau vor mir zum Stehen kam und ich Atemschwierigkeiten hatte. “Leider” konnte ich die S-Bahn-Räder nicht anfassen, ich war zu perplex, zu gefühlsdurchflutet und steif. Heute weiß ich nicht mehr, ob da überhaupt eine Lüftung gewesen ist. Ich hab das alles bewusst wahrgenommen, intensiv ausgekostet seinerzeit. Extremleben, die ganze Palette an Dummheiten durchdekliniert. Ich glaube, ich war ein Scheißkind. Aber ich weiß es nicht mehr. Da ist ein Foto. Ich bin 14, unfassbar fett und habe einen Wellensittich auf der Schulter. Das Foto habe ich in meinem Geldbeutel. Das einzige Foto meiner Jugend. Der Rest sind Momentaufnahmen, geistige Schnappschüsse, willkürlich abgespeichert. Es war einmal, sprichwörtlich.
Ich will nicht vergessen. Das soll nicht so wirken, als ob es mir am Herzen liegt. Tut es nicht. Jetzt wiederum klingt es unfassbar kalt. Das trifft es auch nicht. Ich weiß nicht warum. Ich finde es trotzdem falsch, so distanziert zu sein. Es passiert dennoch. Ich vergesse Zeiträume, Chronologien, Abläufe, ganze Situationen und am Wichtigsten: Das damalige Gefühl. Wenn ich das hier so niederschreibe, passiert rein gar nichts in mir. Ich erzähle eine Story, erinnere mich an eine Vergangenheit. Könnte auch Deine sein. Da ist eine meterdicke Betonwand in mir, Erregung gleich Null. Weiter oben schrieb ich Restadrenalin. Das bringt es auf den Punkt: Denn sobald es einen Trigger gibt, der mich an ein bestimmtes Ereignis denken lässt, dann assoziiere ich damit ein bestimmtes Gefühl und dann pumpt mein Körper Endorphine durch die Blutbahn. Es ist aber nur ein Reflex, Copy and Paste-Emotionen, ein zwangsatavistisches Relikt. Ich glaube, man nennt das Verdrängen. Ich verstehe nur nicht, warum ich etwas verdränge, das mich seinerzeit näher an das Leben rückte.
Letztens hat mir meine Freundin erzählt, dass wir uns ernsthaft gestritten hätten. Das sei vor kurzem passiert, vielleicht vor einem halben Jahr. Ich konnte mich partout nicht erinnern. Also sagte ich: Ich brauch ein Triggerwort, gib mir ein Triggerwort, bitte, ich will mich erinnern, das kann nicht sein. Sie war sauer auf mich, zurecht, wie kann ich so einen Streit vergessen, an dem man ohne Weiteres hätte scheitern können, sie redete sich ein wenig in Rage und sagte irgendwann: “Ich wollte nicht, dass Du kommst. Tagelang.” Sofort fiel mir alles ein. Der Spagat zwischen Machtlosigkeit und Vertrauen. Sich permanent in Frage stellen, beantworten und an einem neuen Punkt wieder von vorne zu beginnen. Tabula Rasa im Stundentakt. So intensiv gelebt. Heute vergessen. Ich hab keine Ahnung, warum. Ich weiß, dass es stattgefunden hat, ich bin aus dem Streit als ein anderer Mensch hervorgegangen, stärker, vielleicht, auf jeden Fall routinierter, vor allem aber verliebter denn je. Das gelebte Gefühl hingegen ist unwiederbringlich verloren.
Ich bin mir übrigens fast sicher, dass der Mann mit dem Messer keine braunen Haare hatte. Mein Gehirn hat das aber so abgespeichert. Nennt sich Erinnerungsverfälschung. Deswegen werden Zeugen Zeitzeugenaussagen kritisch hinterfragt. Wie wahnsinnig egal das alles geworden ist. Und wie sehr ich trotzdem an Heute und Morgen hänge. Ich weiß, dass ich es einfach verdrängen werde. Denn die Phrase, die ich in meinem Leben am häufigsten verwendet habe, ist “Wird schon”. Vergangenheitsform: Es war einmal. Es war einmal mein Leben.

Mir gefällt der Begriff “Erinnerungsverfälschung” im Zusammenhang mit dem von Dir Geschilderten nicht. Ich glaube, “Erinnerungsinterpretation” wäre zutreffender. Beim Wort Verfälschung schwingt so ein gewisser negativer Vorsatz mit. Interpretation dagegen läßt offen bzw. hebt die Subjektivität der Einstufung hervor.
Sicher kann man sich darauf einigen, daß es eine Objektivität nicht gibt. Jede unserer Reflexionen ist Es-gesteuert und liegt gleichzeitig im Konflikt mit unserem Über-Ich, das die “objektive Einstufung” erzielen will. Mir ist es schon relativ häufig passiert, daß meine Erinnerung ein Ereignis im Nachhinein eindeutig anders interpretiert, als ich es zum Zeitpunkt des Geschehens eingestuft habe. Vielleicht sind ja Erinnerungen per se Interpretationen?
Meine eigenen Erinnerungen hängen immer mit einem Gefühl zusammen. Noch heute nachempfinde ich das “Fremdschämen”, als sich Bernhard R. bei unserer Einschulung 1961 in der Aula “daneben benahm”. Schon damals war das eine Interpretation bzw. Bewertung einer “Das tut man nicht”-Handlung. Aber als mir meine Tochter vor einigen Jahren das für mich neue Wort “Fremdschämen” beibrachte, dachte ich sehr spontan genau an dieses 48(?) Jahre zurückliegende Ereignis. Auf den Namen “Bernhard R.” hätte ich überhaupt nicht reagiert, mich nicht an ihn erinnert.
Erinnerungen sind für mich etwas Faszinierendes, weil es MEINE sind. Nur MEINE. Sie sind nicht objektiv, kein anderer Mensch kann sie wirklich nachvollziehen. Nur für mich machen sie im Detail einen Sinn. Ich stehe staunend vor der Tatsache, an WAS ich mich erinnere. Denn es sind keinesfalls immer die großen, einschneidenden Ereignisse, sondern kleine, völlig banale Situationen, die mir in den Sinn kommen.
Interessantes Thema.
Gruß
Georg
das ist lustig – zum ersten mal habe ich einen text hier gelesen und im kopf beim lesen den falschen autor dafür ‘verantwortlich’ gemacht. :)
das vergessen/lieblos runterleiern ist bei mir auch so und ich fühle mich ok damit – schließlich passiert auch so viel neues… :) wenn wir nicht vergessen würden, hätten wir ein großes problem, denke ich.
@Georg: Ja, sehe das ähnlich. Aber hat sich irgendwie richtig angefühlt, hier von Verfälschung zu reden. Passt dann auch wieder wunderbar zur Interpretation
@rebhuhn: Dabei habe ich doch nichts über Pink geschrieben ;)
@ichgehschlafen: Oh, da hat das rebhuhn dir aber ein großes Kompliment gemacht : o
Spannendes Thema, das mit den Erinnerungen. Wäre interessant zu erfahren, wie wir Erinnerungen speichern, wie wir sie abrufen, wie lange sie halten – und ob sie interpretiert werden müssen, ja. Vermutlich würden wir es gar nicht verstehen. Okay, ich zumindest nicht.
Alle fünf Beispiele, die du nennst, erscheinen mir negativ. Gefühle mit Adrenalin, ausgelöst durch Gefahr oder Ärger. Ich erinnere mich öfter an solche Dinge als an positive Dinge – und erinnern meint in dem Fall, dass ich die Gefühle wieder hervor holen kann. Ich verliere positive Gefühle sehr schnell, leider. Die Gefühle, die bei in irgendeiner Art negativen Ereignissen auftraten, sind bei Bedarf noch präsent, aber es gelingt mir selten bis nie, Glücksgefühle zurück zu holen. Irgendwie unfair.
@Hannah
*g
Ich hatte gestern ein “Erlebnis der Dritten Art” was Erinnerungen betrifft:
Vor zwei, drei Tagen rief mich Hannah an und fragte mich, wo sie damals auf meine Vermittlung hin ihren Handyvertrag abgeschlossen habe. Bis vor fünf Jahren arbeitete ich in der Telekommunikation und als ich dann die Branche wechselte, habe ich innerlich völlig mit der TK abgeschlossen. Ich konnte mich partout nicht erinnern.
Gestern schrieb sie mir eine Email. Und wirklich sofort beim Lesen wußte ich wieder Anbieter, Name des Geschäftsführers, hatte sogar den Tonfall seiner Stimme im Ohr und konnte Hannah die Kontaktdaten nennen.
Wieso kam mir die Erinnerung nun gerade beim Lesen ihrer Email-Frage? Komisch, mh? Und es war ja nun auch wirklich nicht so ein Adrenalin-Ding.
Ich weiß heute noch Telefonnummern von Leuten, zu denen ich seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr habe. Aber ich vergesse Namen in dem Moment, wo ich sie höre. Unangenehm, wenn mir jemand vorgestellt wird. Hannah, wie heißt der Kerl nochmal, den Du letztens mitbrachtest? (grins… nur ‘n Witz.)
@Konzertheld: Sich in eine S-Bahnhöhle zu legen mag vielleicht dumm sein, aber vom Gefühl her unglaublich positiv.
@Georg: Ja. Wenn ich mich Leuten gegenüber mit Namen vorstelle, bin ich anscheinend so froh darüber, keinen Fehler gemacht zu haben, dass ich automatisch nicht mehr zuhöre.
Ich tue etwas gegen das vergessen. Aktiv. Ich schreibe auf. Suche Fotos. Suche Erinnerungen. Und es hilft (mir).
Bei deiner Story mit der 5ten Klasse fiel mir eine MiniPlayback Show ein, bei der ich als eines der SpiceGirls teilnahm. Es war peinlich. So hinterher. Damals war es toll. Und ich war komplett mit brauner Farbe eingeschmiert.